Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Jubiläum

Egoismus und Gemeinwohl

Vor 250 Jahren erschien „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith. Ein Konzept aus dem Werk hat Karriere gemacht: die „unsichtbare Hand“. Aber führt sie uns auch richtig?
Adam Smith
Foto: Imago/Dreamstime | Der schottische Ökonom Adam Smith: Die Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist bei ihm der entscheidende Gedanke der liberalistischen Wirtschaftstheorie.

Der 1723 in Kirkcaldy (Schottland) geborene Adam Smith studierte an den Universitäten Glasgow und Oxford Philosophie. Als Schüler Francis Hutchesons und guter Freund David Humes macht er Bekanntschaft mit der „moral sense“-Ethik, die er in seiner „Theory of Moral Sentiments“ (1759) analysierte. 1751 wurde Smith Professor für Logik in Glasgow, zwei Jahre später übernahm er dort den Lehrstuhl für Moralphilosophie von seinem Lehrer Hutcheson.

Lesen Sie auch:

Bekannt ist Smith heute eher für seine Beiträge zur Ökonomie. Auf einer Reise nach Frankreich (1763–1765) hatte Smith Kontakt zu Voltaire, Quesnay und Turgot. Im dem absolutistisch regierten Land setzte er sich kritisch mit den dort favorisierten Wirtschaftssystemen des Merkantilismus und der Physiokratie auseinander, deren offenkundige Schwächen ihn in seinem liberalistischen Denken bestärkten.

Zurück in England beginnt Smith mit seiner Arbeit an einer ökonomischen Theorie, die er 1776 unter dem Titel „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ veröffentlichte. Gleich zu Beginn stellt Smith klar, dass er sich in der Tradition Lockes dem Gedanken der Arbeitswerttheorie verpflichtet fühlt: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es im Jahr über verbraucht. Sie bestehen stets entweder aus dem Ertrag dieser Arbeit oder aus dem, was damit von anderen Ländern gekauft wird“.

Arbeit, Kapital, Askese

Wie kann nun der Wert dieses Fonds maximiert werden? Smiths Antwort ist die Arbeitsteilung. An seinem berühmten Stecknadelbeispiel macht er die Vorzüge arbeitsteiliger Produktion deutlich: Ein Arbeiter, der alle Arbeitsschritte der Stecknadelherstellung allein vollzieht, kann „selbst wenn er sehr fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen“.

Zergliedert man den Herstellungsprozess jedoch „in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge“ – Smith kommt auf „etwa 18“ –, so sind „10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48.000 Nadeln herzustellen“, denn aufgrund der „sinnvollen Teilung der einzelnen Arbeitsgänge“ sind die Arbeiter zu Experten für ihren Arbeitsschritt geworden und schaffen leicht ein solches, für den Einzelnen unerreichbares Pensum.

Doch nicht nur der „gesteigerten Geschicklichkeit“ der (Fach-)Arbeiter, sondern auch dem verstärkten Maschineneinsatz ist der Produktivitätszuwachs geschuldet.

Die Verdrängung der menschlichen Arbeitskraft durch die Maschine wird bei Smith noch nicht problematisiert, wohl aber spricht er die negativen Auswirkungen der arbeitsteiligen Wirtschaftsweise auf die Persönlichkeit des Arbeiters an: „Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben. So ist es ganz natürlich, dass er verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen, und so stumpfsinnig und einfältig wird.

Selbst seine körperliche Tüchtigkeit wird beeinträchtigt, und er verliert die Fähigkeit, seine Kräfte mit Energie und Ausdauer für eine andere Tätigkeit als der erlernten einzusetzen.

Seine spezifisch berufliche Fertigkeit, so scheint es, hat er sich auf Kosten seiner geistigen, sozialen und soldatischen Tauglichkeit erworben.“ Später wird dieser Gedanke von Karl Marx aufgegriffen und in den Begriff der „Entfremdung“ gefasst.

