Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Politik und Gesellschaft sich nicht länger wegducken dürfen, sondern den Kampf gegen die in mehrfacher Hinsicht menschenverachtende Praxis der Leihmutterschaft mit Entschiedenheit aufnehmen müssen, so wurde er vergangenen Freitag im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin erbracht. Dorthin hatten die Aktion Lebensrecht für Alle e. V. gemeinsam mit dem Minimal Invasiv Center Hünefeld zum Kongress „Kinder und Kommerz“ geladen.
Leihmutterschaft sei „kein Randphänomen, sondern Teil eines intensiv wachsenden, hochprofitablen Sektors“ und finde „in einem hochgradig ökonomisierten Gesundheitsmarkt“ statt. Eines, „in dem Profitkennzahlen, Marktlogik und globale Wachstumsraten“ viel stärker wögen „als die klassischen Prinzipien der Medizinethik – Patientenautonomie, Nicht-Schaden, Fürsorge und Gerechtigkeit“, erklärte der Arzt und Leiter des Minimal Invasiv Center, Kai Witzel. Je nach Definition werde der globale Markt rund um die assistierte Reproduktion derzeit auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Während einige Analysten das Marktvolumen auf rund 20 Milliarden US-Dollar bezifferten, beliefen sich andere Schätzungen auf bis zu 50 Milliarden US-Dollar. Hinzu kämen jährliche Wachstumsraten, die „mit bis zu 20 Prozent“ angegeben würden. Dabei nutzten Leihmutterschaft-Arrangements „die bestehende medizinische Infrastruktur wie Kinderwunschzentren, Kliniken, Labore, Anwälte und Versicherungen“. Gleichzeitig würden „körperliche, psychische und soziale Risiken an die Leihmütter und ihre Familien ausgelagert“, während die „ökonomischen Risiken“ nicht selten von den „öffentlichen Gesundheitssystemen aufgefangen“ würden.
In den USA könnten die Gesamtkosten eines Leihmutter-Arrangements bis zu 200 000 US-Dollar betragen und setzten sich aus Agentur- und Anwaltskosten, Versicherungen, medizinischen Leistungen und im Verhältnis dazu geringer Vergütung der Leihmutter zusammen. Der „Fertility-Markt“, in den Leihmutterschaft zusammen mit künstlicher Befruchtung, Eizellspende und Kryokonservierung eingebunden sei, wachse zudem stetig. Sowohl durch die Einbindung „neuer Zielgruppen“, zu denen schwule und lesbische Paare, aber auch queere und alleinstehende Personen gehörten, als auch durch die Zunahme ungewollter Kinderlosigkeit bei heterosexuellen Paaren.
Hüppe: „Leihmutterschaft ist Kinderhandel“
Parallel dazu träten Banken, spezialisierte Kreditgeber und Online-Plattformen auf, die Raten- und Kreditmodelle, „Buy now, pay later“-Konzepte und sogar Krypto-Zahlungen anböten. Familiengründungen würden im Spiegel solcher Systeme als „Return eines kapitalkräftigen Projekts präsentiert“, die das Kind als Ergebnis einer Investition statt als Geschenk erscheinen lasse. Leihmutterschaft fordere dazu heraus, „die Grundfrage der Menschenwürde neu zu stellen: Ist der Mensch – Mutter wie Kind – unverfügbare Person oder Wertobjekt eines Vertrags und eines Investments?“, so Witzel, der neben seiner ärztlichen Tätigkeit auch Ethikberater im Gesundheitssystem sowie Ständiger Diakon im Bistum Fulda ist.
Zu Beginn des Kongresses hatte der Bundesvorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, Leihmutterschaft als „frauen- und menschenverachtend“ bezeichnet. Vor den 130 Teilnehmern des ausverkauften Fachkongresses sagte der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete: „Leihmutterschaft ist Kinderhandel und wir müssen dafür sorgen, dass sie juristisch genauso behandelt wird.“ Mit Blick auf europäische Vorbilder forderte Hüppe, Deutschland brauche eine „Regelung ähnlich wie in Italien“, die dafür Sorge trage, „dass im Ausland organisierte Leihmutterschaften genauso bestraft werden können, wie wenn sie im Inland stattfänden.“ In seinem Auftaktgrußwort erinnerte der ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen zudem daran, dass Leihmütter in vielen Verträgen gezwungen würden, pränatale Diagnostik in Anspruch zu nehmen, und Kinder, bei denen eine Behinderung diagnostiziert würde, dann auch abzutreiben.
Die aus Brasilien live zugeschaltete UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, klassifizierte Leihmutterschaft als eine neue Form von „Sklaverei“, bei der Frauen und Kinder „entmenschlicht“ würden, und forderte einen völkerrechtlich bindenden „internationalen Aktionsplan“ gegen den globalen Kinderhandel. Gemäß dem „nordischen Modell“, mit dem skandinavische Staaten gegen Prostitution vorgehen, gelte es, politische und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Strafverfolgung von Käufern, Anbietern und Vermittlern ermögliche, die Opfer entkriminalisiere und ihnen Ausstiegshilfen offeriere. Dagegen bedeute eine Normalisierung von Leihmutterschaft, die „Ausbeutung und Ausnutzung von Frauen als akzeptabel zu bezeichnen“, so Alsalem.
