Orthodoxie

Ideologie, Häresie und Verbrechen

Ukrainisch-orthodoxe Priester seiner Jurisdiktion streben nach der Amtsenthebung des umstrittenen Moskauer Patriarchen.
Russisch-orthodoxer Patriarch Kyrill I.
Foto: Natalia Gileva (KNA) | Hunderte Priester werfen dem Moskauer Patriarchen Häresie und Verbrechen vor. Sie fordern jetzt seine Absetzung.

Glaubt man dem mächtigen Außenamtschef der russischen Orthodoxie, Metropolit Hilarion, dann arbeiten der Vatikan und das Moskauer Patriarchat derzeit an einem zweiten persönlichen Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill – vielleicht im Juni im Libanon. Für Kyrill wäre die bloße Tatsache einer medial auszuschlachtenden Begegnung unter den aktuellen Umständen ein riesiger Prestigegewinn.

Lesen Sie auch:

Immer mehr Bischöfe auf Distanz

Seit Beginn des russischen Feldzugs gegen die Ukraine hat die eindeutige Positionierung des Patriarchen an Putins Seite nämlich gewaltige Zentrifugalkräfte freigesetzt: Weltweit kritisieren immer mehr orthodoxe Theologen und Würdenträger Kyrills Eintreten für den Krieg und die Tatsache, dass er für die Opfer der russischen Aggression bisher kein Wort des Bedauerns, des Mitleids oder des Trostes fand.

In der Ukraine gehörte vor dem Krieg die klare Mehrheit der orthodoxen Priester und Gemeinden zu Moskaus Jurisdiktion, also zur „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOK-MP), nicht zu der vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios legitimierten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU). Doch immer mehr Priester und Gemeinden wechseln die Fronten, immer mehr Bischöfe nennen den Namen Kyrills nicht mehr in der Liturgie. Selbst Kyrills Statthalter in Kiew, Metropolit Onufrij, rückt bereits auf Distanz.

Kirchliches Gericht soll entscheiden

Etwa 400 Priester der UOK-MP gehen noch weiter: Sie wollen, dass der Patriarch von Moskau und ganz Russland vor ein kirchliches Gericht gestellt und seines Amtes enthoben wird. In einem gemeinsamen Appell fordern sie die Vorsteher der orthodoxen Kirchen weltweit auf, die militärische Aggression Russlands gegen die Ukraine klar und unmissverständlich zu verurteilen sowie Putin aufzufordern, „den Krieg sofort zu beenden und alle besetzten Gebiete der souveränen Ukraine freizugeben“.

Die Doktrin der „russischen Welt“ (russki mir), „die seit vielen Jahren von Patriarch Kyrill gefördert wird und die zu einer der ideologischen Rechtfertigungen für den Krieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine geworden ist“, müsse auf gesamt-orthodoxer Ebene überprüft und bewertet werden, heißt es in dem Appell, der dieser Zeitung vorliegt. Kyrill solle vor Gericht gebracht werden, um „ihm das Recht zu nehmen, den patriarchalen Thron zu halten“.

Die orthodoxen Geistlichen aus der Ukraine, die noch zum Moskauer Patriarchat gehören, werfen Kyrill vor, die Doktrin der „russki mir“ zu verbreiten, „die nicht der orthodoxen Lehre entspricht und als Häresie verurteilt werden sollte“. Tatsächlich hat die Orthodoxie den Ethnophyletismus, also die Identifikation einer Kirche mit dem Nationalismus ihres Landes, 1872 in Konstantinopel als Häresie verurteilt.

Offensichtliche Anzeichen eines Völkermords

Weiter heißt es in dem Appell: „Kyrill beging moralische Verbrechen, segnete den Krieg gegen die Ukraine und unterstützte uneingeschränkt die aggressiven Aktionen der russischen Truppen auf dem Territorium der Ukraine.“ Für die Absetzung eines Moskauer Patriarchen gebe es sogar einen historischen Präzedenzfall, heißt es in dem Text, dessen Erstunterzeichner der orthodoxe Erzpriester Andriy Pinchuk aus der ukrainischen Diözese Dnipropetrowsk ist. 1666 hätten die Patriarchen der Orthodoxie den Moskauer Patriarchen Nikon verurteilt und ihm den Bischofsrang entzogen.

