Hochmut ist der große Bruder der Dummheit. Einen festen Wohnsitz hat keines der Geschwister. Mal trifft man ihn hier, mal sie dort. Momentan spricht jedoch viel dafür, dass sie gemeinsam in Essen gastieren. Dort stellten vergangene Woche die Netzwerke „F.I.V.E. – Feminismus, Intersektionalität und Vielfalt in Essen“ und „Doctors for Choice Germany“ mit freundlicher Unterstützung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) einen Frauenheilkundler und Geburtsmediziner öffentlich an den Pranger, der sich im Juli in den Ruhestand verabschiedet. Sein einziges „Vergehen“: Er hat in seinem, ein Vierteljahrhundert währenden Berufsleben noch keinen einzigen Auftragsmord ausgeführt.
„Auftragsmord“, darf man so etwas überhaupt schreiben? Antwort: Mann darf, Frau darf, Alle dürfen. „Auftragsmörder“, so pflegte niemand Geringeres als der Argentinier Mario Bergoglio, vielen besser bekannt als Papst Franziskus, des Öfteren Mediziner zu bezeichnen, die vorgeburtliche Kindstötungen durchführen. So etwa bei der Generalaudienz vom 10. Oktober 2018. Seit Wochen sprach der Jesuit auf dem Papstthron in seinen Mittwochskatechesen über die Zehn Gebote. Beim Fünften – „Du sollst nicht töten“ – angekommen, verglich er Abtreibungsärzte mit Killern. Wörtlich sagte Franziskus: „Ich frage euch: Ist es richtig, ein menschliches Leben zu ,beseitigen‘, um ein Problem zu lösen? Ist es richtig, einen Auftragsmörder anzuheuern, um ein Problem zu lösen?“ Die Antwort lieferte der am Ostermontag 2025 Verstorbene gleich mit: „Das geht nicht, es ist nicht richtig, einen Menschen, so klein er auch ist, zu ,beseitigen‘, um ein Problem zu lösen. Es ist, als würde man einen Auftragsmörder anheuern, um ein Problem zu lösen.“
Der Aufschrei ließ selbst in Medien, die dem bürgerlichen Lager zuneigen, nicht lange auf sich warten: „Bild.de“ fragte: „Was ist mit Papst Franziskus los?“ und befand: „Die Abstände, in denen Papst Franziskus mit Brachial-Vergleichen irritiert, werden kürzer.“ Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wollte gar „aus allen Wolken“ fallen und stellte die Frage in den Raum, ob diesem Papst noch etwas heilig sei? Dabei hatte Franziskus auch die längst beantwortet. Sogar in derselben Ansprache. Weil für Gott „jeder Mensch“ das „Blut Christi wert“ sei (vgl. 1 Petr 1,18–19), müsse auch der Mensch jedes Leben wertschätzen. Das anderer ebenso wie das eigene. Denn: „Was Gott so sehr geliebt hat, darf man nicht verachten!“, so Franziskus.
Rainer Kimmig, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Essen, führt für seine jahrzehntelange Weigerung, Abtreibungen durchzuführen, keine religiösen Gründe ins Feld, sondern ethische. „Ich bin überzeugt, dass man weder am Anfang noch am Ende das Leben eines anderen beenden darf: Ich könnte auch niemandem eine tödliche Spritze geben, um ihn von seinem Leiden zu erlösen“, sagt er der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Und: „Ich könnte nicht damit leben, das auch nur einmal getan zu haben.“
Darf man das? Antwort: Mann darf, Frau darf, Alle dürfen. Nennt sich Hippokratischer Eid. Der mag beim WDR der Vergessenheit anheimgefallen sein oder aber für unerheblich gehalten werden, wer weiß das schon so genau. Für das Ergebnis spielt es meist ohnehin keine Rolle, welches der Geschwister gerade den Hut aufhat.
Der Hippokratische Eid, ein Gebet
Glaubt man der Forschung, handelt es sich bei dem Hippokratischen Eid um ein Gebet, das der griechische Arzt Hippokrates von Kós (460–377 v. Chr.) seine Schüler sprechen ließ. Mit ihm riefen die Eidgeber die Heilgötter Apollon, Asklepios, Hygieia und Panakeia an und schworen, sie zu Zeugen nehmend, die ärztliche Kunst ausschließlich zum Nutzen und niemals zum Schaden von Patienten einzusetzen. Die entscheidende Passage lautet: „Nie werde ich jemandem, auch auf Verlangen nicht, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen; gleicherweise werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibendes Mittel geben: Heilig und fromm werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst.“
Nicht, dass Mediziner prinzipiell verpflichtet gewesen wären, den Eid zu schwören, obwohl es hier und da solche Traditionen durchaus gab. Mehr noch: Für die Antike, in der das Töten von Menschen weit verbreitet war und nahezu alltäglich vorkam, war der Eid, den der „Vater der Heilkunde“, wie Hippokrates auch genannt wurde, seine Schüler schwören ließ, sogar alles andere als repräsentativ. Dessen ungeachtet entfaltete er eine geradezu erstaunliche Wirkungsgeschichte. Schon die Schüler des griechischen Philosophen Aristoteles (384–322 v. Chr.) entwickelten gemäß der hippokratischen Maxime „Nur nutzen, niemals schaden“ eine Philosophie der „beneficia“, des Wohltuens. Doch erst der griechische Arzt Galen (129–215 n. Chr.), ab 169 Leibarzt am römischen Kaiserhof, der das gesammelte medizinische Wissen der Antike verschriftlichte, verhalf, indem er Hippokrates als alleinige ärztliche Autorität anerkannte, der hippokratischen Medizin zum Durchbruch.
