Konflikt mit Aserbaidschan

Bischof Tiran Petrosyan: Für Armenien geht es ums Überleben

Bischof Tiran Petrosyan wirft der EU Doppelmoral vor, aber auch Wladimir Putin spielt ein doppeltes Spiel.
Von der Leyen zu politischen Gesprächen in Aserbaidschan
Foto: - (Aserbaidschanische Präsidialverwaltung via XinHua) | Neue Abhängigkeiten: Am 19. Juli unterzeichneten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew ein Abkommen über die Erhöhung der Gasliefermengen.

Zwei Tage währte der Angriff Aserbaidschans auf sein Nachbarland Armenien in der Vorwoche. Er kostete mindestens 135 Armeniern und – nach offiziellen Angaben – 54 Soldaten Aserbaidschans das Leben. Am Abend des 14. September trat eine Waffenruhe in Kraft. Doch von einem Frieden oder gar einer Lösung des Konflikts kann keine Rede sein. Die Attacke der Gas- und Erdöldiktatur auf seinen westlichen Nachbarn offenbart vielmehr die Kriegsziele Aserbaidschans: Für Armenien geht es um das schiere Überleben seiner Staatlichkeit.

Nicht minder aufschlussreich sind die Reaktionen der regionalen und internationalen Akteure. Nur Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die Außenminister Indiens und der USA sprangen Armenien diplomatisch zur Seite. Nancy Pelosi, die Präsidentin des US-Repräsentantenhauses eilte am Samstag sogar nach Jerewan (Eriwan), um die „illegalen und tödlichen Angriffe durch Aserbaidschan“ zu verurteilen.

Aus Brüssel kommt keine klare Verurteilung des Diktators

Anders die EU: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte vor zwei Monaten mit dem seit 2003 diktatorisch regierenden Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Alijew, eine Energiepartnerschaft besiegelt: Angesichts des brutalen Angriffskriegs Putins gegen die Ukraine sowie ihrer Sanktionen gegen Moskau will die EU schrittweise von Russlands Gas unabhängig werden. Also vereinbarte von der Leyen mit Alijew, dass Aserbaidschan seine Liefermengen von 8,15 auf 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr hochfährt. Um von dem in Moskau residierenden aggressiven Autokraten loszukommen, begibt sich die EU sehenden Auges in eine Abhängigkeit von dem in Baku residierenden aggressiven Autokraten.
Kein Wunder, dass Brüssel in der Vorwoche zwar nervös auf das Wiederaufflammen des Krieges im Kaukasus reagierte, sich aber nicht zu einer klaren Verurteilung des Diktators durchringen wollte. EU-Ratspräsident Charles Michel übte sich sogar in ahnungsloser Äquidistanz und forderte beide Seiten zu Verhandlungen auf. Als habe er nicht verstanden, wer Aggressor und wer Opfer in diesem Krieg ist, twitterte er, es gebe keine Alternative zur Diplomatie. In den gleichen Ton verfiel der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, der zu einer „Rückkehr an den Verhandlungstisch“ aufrief.

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Doch auch Russland, das bisher als Schutzmacht Armeniens galt und neben den Friedenstruppen zum Schutz des Status quo in Berg-Karabach (Arzach) auch Soldaten in Armenien selbst stationiert hat, reagierte verdächtig zurückhaltend. Trotz eines russisch-armenischen Abkommens zur Sicherung des Luftraums konnten aserbaidschanische Kampfdrohnen ungehindert Angriffe fliegen. Selbst als zwei russische Konvois beschossen wurden, gab es keine Reaktion der von Moskau geführten „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ (OVKS).

Warum Moskau nicht zur Hilfe eilt

Warum Moskau den bedrängten Armeniern nicht zu Hilfe eilt, scheint jedoch erklärbar: Zwei Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar weilte Alijew bei Wladimir Putin. Der Präsident Aserbaidschans erklärte damals gegenüber Journalisten, sein Land wolle auf dem Gasmarkt nicht mit Russland konkurrieren, sei selbst nur zu geringen Gaslieferungen in der Lage und brauche eine lange Vorlaufzeit für Liefersteigerungen.
Kein Wunder, dass armenische Kreise davon ausgehen, Putin und Alijew hätten einen Deal gemacht. Es besteht der Verdacht, dass russisches Gas über Aserbaidschan in den Westen geliefert werden soll.