Nikon habe sich daraufhin als einfacher Mönch zur Buße in ein Kloster zurückgezogen. Angesichts des „brutalen Kriegs der Russischen Föderation gegen die Ukraine“ sehen es die unterzeichnenden Priester als ihre „pastorale Pflicht, an die Fülle der Weltorthodoxie zu appellieren“.

Anzeichen für Völkermord

Sie weisen ausdrücklich darauf hin, dass bereits Tausende Zivilisten getötet wurden und das Vorgehen der russischen Armee „offensichtliche Anzeichen eines Völkermords am ukrainischen Volk“ habe. Sowohl der Primas der UOK-MP, Metropolit Onufrij, als auch der ukrainische Synod der orthodoxen Bischöfe habe an Patriarch Kyrill appelliert, „sich dem Krieg zu widersetzen und zur Beendigung der militärischen Aggression beizutragen“.

Das habe Kyrill jedoch ignoriert, und stattdessen „wiederholt öffentliche Erklärungen abgegeben, die eine tatsächliche Unterstützung für die aggressiven Aktionen der Russischen Föderation gegen die Ukraine enthielten“. Tatsächlich stellte sich Onufrij, im Gegensatz zu seinem Chef in Moskau, vom ersten Kriegstag an gegen die russische Invasion.

Lesen Sie auch:

Kyrill habe mehrfach behauptet, dass er die orthodoxen Christen in der Ukraine als Teil seiner Herde betrachte, und doch segne er heute „direkt die physische Zerstörung dieser Herde durch russische Truppen“. Diese Reden und Handlungen von Patriarch Kyrill hätten eine „Massenempörung unter den Geistlichen und Gläubigen der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche“ ausgelöst. Viele Diözesen und noch mehr Priester würden den Namen des Moskauer Patriarchen nicht mehr im Gottesdienst nennen und damit ihr „Misstrauen gegenüber Patriarch Kyrill“ ausdrücken.

Kanonische Unterordnung unmöglich


Das allein reiche jedoch nun nicht mehr. Es sei ihnen unmöglich geworden, weiter „in irgendeiner Form der kanonischen Unterordnung unter den Moskauer Patriarchen“ zu verbleiben. „Das ist das Gebot unseres christlichen Gewissens“, heißt es in der Erklärung. Kyrill sei „einer der Hauptideologen der Doktrin der russischen Welt“. Seine Aussagen stünden „im Einklang mit der russischen Staatspropaganda, die die Existenz der ukrainischen Nation und Kultur ablehnt und daher das Recht auf eine eigene Staatlichkeit für die Ukrainer nicht wirklich anerkennt“. Die Autoren des Appells bilanzieren: „Die Tragödie, die sich heute in der Ukraine abspielt, ist auch das Ergebnis der Politik, die Patriarch Kyrill während seiner Amtszeit an der Spitze der russisch-orthodoxen Kirche verfolgt.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Das Moskauer Patriarchat bleibt auch nach der päpstlichen Intervention bei seiner, also bei Putins Sicht des Krieges.
17.03.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Der Moskauer Patriarch beschädigt mit seiner Kriegstreiberei nicht nur sein eigenes Image, sondern die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung.
25.05.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stephan Baier Bischöfe Häresie Mönche Papst Franziskus Russisch-Orthodoxe Kirche Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der deutsche Katholizismus ist gelähmt. Er spielt in gesellschaftlichen Debatten kaum noch eine Rolle. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Bischöfe.
26.05.2022, 09 Uhr
Manfred Spieker
Weil der deutsche Katholizismus trotz Auflösungserscheinungen Wortführer in der Gesellschaft bleiben will, wird der Glaube beschwiegen. Der Missionsauftrag bleibt auf der Strecke.
25.05.2022, 19 Uhr
Christoph Böhr
Am Samstag können Sie sich zusammen mit der Tagespost-Volontärin Emanuela Sutter über Ihre Erfahrungen mit dem Katholikentag und über Themen rund um die Tagespost unterhalten.
25.05.2022, 12 Uhr
Redaktion
Religionsunterricht weiter gut besucht. Kirchensteuer wird kritisch gesehen. Für katholische Schulen wäre eine zweckgebundene Spende eine gute Alternative.
25.05.2022, 08 Uhr
Vorabmeldung