Salzburg

„3. Salzburger Bioethik-Dialoge“: Wenn Wünsche maßlos werden

Die „3. Salzburger Bioethik-Dialoge“ befassten sich in beeindruckender Manier mit der „Wunschmedizin“ und der Ideologie des Transhumanismus.
Die Journalistin Eva Maria Bachinger
Foto: Franz Schöffmann | Die Journalistin Eva Maria Bachinger, Autorin des Buches "Kind auf Bestellung" kritisierte in ihrem anschließenden Vortrag, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung meist nur um die Sehnsucht von Paaren nach Kindern ...

Lassen sich Medizin und Fortschritt noch einmal neu denken? Sie können und müssen sogar neu gedacht werden. Jedenfalls dann, wenn der Mensch vermeiden will, sich irreparablen Schaden zuzufügen und der wachsenden Gefahr entkommen will, seine Gattung abzuschaffen. Auf diese so knappe wie nachdrückliche Formel lassen sich die Ergebnisse bringen, die die „3. Salzburger Bioethik-Dialoge“ am vergangenen Wochenende zutage förderten.

Transhumanismus: Medizin wird zur „Wunschmedizin“

Veranstaltet vom „Salzburger Ärzteforum für das Leben“ in Kooperation mit der „Ärztekammer Salzburg“, der „Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde“ und der Medizinischen Privatuniversität „Paracelsus“ beleuchteten unter der Überschrift „Wunschmedizin – Zwischen Indikation und Optimierung“ zwölf Experten eineinhalb Tage lang ganz verschiedene Facetten des Themas. Auch wenn die Veranstalter das anspruchsvolle Programm, durch das die am Ende mit viel Applaus bedachte Juristin Stephanie Merckens, Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission am Bundeskanzleramt, führte, in drei Themenblöcke (Lebensanfang, Jugend und Alter) gegliedert hatten; in Summe erstreckten sich die in den Blick genommenen Optimierungsstrategien über die gesamte menschliche Lebensspanne hinweg.

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Und um das „big picture“ ging es auch zu Beginn. Den Anfang in der Großen Aula der Universität Salzburg machte dabei ein Russe. „Es ist uns ja sogar lästig Mensch zu sein – ein wirklicher Mensch mit wirklich eigenem Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach irgendwelche phänomenalen Allgemeinmenschen zu sein. (…) Bald werden wir soweit sein, dass wir von einer Idee gezeugt werden.“ Mit diesem Zitat aus Fjodor Michailowitsch Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ leitete der Heidelberger Psychiater, Psychotherapeut und Philosoph Thomas Fuchs seinen Eröffnungsvortrag ein. Ein Befund, der, wie der Inhaber des Karl-Jaspers-Lehrstuhls an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg meinte, prophetisch wirke. Denn: Ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, werde immer mehr zu einem Makel. Angesichts der von ihnen selbst geschaffenen Maschinen begännen die Menschen, sich ihrer eigenen Unvollkommenheit immer stärker zu schämen. In dem Maße, in dem die Evolution als „ein Prozess fortschreitender Differenzierung und Optimierung des Lebens“ verstanden werde, dessen Resultat „letztlich zufällig“ sei, werde „die menschliche Natur“ nicht länger „als vorgegebene Konstante“, sondern als „veränderbar“ und „der Selbstgestaltung zugänglich“ betrachtet.

Mehr noch: In dem Maße, in dem sich der Mensch in „seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand“ als „grundlegend unvollkommen“ ansehe, werde auch die Forderung lauter, „Verantwortung“ für die „weitere Entwicklung“ des Menschen zu übernehmen, anstatt sie, „einer blinden Evolution zu überlassen“. Dabei auch werde die „körperliche Existenz“ des Menschen nicht mehr als „Ermöglichung“ seiner „Lebensvollzüge“, sondern zunehmend als „Einschränkung“ seiner „persönlichen Freiheit“ betrachtet. Fuchs: „Es erscheint immer weniger akzeptabel, von körperlichen Vorbedingungen und Prozessen abhängig zu sein.“ In all dem kündige sich so etwas wie eine „grundlegende Transformation des bisherigen Menschenbildes“ an.