Dafür spräche etwa, dass Aserbaidschan selbst seit Dezember 2021 – über den Umweg Iran – Gas aus Turkmenistan importiert, dass eine maßgebliche Steigerung der Fördermengen jahrelange Vorbereitungen bräuchte und dass der russische Konzern Lukoil längst als Miteigentümer an der Ausbeutung aserbaidschanischer Gasvorkommen durch den Energiekonzern SOCAR beteiligt ist. Eilt also Putin dem armenischen Bruder bewusst nicht zu Hilfe, weil ihm das große Gasgeschäft mit seinem neuen Freund Ilham Alijew wichtiger ist?
Nun, so ganz neu sind die Geschäftsbeziehungen zwischen Moskau und Baku nicht. Russland hat schon jahrelang daran verdient, Waffen an beide Seiten zu verkaufen: an Armenien wie an Aserbaidschan. Wenn aber der Diktator in Baku weiß, dass ihm – des Gasgeschäftes wegen – weder die EU noch Russland in den Arm fallen werden, dann ist die vereinbarte Waffenruhe bestenfalls eine kurze Feuerpause.

„Dann droht vielleicht der Dritte Weltkrieg“

Davon geht im Gespräch mit der „Tagespost“ der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan aus, der von Wien aus die armenischen Gemeinden in Mitteleuropa und Skandinavien betreut. Er spricht von einer „Kampfpause“, weil es den armenischen Soldaten gelungen sei, die Angreifer zurückzudrängen. Dörfer und Städte seien evakuiert worden, doch die Männer seien geblieben und kampfbereit. „Kein Armenier wünscht eine Eskalation, aber wir müssen damit rechnen!“, sagt der Bischof.

Bischof Tiran Petrosyan, Armenien

Das Ziel der aserbaidschanischen Offensive sei, einen Korridor quer durch Armenien zu der an die Türkei grenzenden Exklave Nachitschewan zu schaffen. Zwar habe Armenien dem verfeindeten Nachbarn den Transit durch das Land zugestanden, doch wolle Baku einen Korridor unter eigener Kontrolle. Damit jedoch würde Armenien in zwei Teile zerschnitten – und die Türkei könnte Aserbaidschan unbeobachtet und direkt schwere Waffen liefern. „Das wäre nicht nur für Armenien, sondern für die gesamte Region äußerst gefährlich“, meint Bischof Tiran Petrosyan.

Ausgerechnet der Iran scheint das verstanden zu haben. Teheran hat bereits erklärt, der Iran werde eine Änderung der Grenzen nicht zulassen. Nicht aus Liebe zu den Armeniern, sondern aus Eigeninteresse: Der Iran blickt misstrauisch auf die Aserbaidschaner, weil im Norden des Iran 15 bis 20 Millionen Aserbaidschaner leben und zum Separatismus neigen. Bischof Tiran erklärt: „Die sunnitischen Türken und die schiitischen Aserbaidschaner verstehen sich als Brudervölker. Die Iraner und die Aserbaidschaner sind keine Freunde. Wenn es tatsächlich zu einem Korridor Aserbaidschans nach Nachitschewan kommen sollte, könnte sich der Iran militärisch einmischen – nicht um Armenien zu schützen, sondern seine eigenen Interessen. Dann droht vielleicht der Dritte Weltkrieg.“

„Unverständliche und inakzeptable Doppelmoral“

Er könne angesichts dieser Lage und auch angesichts der Vertreibung der Armenier aus Berg-Karabach, der Zerstörung armenischen Kulturgutes und zahlreicher dokumentierter Kriegsverbrechen, Gräueltaten gegen armenische Zivilisten und Kriegsgefangene nicht verstehen, weshalb Europa schweige, sagt der Bischof. Er wirft der EU eine „unverständliche und inakzeptable Doppelmoral“ vor: „Es gibt Sanktionen gegen Putin, der Krieg gegen die Ukraine führt, aber ein Abkommen mit Alijew, der Krieg gegen das demokratische Armenien führt.“ Statt Geld- und Waffenlieferungen an Baku, müsse es Sanktionen geben. Falsche Ausgewogenheit bevorzuge jedoch den Aggressor. Nur eine klare Verurteilung der aserbaidschanischen Aggression, eine starke und unmissverständliche Reaktion der Weltgemeinschaft könnten eine weitere Eskalation verhindern.
Die Vereinten Nationen und die OSZE sollten Beobachter an der Grenze installieren, um sich selbst ein Bild zu machen. Aserbaidschans Behauptung, Armenien habe provoziert, sei „eine dreiste Lüge“.

