Kosaken

Geschichte der Kosaken: Folklore und Krieg

Die Kosaken haben in der Geschichte der Rus verschiedene Rollen gespielt. Sie waren die Eliteneinheiten des Zaren bei der Eroberung des Riesenreiches, aber sie wurden auch bekämpft wegen ihres Freiheitsdranges. Putin machte die Kosaken zu einem Teil seiner rückwärtsgewandten Geschichtskonstruktion.
Gläubiger Kosake in Starocherkasskaja
Foto: dpa | Ein Kosake in Uniform steht vor dem Altar in der Auferstehungskathedrale in der Ortschaft Starocherkasskaja (Russland) vor der Ikonostase.

Die ersten Kosakeneinheiten entstanden im 15. Jahrhundert, sie waren russisch- oder ukrainischsprachige Freibeuter, die sich in den Grenzgebieten des Zarenreiches mit slawischen oder tatarischen Bauern vermischten und gleichzeitig diese bekämpften. Ihr Name leitet sich ab vom turksprachigen „qazaq“ (freie Krieger). Der Begriff bezog sich eher auf eine Lebensweise, weniger auf ethnische Zugehörigkeit, auch wenn sich eine kleine Gruppe von heute 60 000 Personen in Russland als eigene Volksgruppe betrachten.

Entlang den Grenz-Flüssen Wolga, Don, Dnjepr und Ural bildeten die Kosaken die schnelle Eingreiftruppe für den Zaren, aber ihre Freiheit und Autonomie gaben sie nie auf. Die Kosaken waren die treibende Kraft Russlands im Kampf gegen den Erzfeind, die muslimischen Tataren. Die Kosaken besiegten sie mit ihren eigenen Waffen, weil sie sich deren Lebensweise selbst zu eigen gemacht hatten und sich mit ihnen vermischten, aber sie blieben Christen. Im Kampf gegen muslimische Völker stärkte sich ihr christlicher Glaube, Werte wie Kameradschaft, Freundschaft und Gastfreundlichkeit haben sie aber eher von Muslimen übernommen. Kosaken waren Söldner und „freie Krieger“ zugleich, sie verbanden staatstreuen Patriotismus mit großem Freiheitsstreben. Neben imperialistischen Zügen weist das Kosakentum auch anarchistische und autonom-demokratische Züge auf. Deshalb blieben sie auch unter den Zar/innen suspekte Objekte. Die Kosakengemeinschaften nahmen auch Bauern auf, die vor der Leibeigenschaft der Zaren geflüchtet waren und Altgläubige, die die Reformen der orthodoxen Staatskirche nicht mitmachen wollten. Zweimal, unter den Atamanen (so lautet die traditionelle Bezeichnung eines Kosakenführers) Stenka Rasin und Jemeljan Pugatschow, lehnten sie sich im 17./18. Jahhrundert auch gegen den Zaren auf.

Staatsfeinde der Sowjets

Unter den Sowjets waren die Kosaken, die zum größten Teil auf Seiten der Gegner der Bolschewiken im Bürgerkrieg gekämpft hatten, so etwas wie Staatsfeinde Nummer eins. Erst 1992 wurden sie rehabilitiert, Kremlchef Wladimir Putin hat ihren kriegerischen und nationalistischen Nutzen wieder entdeckt. Ataman Nikolai Doluda wurde durch Putin zum Oberhaupt der gesamtrussischen Kosaken-Gesellschaft ernannt. Die Kosaken werden unter Putin zur patriotischen Erziehung der Jugend und für den Staatsdienst herangezogen. Vom Kindergarten über die Schule bis zu „Kosakenuniversitäten“ reicht das Angebot. Kosakenverbände dürfen sogar seit einigen Jahren in der Siegesparade des 2. Weltkrieges in Moskau mitmarschieren, obwohl die Mehrheit der Kosaken damals in Hitlers Wehrmacht gegen die Sowjetunion gekämpft hat. Heute gibt es mehr als 2 600 Kosaken-Gesellschaften mit 170 000 Mitgliedern in Russland, etwa sieben Millionen, d.h. 5 Prozent aller Russen, fühlen sich als Nachkommen von Kosaken. Der Kreml fördert und nutzt das nachsowjetische Neu-Kosakentum für seine Zwecke. In allen Kriegen seit 1992, angefangen von Transnistrien, waren und sind neugegründete Kosakenverbände im Einsatz. Allerdings bei den beiden Tschetschenienkriegen seit 1990, versagten auch sie wie die gesamte russische Armee. Dabei war der Kaukasus eines ihrer ureigensten Kampfgebiete.

Putin hatte gemerkt, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein verbindendes Element in der russischen Gesellschaft fehlt. Dieses Vakuum soll die orthodoxe Kirche aber auch das Kosakentum füllen. Während die orthodoxe Kirche Putins neo-imperiale Politik nur propagandamäßig unterstützt, tun dies die Kosaken mit Waffen in der Hand. Aber unter den älteren Kosaken gibt es auch Widerstand gegen ihre Vereinnahmung durch Putin, der von dem Ex-Ataman der Kuban-Kosaken, Wladimir Gromov, angeführt wird. Denn führende Kosaken werden, wie die gesamte Elite Russlands in das staatsnahe Oligarchen-Business – das eigentliche Rückgrat von Putins neo-imperialer Staatsmaschine – eingebunden; damit sei die „heldenhafte Epoche“ der Kosaken vorbei, argumentieren sie.