Die Bedeutung der Balance

Transhumanistische Optimierungsziele wie die Steigerung kognitiver Fähigkeiten, die ununterbrochene Anhäufung von Lust- und Glücksempfindungen oder gar die Abschaffung von Alter und Tod, liefen jedoch nicht nur auf den Versuch hinaus, den Homo sapiens zu überwinden und durch einen „homo optimus“ (Ian Pearson) zu ersetzen, sie stellten in Wahrheit auch gar keine Verbesserungen dar. So sei etwa ein Gedächtnis, das sich alles merken könne, auch eines, das nichts vergessen könne. „Selektion ist der Kiel, auf dem unser geistiges Schiff gebaut ist“, zitierte Fuchs den Nestor der Psychologie in den USA, William James. Welche immense Bedeutung, die „Balance“ von Erinnern und Vergessen habe, veranschaulichte Fuchs am Beispiel der „Hyperthymesie“. Menschen, die unter dieser seltenen Anomalie litten, könnten mit Hilfe ihres überentwickelten Gedächtnisses zwar „jeden Tag ihres Lebens minutiös nachzeichnen“, seien jedoch zugleich einem „ständigen Kreuzfeuer“ meist „belangloser Erinnerungen“ ausgesetzt, die sich nicht unterdrücken ließen.

Um „Balance“ gehe es auch bei den anderen Gütern. So seien „Zufriedenheit und Glück“ meist der „Ertrag von Mühe und Anstrengung“ und ständen „in der Regel durchaus im Verhältnis zum investierten Aufwand“. Bergwanderer etwa wüssten um die „Unterschiede im Glückserleben“, wenn sie einen Gipfel erklommen oder mit der Seilbahn erreicht hätten. Würden Wohlbefinden und Glück „gratis“ und „dauerhaft“ auf einem „hohem Pegel“ gehalten, so würde nicht nur das „menschliche Streben nach Selbstentwicklung und Selbstüberschreitung“ erlahmen, auch das „Glückserleben“ würde verflachen und die „Frustrationstoleranz“ zurückgehen. „Mortalität“ sei letztlich Voraussetzung für „Natalität“, der „Gebürtlichkeit des Menschen“, deren grundlegende Bedeutung Hannah Arendt gezeigt habe.

Fuchs: „Die Aussichten auf eine biologische Selbstverbesserung des Menschen erscheinen nicht gerade günstig. Jede denkbare Optimierung gerät bei Licht besehen sehr rasch in Zielkonflikte, die in der Evolution des Menschen offenbar irgendwie zum Ausgleich gebracht worden sind.“ Zwar ließen sich „vorübergehende Verschiebungen dieser Balancen zugunsten jeweils einer Seite vorstellen“, doch müsse „jede dauerhafte Umgewichtung unweigerlich in gravierende Nachteile umschlagen“. Selbst der biologische Tod, als das „vermeintlich Größte aller Übel“, lasse sich „aus dem Leben nicht wegdenken, ohne dessen Wert und Sinn in Frage zu stellen“. Es gelte daher, „unsere Leiblichkeit ebenso wie unsere leibliche Natur gegen ihre Herabsetzung und Entwertung zu verteidigen“. Sie gäben zwar „nicht von selbst vor“, was ein °gutes oder gelingendes Leben“ sei; gäben dafür jedoch „bessere Anhaltspunkte“ als alles „technisch induzierte Glück“. Der Arzt und Philosoph schloss mit dem Rat: „Geben wir uns daher mit der Conditio humana zufrieden. Sie ist vielleicht nicht das Beste, aber sicher auch nicht das Schlechteste, was uns geschehen konnte.“

Ukrainerin: Leihmutterschaft ist grausam

Im Anschluss referierte Oskar Aszmann, Leiter des „klinischen Labor für bionische Extremitätenrekonstruktion“ der Universität Wien über „Rekonstruktion an der Grenze des biologisch Machbaren und technisch Möglichen“. Anhand konkreter Patienten illustrierte der mit internationalen Preisen dekorierte Chirurg, was in diesem Bereich technisch inzwischen alles möglich ist und wie umfangreich Patienten heute nach dem Verlust von Extremitäten geholfen werden kann. Dennoch zeigt sich der Spezialist überzeugt, wo immer möglich, sei eine biologische Rekonstruktion vorzuziehen. Seine Begründung: „Maschinen kontrollieren wir, den Körper bewohnen wir.“

Am Samstag informierte zunächst die Wiener Reproduktionsmedizinerin Nicole Petrovits, Ärztliche Leiterin des Kinderwunschzentrum der Privatklinik Goldenes Kreuz, über den „Status quo der Reproduktionsmedizin“. Hätten früher fast ausschließlich Paare von der Reproduktionsmedizin Gebrauch gemacht, die aus medizinischen Gründen keine Kinder zeugen konnten, so habe sich das Klientel, das sich heute an die Reproduktionsmediziner wende, gewandelt und mit ihm auch die Wünsche, die an Ärzte herangetragen würden. Ein wiederkehrendes Thema sei beispielsweise die gesetzlich verbotene Geschlechtswahl aber auch die Festlegung des Geburtstermins, nach dem Motto: „Ich hätte gern das Kind im Mai“.

