Zwischen Griechenland und der nahen türkischen Küste liegt Kos, eine Insel, die auf den ersten Blick mit langen Sandstränden, Hotelanlagen und mediterranem Licht als klassisches Urlaubsparadies erscheint. Doch hinter dieser touristischen Fassade verbirgt sich eine reiche Geschichte, die Glaube und Heilung miteinander verbindet.
Die Insel gehört zur Inselgruppe des Dodekanes. Ihre Gestalt ist abwechslungsreich: im Osten sanfte Buchten mit Sandstränden, im Inneren Olivenhaine und Felder, die sich im Frühjahr in ein Blütenmeer verwandeln, im Westen schroffe Küsten und windumtoste Klippen. Über allem thront der Gebirgszug des Dikeos, dessen höchster Gipfel mit knapp 850 Metern das Rückgrat der Insel bildet. Von dort reicht der Blick weit über die Ägäis bis hinüber zur türkischen Küste.
Die Natur selbst galt den Menschen seit jeher als Ort der Heilung und Begegnung mit dem Göttlichen. Besonders deutlich wird das an den heißen Quellen, die die Insel an mehreren Stellen hervorbringt. Doch auch Flora und Fauna erzählen Geschichten: Gelegentlich sieht man Esel, die noch heute Lasten auf schmalen Pfaden tragen, gehörnte Ziegen weiden an steilen Hängen, und in der Inselhauptstadt gibt es vor einem Geschäft mit Inselspezialitäten Koko, einen sprechenden Papagei, der längst zur lokalen Berühmtheit geworden ist. Über die Felder ziehen sich stillgelegte Windmühlen, Zeugen einer Agrarkultur, die das Leben auf Kos über Jahrhunderte prägte. Einige sind an bestimmten Tagen zur Besichtigung für Besucher frei. Sie werden mit weißen Tüchern bespannt, wo sich der Wind verfängt und so die Mechanik der Mühle in Bewegung versetzt.
Etwa 13 Kilometer südöstlich von Kos-Stadt, direkt am Meer, liegt die berühmteste Thermalquelle der Insel: die Embros-Therme. Schon in der Antike nutzten die Bewohner das schwefelhaltige Wasser, das mit Temperaturen bis zu 50 Grad aus den Felsen sprudelt und sich in einem Naturbecken mit Meerwasser vermischt. Noch heute pilgern Besucher hierher, um sich Linderung bei Hautkrankheiten, Gelenkbeschwerden oder Atemwegsproblemen zu verschaffen.
Das Erlebnis ist intensiver als jeder moderne Spa-Besuch: Man steigt in ein von Natursteinen eingefasstes Becken, atmet den schwefeligen Geruch, spürt das heiße Wasser, das sich mit der frischen Brandung des Meeres mischt - und steht so in einer jahrtausendealten Tradition.
Über den Hügeln von Kos-Stadt erhebt sich die bedeutendste Kultstätte der Insel: das Asklepieion (der Eintritt kostet 15 Euro). Erbaut im vierten Jahrhundert vor Christus, diente es dem Gott Asklepios, Sohn des Apollon, als Heiligtum und war gleichzeitig ein Sanatorium. Das Asklepieion bestand aus mehreren Terrassen. Auf der untersten Ebene befanden sich sanitäre Anlagen und Räume für rituelle Reinigung. Darüber lag der Haupttempel, in dem Opfer und Gebete dargebracht wurden. Ganz oben, mit weitem Blick über das Meer, stand der monumentale Tempel des Asklepios. Auf den Stufen zwischen den Terrassen klingen noch heute die Schritte der Besucher wider, die aus aller Welt anreisen - Ärzte, Pilger, historisch Interessierte.
Pilgern zum Asklepieion
Das religiöse Zentrum war untrennbar mit Hippokrates (460-370 vor Christus) verbunden, dem wohl berühmtesten Arzt der Antike, der auf Kos geboren wurde. Viele Jahrhunderte lang schworen Mediziner den hippokratischen Eid, eine ethische Verpflichtung, alles zum Wohle der Patienten zu tun (zum Beispiel keine Abtreibungen, keine Unterstützung von Selbsttötungen), Verschwiegenheit zu wahren und Schaden zu verhüten. Dieser Eid ging 1948 in die Genfer Deklaration des Weltärztebundes über.