Kosakentum und orthodoxe Kirche

Obwohl in den ersten Jahrhunderten unter den Kosaken eher die in Opposition zur russischen Staatskirche entstandenen Altgläubigen überwogen, fanden mit wachsender Stärke während der langen Kaukasuskriege im 19. Jahrhundert die Kosaken wieder zur offiziellen orthodoxen Kirche zurück. Damals wurde dem Zar der Ehrentitel „Erhabenster Ataman aller Kosakenheere“ verliehen. Von den elf Kosakenheeren war nur das vom Kuban ukrainischsprachig. Die Kosakenheere, vom Don bis Ussuri, waren zu dieser Zeit Gebiete mit starken Judenpogromen, im russischen Bürgerkrieg von 1917 bis 1920 waren es die Gebiete, die am längsten zum Zaren und der Weißen Armee der antibolschewistischen Kräfte hielten. Die Kosakenverbände, die nach der Niederlage die Sowjetunion via Krim in die Türkei verließen, waren auch der Kern der damals gegründeten auslandsrussischen orthodoxen Kirche im Westen. Kosakentum und Orthodoxie fanden in dieser Kirche im Westen, wo viele russisch-orthodoxe Gemeinden neu entstanden, zu einer neuen Harmonie.

In den Kirchen des russischen Exils mit ihren Zentren in Paris und Genf hingen weiter die Bilder des Zaren, die wie Ikonen verehrt wurden. Die ersten orthodoxen Priester in diesen Kirchen entstammten kosakischen Familien. Gegenüber den Vorgängen in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die auslandsrussischen Kirchen zunächst sehr skeptisch. Erst im Mai 2007 stellten der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Alexei II., und das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Auslandskirche, Metropolit Lawr, in New York, in Moskau die volle kanonische Gemeinschaft wieder her. Einzelne Teile der Auslandskirche zögern jedoch bis heute, sich dieser Vereinigung anzuschließen und haben sich dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt.

Patriotismus des Neu-Kosakentums

Das Moskauer Patriarchat der russisch-orthodoxen Kirche unter Kyrill I. unterstützt den Patriotismus des Neu-Kosakentums ausdrücklich, aber bleibt weiterhin skeptisch und aufmerksam gegenüber den anarchistischen und basisdemokratischen Tendenzen in den Kosakenverbänden. Ein Synodalkomitee für den Umgang mit Kosaken im Moskau hat deshalb ein waches Auge über sie.

Wie Kyrill fordern auch die Kosaken die Wiedereinführung der Monarchie unter den Romanovs. Der Thronanwärter Georgi Michailowitsch ist auch ein Ururenkel des deutschen Kaisers Wilhelm II.

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Nie zuvor seit Ende der Sowjetunion hatten in Russland historisierende Parolen wie jene von der „Russischen Welt“ (Russkij Mir) solch eine Konjunktur wie seit der Besetzung und Annexion der Krim 2014. Putin hatte im Verbund mit Patriarch Kyrill die Krim zur Wiege der orthodoxen Kirche, was sie nie war, und zum Meilenstein der vaterländischen Geschichte hochstilisiert. Bereits 2013 forderte Putin historische Lehrbücher „in der Logik einer russländischen Imperial-Geschichte“ umzuschreiben. Der Ukraine, Moldawien und Kasachstan sprach er eine historische Existenzberechtigung ab.

Rückbesinnung auf kosakische Traditionen

Auch die offizielle Geschichtsschreibung der unabhängigen Ukraine basiert seit 1991 auf dem Kosakentum. Das 1648 gegründete Hetmanat der Saporoger (ukr. Saporischschja) Kosaken spielt dabei eine besondere Rolle, obwohl unter Katharina der Großen das Saporoger Hetmanat, das Herzstück der heutigen Ukraine, 1765 eine russische Provinz wurde. Die Rückbesinnung auf kosakische Traditionen trat bei den Protesten auf dem Kiewer Maidan Ende 2013 als basis-demokratische und pro westliche Tendenz wieder in Erscheinung. Der Kosakenführer Mihailo Gavryluk wurde damals von Polizeikräften des russlandfreundlichen Präsidenten Janukowitsch auf dem Maidan schwer misshandelt. An die 50 Kosakenorganisationen unterstützen im Krieg um den Donbass die territoriale Integrität der Ukraine, als „freie Kosaken des Saparoger Heeres“, das im ukrainischen Nationalmythos eine herausragende Rolle spielt.

Militärisch sind Kosakenverbände im Ukraine-Konflikt aber stärker auf russischer Seite aktiv. Etwa tausend Kosaken unterstützten im März 2014 die Annexion der Krim. Noch stärker war die Beteiligung von Kosaken an den Kämpfen im Donbass. Dort waren es sogar 5 000 ukrainische Staatsbürger die als Mitglieder kosakischer Verbände in den Regionen Luhansk und Donezk für die russische Sache kämpften. Vor allem in der „Volksrepublik Luhansk“ hofft Ataman Kositsyn mit Hilfe seiner „Kosakischen Nationalgarde“ im Herzland der Don-Kosaken in der Region Rostow ein ukrainisch/russisches Hetmanat neu zu errichten, das bereits in der kurzlebigen Don-Republik während des russischen Bürgerkriegs existierte.

Historischer Mummenschanz

Der Aufmarsch von Kosaken bleibt für viele Russen jedoch nicht mehr als ein historischer Mummenschanz, bestenfalls Folklore, auch wenn er vom Kreml unterstützt wird. Selbst in einer Region wie Krasnodar, einst ein Kosakenzentrum in Südrussland, wo die staatliche Förderung besonders stark ausgeprägt ist, bilden Kosaken heute nicht mehr die regionale Identität, allenfalls die Folklore. Der staatliche Rückgriff auf das historische Symbol Kosakentum ist nur ein Mosaik in einer nationalistischen und rückwärtsgewandten Entwicklung, an die außer Putin nur wenige Russen glauben und mit der Putin Russland weiter in die Isolation und Selbstgefälligkeit treibt.

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