Sasses Woche in Berlin

Friedrich Merz und die königlich-bayerische Sozialdemokratie

Der CDU-Chef hat sich mit dem Kanzler zum Abendessen getroffen. Warum das eine spezielle Form der Opposition ist und was sie mit den weiß -blauen Sozis zu tun hat.
Friedrich Merz und Olaf Scholz
Foto: (www.imago-images.de) | Friedrich Merz und Olaf Scholz beendeten ihr Schweigen und trafen sich zum Abendessen.

Königlich-bayerische Sozialdemokratie, schon mal gehört? So wurden etwas scherzhaft, aber im Kern durchaus zutreffend die Sozis genannt, die in Bayern auch schon zu Zeiten des Kinis die Opposition bildeten. Die Sozialdemokratie stand damals, zumindest in den Milieus, die das Kaiserreich getragen haben, im Verruf, den Umsturz zu planen. Ganz anders aber die weiß-blauen Roten. Sie befanden sich zwar im Gegensatz zur Regierung und sahen natürlich vieles an der damaligen Gesellschaftsordnung kritisch, das änderte aber nichts an ihrer grundsätzlichen Loyalität zum Staat, zu ihrer Heimat und eben auch zum König.

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Kanzler hat Vorrang

An diese spezielle Art der Opposition musste ich denken, als in dieser Woche Friedrich Merz bekannt machte, dass er sich kürzlich mit Olaf Scholz zu einem Abendessen getroffen habe. Drei Monate hatte zwischen Bundeskanzler und Oppositionsführer Funkstille geherrscht. Anlass war die Ukraine-Reise von Merz gewesen. Mit der hätte der CDU-Chef, so die Sicht von Scholz, warten sollen bis er selbst Kiew besucht habe. Dem Regierungschef habe der Vorrang gebührt. Doch nun seien, so zumindest Merz, alle Unstimmigkeiten ausgeräumt. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen, so wie einst unter weiß-blauem Himmel im königlichen Bayern?

 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Ein bisschen schon. Und seien wir ehrlich, im Grunde ist doch auch diese Form der Opposition den meisten Deutschen, auch jenseits des Freistaates, sehr sympathisch. Das mag unpolitisch sein, vielleicht auch ein wenig romantisch. Aber so sind die Deutschen eben. Deswegen ist es clever, wenn Friedrich Merz nicht auf Fundamentalopposition setzt. Das man damit jenseits der eigenen Kernklientel nicht unbedingt neue Anhänger gewinnen kann, zeigt das Beispiel der AfD.

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Pflicht der Opposition

Aber bei allem Hang zur Harmonie, Merz sollte daran denken, wie im Stammland des Parlamentarismus über diese Frage gedacht wird: Die Briten sprechen von "der Opposition Seiner Majestät" und stellen sie so "der Regierung Seiner Majestät" gleichberechtigt gegenüber. So unterstreichen sie, die Aufgabe der Opposition ist staatstragend. Natürlich kann es nicht um Zank um des Zankes Willen gehen. Aber die Opposition steht schon in der Pflicht, Opposition zu sein. Um das zu leisten, muss man allerdings nicht jede Woche mit Mistgabeln zum Kanzleramt ziehen. Das geht auch mit Stil. Die Bayern haben es vorgemacht.

Apropos, zur "königlich-bayerischen Sozialdemokratie" ist um die Jahrtausendwende ein heute noch lesenswertes Buch erschienen. Autor ist Georg Lohmeier, bekannt durch seine bayerischen Volksstücke ("Königlich-bayerisches Amtsgericht") und sein verschmitztes Eintreten für die Wiedereinführung der Monarchie - übrigens ein Schulfreund von Benedikt XVI.

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