Deutsch-französische Freundschaft

Deutsch-französische Versöhnung: "Hochzeit von Reims"

Die "Hochzeit von Reims" beendete den Mythos einer Erbfeindschaft und eröffnete den Sommer der deutsch-französischen Verständigung. Ein Gastbeitrag von Bernd Posselt.
Aussöhnung in Reims
Foto: Kurt Rohwedder (dpa) | Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in der Kathedrale von Reims: Ein Hochamt wurde zum Symbol und Ausdruck der Versöhnung von Deutschen und Franzosen.

Das Jahr 1962 stellte die immer noch junge Bundesrepublik Deutschland und das sich nach dem größten Krieg der Menschheitsgeschichte Schritt für Schritt einigende (West-)Europa vor schicksalhafte Entscheidungen. Ein Jahr zuvor hatte die sowjetische Besatzungsmacht, Hand in Hand mit ihrem totalitären Marionettenregime in Pankow, die Berliner Mauer errichtet und so die Zerschneidung Deutschlands und Mitteleuropas durch den Eisernen Vorhang vollendet. In den USA war mit John F. Kennedy ein junger Präsident an die Macht gekommen, dem die meisten europäischen Politiker - allen voran Konrad Adenauer - misstrauten und von dem sie befürchteten, dass er sich womöglich hinter ihrem Rücken mit den Herrschern im Kreml einigen werde. 1963 sollte die Menschheit mit der Kuba-Krise am Rand eines Dritten Weltkriegs stehen.

Es ging um Kern der europäischen Nachkriegsarchitektur

In dieser Gemengelage stand in den Augen vieler der Kern der europäischen Nachkriegsarchitektur in Frage: die deutsch-französische Aussöhnung als Motor der europäischen Einigung. Sie war das Werk des katholischen Politikers Robert Schuman aus Lothringen. 1950, fünf Jahre nach Kriegsende, besaß er als französischer Außenminister den Mut, vor der UNO offen zu erklären, Frankreich dürfe gegenüber dem besiegten Deutschland nicht denselben Fehler machen, den es nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag gemacht habe. Seine Gedanken kreisten um die Frage, wie es gelingen könne, den frei gebliebenen Teil des deutschen Nachbarlands aus seiner nach den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus unvermeidlichen Paria-Situation herauszuholen und in eine Gemeinschaft freier Völker einzubauen, für die er mit seiner Idee einer Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft 1950 den entscheidenden Impuls gab.

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Der langjährige EVP-Fraktions- und Parteivorsitzende Joseph Daul aus dem Elsass wies einmal darauf hin, dass Schuman, wenn er bei seinen französischen Landsleuten ein Referendum über die Aussöhnung mit Deutschland abgehalten hätte, 98 Prozent Gegenstimmen sicher gewesen wären. Erschwert wurde Schumans mutiger Schritt dadurch, dass er einen deutschen Namen trug und aufgrund seiner lothringisch-luxemburgischen Herkunft Französisch mit deutschem Akzent sprach, was es seinen Gegnern auf der Rechten und auf der Linken leicht machte, ihn als Verräter abzustempeln. Die Wunden der Zeit vor 1945 waren noch frisch und bluteten. Als Schuman in der französischen Nationalversammlung über seine Pläne einer deutsch-französischen Zusammenarbeit - die über Versöhnung und Verständigung hinausgingen - redete, wurde er auch von der gaullistischen Opposition mit dem Schmähruf "boche, boche!" empfangen, einem nicht eben schmeichelhaften Ausdruck für einen Deutschen.

Schumans Patriotismus war tief und echt

Dabei war Schumans französischer Patriotismus tief und echt; als übernational geprägter und regional verwurzelter Katholik wusste er aber, dass Gott Gott ist und nicht das theoretische Konstrukt einer Nation. In dem Rheinländer Konrad Adenauer, gläubiger Christ wie er und seit seinem Beitritt zur Paneuropa-Union in den 1920er Jahren engagierter Verfechter der europäischen Einigung, fand er einen kongenialen, seelenverwandten Partner. Umso größer war in den jungen europäischen Institutionen in Straßburg, Luxemburg und Brüssel, vor allem aber in der Bundeshauptstadt Bonn der Schock, als mit Charles de Gaulle 1958 in Frankreich ein Mann an die Spitze trat, der zwar große Leistungen im Kampf gegen Hitler vollbracht hatte, aber als anti-deutscher Nationalist des 19. Jahrhunderts galt. Auch Adenauers Misstrauen gegenüber dem neuen französischen Staatschef war mit Händen zu greifen. Alles in Europa Erreichte schien gefährdet.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte sich de Gaulle als nicht besonders deutschfreundlich erwiesen. Die wenigsten wussten, was etwa Otto von Habsburg als Zeitzeuge während des Kriegs aus dem Mund des Generals gehört hatte: Es gelte, den Vertrag von Verdun zu revidieren, mit dem die Enkel Karls des Großen dessen Reich in das spätere Deutschland und das spätere Frankreich aufteilten, und "die Wiedervereinigung der Ost- und der Westfranken" vorzubereiten. Solch kühne Gedanken entwickelte de Gaulle bereits, als es noch schwierig schien, das nationalsozialistische Verbrecherregime zu besiegen.

