Armut kann cool sein: Franz von Assisi ist für mich jedenfalls einer der faszinierendsten Heiligen. Sein 800. Todestag in diesem Jahr war für einen amerikanischen Freund und mich ein guter Grund, um auf Wallfahrt zu gehen. Von La Verna nach Assisi wanderten wir knapp eine Woche durch das Herzstück des Franzikuswegs von Florenz nach Rom. Es war eine stille Woche. Mehr als fünf Pilger begegneten wir nicht. Die Reise begann am Heiligtum in La Verna, das gleich ein Höhepunkt der Reise wurde. Hier hatte Franziskus zwei Jahre vor seinem Tod die Stigmata erhalten.
Der Ort sollte uns gleich in die richtige Stimmung für den Weg nach Assisi versetzen. Denn wie man beim heiligen Franz von Sales liest, war das Geschenk der Kreuzwunden nicht nur ein schockierendes Spektakel, sondern zeigte in höchster Form die Heiligkeit von Franziskus: Er wollte Christus nicht nur nachfolgen, sondern hatte ein großes Verlangen, wirklich wie er, den er so liebte, zu werden. So schenkte ihm Gott die Wundmale. Die Christozentrik von Franziskus rückte so in den Blick.
Der Ort, an dem der Wolf umkehrte
Von den Höhen des Heiligen Berges ging es bergab in die Hügellandschaften der Toskana und Umbriens. Der Weg führte durch historische Ortschaften wie Sansepolcro, Città di Castello und Gubbio. Bei letzterer hatte Franziskus bekanntlich erreicht, dass ein Wolf umkehrte und der Bevölkerung eine Sorge abgenommen.
Doch es war vor allem die Natur, durch die der Heilige selbst so oft reiste, die uns begeisterte. Geht man längere Zeit durch diese Landschaften und taucht immer weiter in das ständige Vogelgezwitscher und den Gesang der Natur ein, kommt man immer mehr zur Ruhe und versteht tiefer, wie Franziskus Gott auch besonders in seiner Schöpfung begegnete. In dieser Stille stieg die Dankbarkeit auf: Dankbarkeit gegenüber Gott für alles, was er so wunderbar geschaffen hat; Lobpreis für die Welt und alles darin – das eigene Leben eingeschlossen„Ich preise Dich, Herr, denn Du hast mich geschaffen.“
Mit diesem Gebet zeigt die heilige Klara von Assisi den direkten Bezug zwischen Schöpfung, auch dem eigenen Dasein, und dem Lobpreis Gottes. Man konnte nicht anders, als glückselig zu danken und über alles zu staunen zu beginnen. Da wurden die schmerzenden Blasen am Fuß bald vergessen.
Der Höhepunkt: San Damiano
Assisi langsam entgegenzuwandern war noch bewegender. Auf der letzten Etappe folgt man in entgegengesetzter Richtung dem Waldweg, auf dem Franziskus nach der dramatischen Trennung von seinem Vater die Stadt verließ. Zuvor hatte er sich von seinem gesamten Besitz getrennt. Unterwegs soll er fröhlich getanzt haben. Als einige junge Räuber ihn sahen und ihn fragten, wer er denn sei, antwortete er: „Ich bin der Bote des großen Königs.“ Auch als sie ihn dann in eine Nische voll Schnee warfen und er sich nur schwer befreien konnte, war er voll „überschwänglicher Freude“, wie Bonaventura berichtet.
Die Gebeine des Heiligen zu sehen, die bei unserer Ankunft in Assisi das erste Mal in der Geschichte zur öffentlichen Verehrung enthüllt waren, war sehr bewegend. Doch als eigentlicher Höhepunkt der Reise sollte sich San Damiano unterhalb von Assisi entpuppen. Hier hatte Franziskus den Ruf Christi erhalten, seine Kirche neu aufzubauen. Die kleine Kirche wurde auch das Kloster der heiligen Klara und der ersten Schwestern von Franziskus. Noch heute kann man das Gotteshaus, das Franziskus gebaut hat, die Kapelle für das Chorgebet, das Refektorium und den Schlafsaal der ersten Klarissen besuchen. Die Armut und Einfachheit schockieren und inspirieren.
Bleibender Friede
Unabhängig davon, wo man auf dem Franziskusweg unterwegs ist, ob in der Natur, den Einsiedeleien und kleinen Zellen oder vor dem Tabernakel, wird dem Pilger bewusst, warum der heilige Franziskus seine Braut, die Armut, so liebte. Sie ermöglichte es den ersten Minderbrüdern vor acht Jahrhunderten, sich völlig auf Jesus auszurichten. Es ist diese Einfachheit, die ein Leben der reinen Anbetung Gottes erlaubt. Der Überlieferung zufolge kam ein Fürst nach Assisi, als Franziskus und seine Mitbrüder ins Gebet vertieft waren. Draußen herrschte großer Trubel wegen des hohen Gastes. Doch Franziskus legte keinen Wert darauf, ihn zu sehen. Wenn überhaupt, sollte man den Fürsten daran erinnern, dass seine Macht nur flüchtig sei und er wie alle anderen früher oder später sterben würde. Seine weltliche Ehre wäre dann verloren.
Es schien mir manchmal merkwürdig, durch Umbrien zu wandern und in Assisi eine Auszeit zu nehmen, während in Osteuropa und im Nahen Osten Krieg herrscht. Ist es da nicht fast realitätsfern, wie Franziskus durch die Natur zu wandern und in der eucharistischen Anbetung Gott näher zu kommen? Doch auch hier bot Franziskus Orientierung: So wichtig das Weltgeschehen ist, bleibt zu bedenken, dass all dies ebenso wenig von Dauer ist wie es die zahlreichen Konflikte und Kriege im 13. Jahrhundert waren. Wer eine echte Alternative zu der Machtgier und dem Gemetzel auf Erden finden will, der suche den Frieden Christi. Er geht von stillen Orten wie La Verna und Assisi, in denen Gott angebetet und gepriesen wird, aus. Mit gutem Grund wird der arme Herold des Friedens Gottes Franziskus, nicht die Fürsten des Mittelalters, nach 800 Jahren noch verehrt.
Der Autor ist Theologe und Gründer von „Frassati Deutschland“.
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