Zwar wurde das Asklepieion wohl erst nach dem Tod von Hippokrates errichtet, doch verbanden die Menschen den Ort mit seinem Namen. Hier wurden nicht nur göttliche Heilkräfte angerufen, sondern auch medizinische Praktiken erprobt: Diäten, Heilkräuter, Massagen und das berühmte „Inkubationsritual“. Die Kranken legten sich nach einem reinigenden Bad auf eine Ruheliege und warteten auf den Heilschlaf - Träume, in denen Asklepios selbst erschien und die Heilung brachte. Noch heute ist das Asklepieion ein Ort der Pilgerschaft. Ärzte aus aller Welt kommen hierher, um an den Ursprüngen ihrer Kunst zu stehen. Doch die Ruinen sind auch ein meditativer Ort für Besucher, die spüren, wie Religion und Medizin hier zu einer Einheit verschmolzen.
Religiöse Spuren durch die Jahrhunderte
Kos war nie nur Badeinsel, sondern immer auch Ort religiöser Begegnung. Neben Asklepios verehrte man Apollon, Hera und Dionysos, dessen Altar noch heute in den Ruinen von Kos-Stadt zu sehen ist. Mit der Ausbreitung des Christentums wandelte sich die Insel: Früh entstanden Basiliken, deren Reste - etwa die von Agios Stefanos bei Kefalos - bis heute zu sehen sind. Hier kann man vor den antiken Säulen und Ruinen direkt am Strand im blauen Mittelmeer baden.
Auch die Gegenwart ist von Glauben geprägt. Kleine Gebetshäuser, sogenannte Proskinitaria, stehen am Straßenrand. Sie dienen als Wegweiser, als Erinnerungsorte für Verstorbene oder einfach als stille Einladung zum Gebet. Ein stiller Ort christlicher Erinnerung ist der katholische Friedhof in Kos Stadt, wo zwischen Zypressen und Oleandergräbern kleine Kapellen stehen. Nur wenige Schritte entfernt erhebt sich die Kathedrale von Kos, die byzantinische und moderne Elemente vereint.
Im Mittelalter wurde Kos zu einer wichtigen Station im Netz der Kreuzritter. Die Johanniter übernahmen im 14. Jahrhundert die Herrschaft und errichteten eine mächtige Festung am Eingang des Mandráki-Hafens: die Johanniterburg von Neratzia. Wer vom Stadtzentrum in den Hafen kommt, wird sofort von den gewaltigen Mauern der Burg beeindruckt. Ein äußerer und ein innerer Burgring mit Türmen, Schießscharten und Wassergräben geben Zeugnis von architektonischer Meisterschaft. Viele Steine stammen aus antiken Bauwerken, sogar aus dem Asklepieion. Nach dem Erdbeben von 2017 ist leider nur noch ein Teil zugänglich.
Die Vergangenheit ist überall
Die Hauptstadt der Insel ist ein lebendiges Freilichtmuseum. Überall finden sich Spuren der Vergangenheit. Das Römische Odeon ist ein kleines, aber feines Theater aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, einst Schauplatz von Aufführungen und Ratsversammlungen. Heute sind Sitzreihen, Bühnenpodest und Teile der Mosaike erhalten. Die Casa Romana, ein prachtvolles Wohnhaus, zeigt in über 30 Räumen Wandmalereien, Marmorfiguren von Apollon, Aphrodite und einem Satyr, Münzfunde und meisterhafte Fußbodenmosaike. Die alte Agora ist heute pulsierendes Handels- und Kulturzentrum mit vielen Souvenirs und einheimischen Produkten. All diese Orte liegen im Zentrum von Kos-Stadt und lassen sich bequem zu Fuß erreichen.
Am Eleftherias-Platz erhebt sich das Archäologische Museum, ein Bauwerk aus der italienischen Zeit um 1936. Im Inneren offenbart sich die Schatzkammer der Insel: Beeindruckend ist ein Kopf der Demeter oder ein großes Fußbodenmosaik mit der Ankunft des Asklepios auf Kos. Man trifft Hermes auf einem Stein sitzend, bestaunt den Kopf eines verletzten Kriegers oder antike medizinische Instrumente, Grabbeigaben aus Mesaria und eine berührende Grabstele einer stillenden Mutter.
Kos ist aber nicht nur Kultur-, sondern auch beliebte Badeinsel. Besonders eindrucksvoll ist der Paradise Beach mit seinem azurblauen Wasser, Palmen und einem Badepark für Kinder, die hier für kleines Geld stundenlang toben können. Am Strand von Agios Stefanos verbinden sich Archäologie und Erholung: Während man zwischen den Ruinen frühchristlicher Basiliken spaziert, kann man wenige Schritte weiter ins Meer steigen.
Kos vereint die Leichtigkeit von Sonne und Meer mit einer reichen kulturellen und religiösen Geschichte. Die Insel erinnert den Besucher daran, dass Heilung nie nur körperlich gemeint war, sondern immer auch spirituell.
Der Autor ist studierter Geisteswissenschaftler und gelernter Journalist.
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