Schulterschluss mit Adenauer

Seine Haltung gegenüber dem demokratisch und westlich orientierten Westdeutschland der Nachkriegszeit schwankte und blieb zeitweise von tiefem Misstrauen geprägt, aber über den ersten deutschen Bundeskanzler sagte er am 16. März 1950: "Seit 30 Jahren verfolge ich die Taten und Vorschläge von Konrad Adenauer mit Interesse und Hochschätzung." So dauerte es nach seiner zweiten Regierungsübernahme 1958 nicht lange, bis er den Schulterschluss mit Adenauer suchte. Er lud ihn gemeinsam mit seinem Außenminister Heinrich von Brentano und dessen Staatssekretär Karl Carstens zu einem persönlich gestalteten Besuch am 14. und 15. September 1958 in sein Privathaus in Colombey-les-deux-Églises ein - eine Ehre, die so niemand anderem zuteil wurde. In stundenlangen Gesprächen stellten die beiden alten Herren, die man voreinander gewarnt hatte, eine tiefe Übereinstimmung in den meisten wesentlichen Fragen fest.

Über eine Persönlichkeit wird in diesem Zusammenhang selten berichtet, nämlich über den Gründer der vor 100 Jahren ins Leben gerufenen Paneuropa-Bewegung, Richard Graf Coudenhove-Kalergi. Er hatte schon in seinem ersten Aufruf, Europa zu einen, im November 1922 darauf hingewiesen, dass es nur durch die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich gelingen könne, einen Zweiten Weltkrieg zu verhindern und ein demokratisches Paneuropa zu schaffen. Dieser erste Anlauf zur europäischen Einigung scheiterte, aber nach dem Sturz des Nationalsozialismus konnte Coudenhove daran anknüpfen, wie er in seinen Memoiren darlegt: "Die Paneuropa-Bewegung hatte stets Frankreich als das Piemont Europas betrachtet, als den Staat, der durch Geographie und Geschichte berufen war, die Initiative zur Einigung Europas zu ergreifen." Diese Auffassung teilten die meisten Vorkämpfer der europäischen Einigung, weshalb sie es als Katastrophe empfanden, als De Gaulle im Mai 1958 wieder an die Macht kam. Coudenhove kommentiert dies in seinen Erinnerungen so: "Sie fürchteten, dass de Gaulles Frankreich den neu geborenen Europamarkt sabotieren und alle anderen Ansätze zur Einigung Europas im Namen eines extremen französischen Nationalismus vernichten würde. Ich teilte diese Sorge nicht, denn ich kannte aus zahlreichen Gesprächen mit de Gaulle dessen Einstellung zur europäischen Frage."

Auch in nationalen Kreisen schenkte man ihm Vertrauen

Schon im Herbst 1951 hatte Coudenhove de Gaulle geraten, am 28. Januar 1952, dem Feiertag Karls des Großen, als Gast der Paneuropa-Union nach Aachen zu fahren und dort die Erneuerung des Karolingerreiches im demokratischen und sozialen Geist des 20. Jahrhunderts vorzuschlagen. Deutschland und Frankreich sollten gemeinsam den Kern Europas bilden und dessen friedliche Einigung vorantreiben. Der Franzose zeigte sich begeistert von dieser Idee, auch Konrad Adenauer wurde von Coudenhove dafür gewonnen, doch de Gaulles Mitarbeiter redeten sie ihrem Chef aus, weil dies die nationalistischen, deutsch-feindlichen unter seinen Anhängern verprellen würde.

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Erst als de Gaulle wieder Präsident war und die Fünfte Republik geschaffen hatte, war es möglich, das Vorhaben einer groß angelegten Freundschaftsgeste zu verwirklichen. Coudenhove schreibt: "Er wollte nicht nur die beiden Republiken miteinander versöhnen, sondern auch die beiden Nationen." Dazu trug wesentlich bei, dass man ihm - anders als dem bedeutendsten Versöhnungspolitiker der europäischen Geschichte, Robert Schuman - auch in nationalen Kreisen Vertrauen schenkte. Zu Beginn des Jahres 1962 hatte er den Algerienkrieg durch einen "Frieden der Tapferen" beendet. Einen solchen strebte er nun im Namen seiner national geprägten Anhänger mit dem jahrhundertelangen Erbfeind Deutschland an. Am 8. Juli 1962 lud er Adenauer zu einer symbolischen "Hochzeit" des deutschen und des französischen Volkes in die Krönungskathedrale der französischen Könige in Reims ein und bat den Ideengeber Coudenhove-Kalergi hinzu.

Die beiden alten Herren setzten sich durch

Nicht nur in der Umgebung de Gaulles gab es Bedenkenträger gegen die Messe von Reims. Auch führende Mitstreiter Adenauers warnten davor, diese Geste zu akzeptieren: Sie sei zu abendländisch, zu katholisch und zu karolingisch. Vor allem atlantisch orientierte Adenauer-Kritiker im Bonner Establishment verfochten diese Ansicht. Schließlich setzten sich die beiden alten Herren durch. Es ging ihnen eben nicht nur um ein äußeres Zeichen, sondern darum, ein tiefes Fundament der Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Franzosen zu legen, das in einem gewissen Umfang heute noch trägt. Viele durchdachte Zeremonien des Tags von Reims sind längst vergessen, etwa die gemeinsame Militärparade der ehemaligen Erbfeinde, die zu dieser Zeit eine Sensation war. Coudenhove zeigte sich ergriffen, dass er, der den Zweiten Weltkrieg nicht hatte verhindern können, beim Bankett zwischen einem deutschen und einem französischen General saß.

In der Erinnerung der Völker blieb das tiefe und stille Gebet der beiden Staatsmänner, das so in die Herzen der Menschen traf, dass aus der Messe von Reims der Sommer der deutsch-französischen Verständigung wurde, mit der umjubelten Rundreise de Gaulles und Adenauers durch ganz Westdeutschland. Der "Friede der Tapferen" ist - getragen von Glauben und Mut - eine Wirklichkeit geworden, die auch in den aktuellen Zeiten von Krieg und Krise jene Kraft gibt, die Europa dringend braucht.


Der Autor ist Präsident der Paneuropa-Union Deutschland. Von 1994 bis 2014 war er Mitglied des Europäischen Parlaments.

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