„Das internationale Recht“ verbiete „Menschenhandel sowie den Verkauf von Kindern“, erklärte Felix Böllmann, Leiter der Europäischen Rechtsabteilung von ADF International. Diese Verbote stellten „nicht auf gute Absichten ab, sondern auf objektive Strukturen“. „Wo ein Kind gegen Entgelt oder vergleichbare Leistungen übertragen“ werde, sei „eine normative Grenze überschritten“. Die Unterscheidung zwischen kommerzieller und sogenannter altruistischer Leihmutterschaft erweise sich dabei als „rhetorisch und nicht als substanziell, weil auch sogenannte Aufwandsentschädigungen faktisch eine Vergütung“ darstellten. Eine „konsequente Ächtung der Leihmutterschaft“ bedeute keineswegs, „Kinder zu diskriminieren, die aus solchen Arrangements geboren wurden.“ Im Gegenteil: Das internationale Recht verpflichte vielmehr „zur Gleichbehandlung aller Kinder unabhängig von den Umständen ihrer Geburt.“ Gerade deshalb müsse „es die Praxis kritisieren, die ihre Rechte von Anfang an gefährdet. Der Schutz des Kindes verlangt Prävention, nicht bloße nachträgliche Schadensbegrenzung“, so der Jurist.
Maurel: „Leihmutterschaft vergisst immer die Kinder“
„Der rechtliche Umgang mit Leihmutterschaft“ sei daher „ein Gradmesser für das Selbstverständnis moderner Rechtsstaaten und internationaler Ordnungen. Er zwingt zur Klärung der Frage, ob das Recht jede technisch mögliche Wunschkonstellation legitimieren soll oder ob es Grenzen setzt, wo die Würde des Menschen berührt ist.“ „Das Völkerrecht“ habe sich „bewusst für Letzteres entschieden“. Es schütze „nicht die Maximierung individueller Wünsche, sondern die Bedingungen menschlicher Verletzlichkeit“. Leihmutterschaft sei denn auch „kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt hinter zentrale Einsichten des menschenrechtsbasierten Völkerrechts. Sie fragmentiert Elternschaft, instrumentalisiert den weiblichen Körper und relativiert die Stellung des Kindes als eigenständiges Rechtssubjekt.“ Das internationale Recht gebe hierfür keinen Raum. „Wer den Schutz der Menschenwürde, der Familie und des Kindeswohls ernst nimmt, kommt an einer umfassenden Ächtung der Leihmutterschaft nicht vorbei“, so Böllmann weiter.
„Leihmutterschaft vergisst immer die Kinder – ihr Wohl, ihre Beziehungen und ihre Identität. Ich bin ein solches vergessenes Kind“, erklärte die von einer Leihmutter in den USA geborene Sprecherin und Kommunikationsdirektorin der „Casablanca-Erklärung zur universellen Abschaffung der Leihmutterschaft“, Olivia Maurel. Die heute 34-jährige, glücklich verheiratete Mutter dreier Kinder hatte vergangenes Jahr ihre Autobiografie in französischer Sprache veröffentlicht. Pünktlich zum Kongress erschien die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Wo bist du, Mama? – Die Wahrheit über Leihmutterschaft.“ Wer wissen will, welche Hölle Leihmutterschaft für die so gezeugten Kinder bedeuten kann, muss dieses Buch lesen.
Identitätssuche, Loyalitätskonflikte, Alkohol- und Drogenmissbrauch, toxische Beziehungen, Abtreibung, Suizidversuch – Olivia Maurel, die im April 2024 von Papst Franziskus in Privataudienz empfangen wurde, weiß von all dem zu berichten. In Berlin erhoben sich die vielfach zu Tränen gerührten Kongressteilnehmer nach Maurels bewegendem Zeugnis zu stehendem Applaus.
Die Bestsellerautorin und „Tagespost“-Kolumnistin Birgit Kelle berichtete über die Recherchen für ihr Buch „Ich kauf mir ein Kind“, für das sie unter anderem undercover auf der Kinderwunschmesse „Wish for a baby“ recherchierte. Die Frauenrechtlerin Eva Engelken erklärte, wie ihr Verein Frauenheldinnen e. V. juristisch gegen diese Messen vorgeht (vgl. S. 3). Die slowakische Kinderpsychiaterin Anna Kovacova stellte die Fallstudie eines Jungen vor, der von einer 53-jährigen geschiedenen Frau und ihrem Lebensgefährten zur Feier ihres neuen Glücks bei einer Leihmutter in Auftrag gegeben worden war. Der katholische Moraltheologe Peter Schallenberg erläuterte in einer Videoeinspielung, wie die Entgrenzung der modernen Reproduktionsmedizin Ethik und Recht vor neue Herausforderungen stellt. Der Arzt Andreas Weber, stellvertretender Europadirektor der Ärztevereinigung „Doctors Against Forced Organ Harvesting“, klärte über die medizinischen Risiken von Leihmutterschaft auf, bevor am Schluss der Theologe Dorian Winter darlegte, warum niemand ein Recht auf ein Kind haben könne.
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