Dennoch ist die Arbeitsteilung bei Smith unabdingbare Voraussetzung für die steigende Produktivität (Wertschöpfung pro Arbeitskraft), die mit der Beschäftigungsquote (Arbeitskräfteanteil an der Einwohnerzahl) multipliziert ein Maß für den „Wohlstand einer Nation“ ergibt, das heute noch Anwendung findet, nämlich als „Sozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung“.

Arbeitsproduktivität und Kapitalakkumulation werden damit zu Garanten des Wohlstands. Dies funktioniert jedoch nur so lange, wie der Unternehmer seinen Konsum in Grenzen hält und die Gewinnverwendungsregel, die ihm die Reinvestition in Löhne vorschreibt, auch normativ versteht. Der Schlüssel liegt also in der unterstellten „calvinistischen Askese“, die der Unternehmer üben muss.

Wird diese Askese, die bei Max Weber zur „Entstehungsbedingung des Kapitalismus“ ernannt wird, nicht strikt eingehalten und kommt es stattdessen zur kontraproduktiven Erhöhung des Unternehmerkonsums bis hin zum „Luxus“, so ist der Wachstumspfad der Volkswirtschaft und damit das Gemeinwohl gefährdet. Maßvoller Konsum ist im Wirtschaftsliberalismus also nicht nur moralische Notwendigkeit für das individuelle Seelenheil, sondern auch eine ökonomische, mit Folgen für das Gemeinwohl, denn vom Konsum des Unternehmers hängt die effiziente Allokation der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit ab.

Doch warum sollte der Unternehmer, statt sein Leben in ostentativem Luxus zu genießen, asketischen Konsumverzicht üben und den „überflüssigen“ Teil seines Gewinns reinvestieren? Die Antwort, die Smith gibt, ist so verblüffend wie eindeutig: Weil er genau davon noch mehr profitiert. Denn der Unternehmer möchte auch zukünftig Gewinne erwirtschaften, also investiert er in Arbeit. Nicht aus Nächstenliebe dem Arbeitsuchenden gegenüber, sondern seiner Gewinnziele wegen.

Gerade deshalb erzielt er die optimale Wirkung auch für den Arbeitsuchenden. Denn dieser bekommt eine Stelle, nicht weil er sie aus moralischen Gründen bekommen sollte, sondern weil er dem Unternehmer mit seiner Arbeitskraft bei der Erreichung des Gewinnziels unterstützt. Dieser wiederum schafft keine Arbeitsplätze aus Mitgefühl, sondern im Hinblick auf seinen Gewinn, er denkt bei der Investition nicht ans Gemeinwohl, sondern nur an sein eigenes Interesse (self-interest).

Die „unsichtbare Hand“

Die Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist bei Adam Smith der entscheidende Gedanke der liberalistischen Wirtschaftstheorie. Smith wendet die egoistische Triebkraft der menschlichen Natur zugunsten des Gemeinwohls, sodass Eigennutz, Egoismus und Gewinnstreben nicht allein notwendig und natürlich erscheinen, sondern vielmehr wünschenswert und nützlich, denn wenn jeder Einzelne seinen Partikularinteressen folgt, resultiert daraus Wohlfahrt für alle.

Der allein nach den Erfordernissen seines Gewinnmotivs handelnde Mensch wird nolens volens auch zum Nutzen der Gemeinschaft tätig, denn er wird „von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat“. Die altruistische Forderung der utilitaristischen Ethik, nach der eine Handlungsweise gut genannt wird, deren Folgen geeignet sind, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl (Jeremy Bentham) zu erreichen, wird bei Smith also nicht um den Preis des Egoismus erreicht, sondern aufgrund des Egoismus.

Derart durch die berühmte „unsichtbare Hand“ des Marktes geleitet, kann also egoistisches Handeln positive Folgen für das Gemeinwohl haben, die gar nicht beabsichtigt sind, was eine der faszinierendsten Entdeckungen der Geistesgeschichte ist. Die Idee der „unsichtbaren Hand“ trägt nach Smith dafür Sorge, die Knappheit der Ressourcen angesichts der quasi unendlichen Bedürfnisse der Menschheit effizient zu verteilen.