Im Mittelalter christianisiert, prägten die Prinzipien des Eides die Ausbildung von Medizinern an den berühmten Schulen von Salerno und Montpellier. Und spätestens seit der Renaissance galt der Eid als Schlüsseldokument medizinischer Ethik. Erst 1948 wurde er durch die Genfer Deklaration, auch als Genfer Gelöbnis bekannt, abgelöst. Mit ihr wollte die Generalversammlung des Weltärztebundes eine zeitgemäßere Version des Hippokratischen Eids vorlegen – eine ohne jeden transzendenten Bezug. Hat großartig funktioniert. In den vergangenen 78 Jahren wurde die Genfer Deklaration lediglich sechs Mal revidiert und dabei jedes Mal ein wenig weiter weichgespült. Dennoch sucht man auch in ihrer aktuellen Fassung eine Pflicht des Arztes, ungeborene Kinder auf Verlangen ungewollt Schwangerer abzutreiben, vergeblich.
Die Aufklärung war noch rigoroser
Und die Aufklärung? Die war sogar noch rigoroser. Der Arzt „soll und darf nichts anderes thun, als Leben erhalten; ob es ein Glück oder ein Unglück sey, ob es Wert habe oder nicht, das geht ihn nichts an. Und maßt er sich einmal an, diese Rücksicht in sein Geschäft aufzunehmen, so sind die Folgen unabsehbar und der Arzt wird der gefährlichste Mann im Staat.“ Das schrieb kein Papst oder Kirchenlehrer an katholische Gläubige, sondern der Freimaurer und Illuminat Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), der zu den berühmtesten Ärzten des 19. Jahrhunderts zählt, 1806 in dem von ihm 1795 gegründeten „Neuen Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“ an Seinesgleichen. Die Zeitschrift entwickelte sich schnell zu einem Diskussionsforum für verschiedene alternative Therapien wie Akkupunktur, Homöopathie und Wasserheilkunde.
1801 von Weimar, wo Hufeland neben Goethe und Schiller auch Herder und Wieland zu seinen Patienten zählte, an den Hof nach Berlin berufen, wurde das Mitglied der „Preußischen Akademie der Wissenschaften“ nicht nur Leibarzt der Familie des Preußen-Königs Friedrich Wilhelms III., sondern auch Direktor und „Erster Arzt“ der Berliner Charité. Als 1810 die Berliner Universität ihre Tore eröffnete, übernahm Hufeland dort den Lehrstuhl für Spezielle Pathologie und Therapie. Daneben leitete er die Militärakademie sowie die Abteilung des Gesundheitswesens des preußischen Innenministeriums. Trotz dieser Verpflichtungen behandelte Hufeland – mit Leib und Seele Arzt – täglich bis zu 40 Patienten. Besonders am Herzen lag ihm, der als Promi-Arzt ein gut bezahltes und arbeitsscheues Leben hätte führen können, die Armenfürsorge. Als Mitglied der Armendirektion sorgte er sich darum, dass der Kranke durch die Therapien, die er benötigte, nicht verarmte und verfasste deshalb ein Arzneibuch für sparsame Therapien. Sein Hauptwerk „Makrobiotik oder Die Kunst das Leben zu verlängern“ machte ihn schon zu Lebzeiten in ganz Europa bekannt. Aber auch andere Schriften wie „Guter Rath an Mütter über die wichtigsten Punkte der physischen Erziehung der Kinder in den ersten Jahren nebst einem Unterricht für junge Eheleute die Vorsorge für Ungeborene betreffend“ und „Der Scheintod oder Sammlung der wichtigsten Thatsachen und Bemerkungen darüber“ fanden großen Anklang und zeigen, dass sich Hufeland – ganz und gar bodenständig – mit den drängenden Fragen seiner Zeit auseinandersetzte.
Hochmut und Dummheit
Und in Essen? Da reden derzeit fast alle Protagonisten wie Blinde von der Farbe. Prominentestes Beispiel: Die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Kapteinat, Mitglied des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Die sagte dem ahnungslosen WDR: „Wir hören von immer mehr Studierenden, dass sie Probleme haben, überhaupt noch in der Praxis diesbezüglich ausgebildet zu werden. Dieses Wissen darf in Deutschland nicht verloren gehen.“
Fakt ist: Die vorgeburtliche Kindstötung oder der „Auftragsmord“ (Papst Franziskus), jahrtausendelang von Christen wie Heiden als Handlung betrachtet, die gegen das wie auch immer begründete ärztliche Ethos verstößt, ist ein chirurgischer Eingriff. Und chirurgische Eingriffe sind – jedenfalls in Deutschland – Bestandteil der Facharztausbildung. Anders formuliert: Es gibt keinen einzigen chirurgischen Eingriff, der im Medizinstudium gelehrt wird. Ergo: In Essen haben Hochmut und Dummheit einen Sturm im Wasserglas entfacht, der es – dank dem WDR – bis in die Tagesschau geschafft hat. Und da wundern sich Menschen über den zunehmenden Unwillen der Bürger, GEZ-Gebühren zu bezahlen? Das verstehe, wer will.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