Konflikt um die Region Berg-Karabach (13.09.2022)

Bischof Tiran Petrosyan rechnet stark mit einer Eskalation, weil Alijew seine Kriegsziele noch nicht erreichte, aber die internationalen Reaktionen auf die zweitägigen Kämpfe als Ermutigung verstehen musste. Der Bischof selbst reiste nach unserem Gespräch nach Armenien, um in dieser Lage bei seinem Volk zu sein und zu helfen, „wo immer ich kann“. Im Interview mit der „Tagespost“ sagt er: „Alle Männer und viele Frauen in Armenien sind bereit, ihr Land zu verteidigen. Das ist ein Existenzkampf!“

Zwar gebe es im demokratischen Armenien unterschiedliche Meinungen und derzeit große Demonstrationen, „aber in der Frage der Verteidigung des Landes sind alle einig“. Es sei nicht auszuschließen, dass es in einer Woche bereits Kämpfe um die Hauptstadt gibt. „Wenn Aserbaidschan mit Unterstützung der Türkei kämpft, dann stehen 94 Millionen Menschen 2,9 Millionen gegenüber.“ Armenien habe dafür nicht die nötigen Ressourcen: „Wir brauchen internationale Sicherheitsgarantien und Beobachter unter UNO-Kommando.“

In Aserbaidschan werde systematisch der Hass gegen die Armenier geschürt, erzählt Bischof Tiran und zeigt Fotos aus Baku, wo aserbaidschanische Schulkinder in der „Trophäen-Allee“ mit Helmen getöteter armenischer Soldaten posieren. „Es geht jetzt um die Existenz unseres Landes!“ Darum habe Katholikos Karekin II., das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, an andere Kirchenoberhäupter appelliert, Druck auf die Politik ihrer Länder auszuüben. Es müsse verhindert werden, dass jetzt noch größere Angriffe folgen.

„Dieser Konflikt hat mit Religion nur wenig zu tun“

Die österreichische Armenologin Jasmin Dum-Tragut, die sich derzeit in Jerewan aufhält, teilt im Telefonat mit der „Tagespost“ die Einschätzung des Bischofs: „Die Aserbaidschaner wollen einen Korridor durch armenisches Territorium erzwingen, der ihr Land mit Nachitschewan verbinden soll. Dadurch würden sie sich den Umweg über den Iran sparen, doch zugleich würde der Süden Armeniens abgeschnitten.“

Vertreter der internationalen Gemeinschaft sollten jetzt rasch ins Land kommen, um sich alles anzusehen. „Die Darstellung der Aserbaidschaner, sie seien von Armenien provoziert worden, ist Unsinn“, sagt Dum-Tragut. Die Armenier wollten nur Ruhe haben, doch Baku nutze die Tatsache, dass die Aufmerksamkeit jetzt auf der Ukraine liegt und habe zudem mit Europa gute Verträge abgeschlossen.

„Ich sehe in dieser Region keine Lösung, sondern nur Konfliktmanagement“, meint Jasmin Dum-Tragut ernüchtert. Für Armenien sei weder eine Aserbaidschanisierung von Berg-Karabach noch ein Abschneiden des Südens akzeptabel. „Wer Armenien kennt, weiß, dass Südarmenien das Rückgrat des Landes ist. Die Menschen im Süden Armeniens sind widerstandsfähiger und kampfbereiter; sie haben eine andere Mentalität als die Armenier in der Ararat-Ebene.“ Auch seien im Süden die wichtigsten Kulturschätze.

Religion sei ein Teil der Identität, spiele für den Konflikt aber kaum eine Rolle. „Meiner Meinung nach hat dieser Konflikt mit Religion nur am Rande zu tun. Es handelt sind um einen ethnischen und territorialen Konflikt“, meint die Armenologin.

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