In der Praxis nicht immer funktional

Nur: In der Praxis scheint das nicht immer zu funktionieren. In den vergangenen 250 Jahren sind vielstimmig Einwände gegen das Prinzip der perfekten Allokation durch die „unsichtbare Hand“ erhoben worden. Die meisten betreffen Formen des Marktversagens. Wie ist es mit externen Effekten, also Folgen des wirtschaftlichen Handelns, die selbst nicht Teil der Transaktion, gleichwohl aber spürbar sind?

Insbesondere langfristige soziale und ökologische Belange würden, so zahlreiche Autoren, durch eine reine Marktwirtschaft à la Adam Smith übersehen.

Zum Teil wurde versucht, diese Folgen in das Marktgeschehen einzubetten. Wenn etwa heute ein Preis für die emittierte Tonne CO2 erhoben wird, passiert genau das: Langfristige ökologische Schäden sollen bereits jetzt im Rahmen der Transaktion monetär ausgeglichen werden.

Doch diese Internalisierung externer Effekte hat Grenzen. Die Kategorie des Marktes ist für existenzielle Fragen menschlichen Daseins ungeeignet. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen des Menschen kann durch kein Geld der Welt bezahlt werden.

Eine besonders pointierte Kritik entwickelt in diesem Sinne der tschechische Ökonom und Philosoph Tomá(s) Sedlá(c)ek in seinem Buch „Ökonomie von Gut und Böse“ (2012). Darin setzt er gegen den allein von der „unsichtbaren Hand“ geführten Markt das Konzept einer nachhaltigen Organisation der Wirtschaft, die sowohl Umwelt als auch Gesellschaft berücksichtigt – und dafür auch die „sichtbare Hand“ des Staates braucht.

Papst Franziskus verfolgte gar mit der zum geflügelten Wort avancierten Einschätzung, dass „diese Wirtschaft tötet“ („Evangelii gaudium“, Nr. 53), seinen ganz persönlichen „Anti-Smith“.

Lesen Sie auch:

Wie auch immer man zur Kritik des Marktes stehen mag – sie zeigt, dass an Adam Smiths Wohlstand der Nationen auch heute keiner vorbeikommt, der sich fundiert zur Wirtschaft äußern will.


Der Autor ist Philosoph und lebt in Berlin.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Josef Bordat Adam Smith David Hume Gemeinwohl Karl Marx Max Weber Papst Franziskus Voltaire

Weitere Artikel

Wirtschaft, „die tötet“? Auf den deutschen Mittelstand trifft das zweifellos nicht zu. Sein gesellschaftlicher Beitrag geht weit über messbare Statistiken hinaus.
04.02.2026, 11 Uhr
Friederike Welter
Die Digitalisierung ist kein rein technischer Vorgang, sondern kulturprägend. Es drängt sich die Frage auf, inwieweit die Digitalisierung Auswirkungen auf die Religion zeitigt.
23.01.2026, 19 Uhr
Werner Thiede
Warum künstliche und tierische Intelligenz nicht unähnlich sind, das menschliche Verstehen aber doch etwas Anderes: Teil 1 der „Tagespost“-Serie „Person, Tier und KI“.
27.11.2025, 19 Uhr
Johannes Hattler

Kirche

Leo XIV. will zu den Anhängern des „Vetus Ordo“ Brücken schlagen. Seine Weisung an die Bischöfe Frankreichs weicht von der Linie seines Vorgängers ab.
26.03.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Symposion: Ein wissenschaftlicher Blick auf Ursprung und Entwicklung kirchlicher Synoden.
27.03.2026, 11 Uhr
Reinhild E. Bues
Ein volles Seminar ist kein unerfüllbarer Wunschtraum: Im Vorfeld des Papstbesuchs in Madrid und Barcelona hat der Primas von Spanien eine ermutigende Botschaft.
26.03.2026, 17 Uhr
Regina Einig