Auch gegenüber ihrer eigenen Zunft sparte Petrovits nicht mit Kritik. So machten genetische Untersuchung als „screening“ aufgrund der Bildung sogenannter „Mosaiken“ gar keinen Sinn und führten regelmäßig dazu, dass auch gesunde Embryonen „verworfen“ würden. Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), bei der ein einzelnes Spermium mechanisch in die Eizelle eingebracht wird, werde inzwischen hauptsächlich gemacht, um das „Outcome“ hochzutreiben und werde auch dann praktiziert, wenn eine Indikation dafür fehle. Befeuert würden Patientenwünsche aber auch durch Medien, die Prominente, wie zuletzt die Hollywood-Schauspielerin Hilary Swank „feierten“, die mit 48 Jahren unlängst noch Zwillinge zur Welt gebracht habe. Kaum jemand wisse jedoch, dass dafür in aller Regel eine Eizellspende nötig sein. Denn mit zunehmendem Alter gingen nicht nur die „Anzahl der Eizellen“ zurück, auch ihre „Qualität“ nehme rapide ab. So sei bespielweise bei Frauen im Alter von vierzig Jahren „nur noch jede zehnte Eizelle intakt“. Auch Eizellspenden und Leihmutterschafts-Arrangements lehnte Petrovits ab.

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Einen erschütternden Einblick in Letzteres gewährte im Anschluss das aufgenommene und eingespielte Interview einer aus der Ukraine nach Deutschland geflohenen Leihmutter. Darin berichtet „Anastasia Y.“, die gegen Honorar das im Labor erzeugte Kind eines chinesischen Paares ausgetragen hatte, dass die Bestelleltern den Kontakt zu ihr abgebrochen hätten und für sie nicht erreichbar seien. Die Gründe dafür kenne sie nicht. Auch die Klinik habe keinen Kontakt herstellen können. Als sie weigerte, das Kind auf Geheiß der Klinik abzutreiben, habe auch die Klinik den Kontakt zu ihr eingestellt. Von dem vereinbarten Honorar habe sie nur einen geringen Teil erhalten.

Die Journalistin Eva Maria Bachinger, Autorin des Buches „Kind auf Bestellung“ kritisierte in ihrem anschließenden Vortrag, dass es in der „öffentlichen Wahrnehmung“ meist nur um die Sehnsucht von Paaren nach Kindern gehe, während das oft leidvolle Schicksal der Leihmütter und der Kinder ausgeblendet würde. Dabei seien Leihmutterschafts-Arrangements ein Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die den „Verkauf und Handeln von Kindern“ verbiete.

Auf dem Weg zu einer „liberalen Eugenik“

Um den Umgang mit den Wünschen Jugendlicher nach einem anderen Geschlecht ging es im zweiten Themenblock. Hier referierten der Stellvertretende Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Alexander Korte und der Münchner Endokrinologe Heinrich Schmidt. Über die „Schönheitschirurgie als Wunschmedizin“ sprach im 3. Themenblock die Innsbrucker Chirurgin für plastische Medizin, Hildegunde Piza-Katzer. Der Münsteraner Labormediziner Paul Cullen nahm die „Chancen und Risiken der genetischen und gentechnischen Modifikationen“ in den Blick, die mit der Entwicklung der Genschere „CRISPR/Cas9“ im Jahr 2012 in bis dahin unbekannte und besorgniserregende Dimensionen vorgedrungen sind. Der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Raimund Klesse wandte sich dem „optimierten Tod“ zu, bevor gegen Ende der protestantische Theologe Oliver Dürr von der Universität Fribourg noch einmal auf das „transhumanistische Programm der Menschenverbesserung“ zu sprechen kam.

„Seriöse Philosophie“ stelle der Transhumanismus, der keine einheitliche Bewegung und zudem „völlig individualistisch“ sei, vor keine hohen Herausforderungen. Das macht ihn, wie Dürr zeigte, aber nicht bereits ungefährlich. Denn sowohl der „biologische“ als auch der „postbiologische Transhumanismus“ seien im Kern „anti-human“ und pathologisierten den Menschen. Auch befeuere die dem Transhumanismus innewohnende „Steigerungslogik“, bei dem die Evolution die „Funktion eines Weltbildes“ besitze, eine „liberale Eugenik“, wie Dürr mit Verweis auf die Dokumentation „Man and his Future“ des Symposiums der „Ciba-Foundation“ aus dem Jahr 1963 zeigte.

Etwas zu wollen, sei im Transhumanismus „ein Wert an sich“, der nicht noch einmal an andere Werte rückgebunden werde. Nach Ansicht des Theologen reicht es jedoch nicht, dem Transhumanismus kritisch zu begegnen. Erforderlich sei, so Dürr, der Entwurf einer „positiven Technikphilosophie“, die aufzeige, wie sich „Technik in unser Leben so integrieren“ lasse, dass Menschen durch sie „eine gute Zukunft“ gewännen.

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