Würzburg

Jugendliche werden zu sexuellen Missbrauchstätern

Nacktfotos ins Internet stellen. Das ist für beinahe alle Menschen unvorstellbar. Dennoch versenden immer wieder Jugendlich "intime Bilder" an "Freunde". Kaum verwunderlich, dass solche Bilder im Netz auftauchen und zu katastrophalen Folgen führen - seien es soziale Ächtung oder gar Vergewaltigungen.
Symbolbild für Mobbing im Netz
Foto: Imago Images | Die Weitergabe sogenannter "Sexting-Bilder", also Bildern mit "nackten Tatsachen", kommt unter Jugendlichen häufiger vor als allgemein angenommen; mit schlimmen Folgen.

Kerstins* Leben ist so gut wie vollständig im Internet dokumentiert. Kein Wunder, denn sie gehört ja zu den „Digital Natives“, zu denjenigen also, die geboren wurden, als das Internet bereits existierte. Auf Facebook oder Instagram, Snapchat oder TikTok hat sie immer wieder Fotos gepostet ... bis zu dem Augenblick, als ihr Freund sie bat, ihm ein „intimes“ Foto zu schicken. Weil sie in ihn so verknallt war, konnte sie sich doch nicht weigern, obwohl ihr nicht richtig wohl dabei war. Ein richtiger Albtraum wurde aber wenig später daraus, als sie feststellen musste, dass das Bild im Netz verbreitet wurde.

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Ganz gleich, wohin sie kam – sie wurde das Gefühl nicht los, dass alle überall über sie tuschelten. Denn „online verübte sexuelle Gewalt hinterlässt genauso traumatische Spuren wie analoge Gewalt“, sagt im Gespräch mit der „Tagespost“ Julia von Weiler. Sie ist Vorstandsmitglied des Vereins „Innocence in Danger“, der den weltweiten Schutz der Kinder vor Missbrauch, besonders auch im Internet, zum Ziel hat, und in den letzten Jahren mit seiner Präventionsarbeit 100 000 bis 120 000 Jugendliche und Erwachsene erreicht hat. Missbrauchs-Fotos und -Videos verbreiten sich immer häufiger im Internet: Im Jahre 2019 registrierte die in England ansässige gemeinnützige Stiftung „Internet Watch Foundation IWF” 132 000 solche Darstellungen – ein Anstieg von 26 Prozent gegenüber 2018 und doppelt so viele wie 2016.

Pornografie ist wenige Klicks entfernt

Beim Internet-Missbrauch von Minderjährigen mag man zunächst einmal an „Cyber Grooming“ denken, bei dem erwachsene Männer die Naivität, die Unwissenheit oder Unerfahrenheit von jungen Menschen im Netz schamlos ausnutzen. „Innocence in Danger“ zufolge haben in Deutschland 728 000 Erwachsene missbräuchliche Online-Kontakte mit Kindern.

Der gemeinnützige Verein schätzt, dass 19 Prozent aller Mädchen schon sexuelle Bilder von sich geschickt haben. Warum lassen sich Jugendliche auf „Sexting“ – das aus „Sex“ und „Texting“ zusammengesetzte Kunstwort meint das Verschicken von erotischen Bildern oder auch Videos per SMS oder Messengerdiensten – ein? Psychologin Julia von Weiler: „Weil jemand dazugehören oder auch angeben möchte.“ Sexting werde als Liebesbeweis, als Zeichen, dass man der Partnerin/dem Partner komplett vertraue, gesehen. Außerdem: „Jugendliche wollen Grenzen ausloten.“ Bilder oder Videos von Jugendlichen ausschließlich zu privaten Zwecken und mit Einwilligung der gezeigten Person zu verschicken, ist rechtlich erlaubt.

„Weil jemand dazugehören oder auch angeben möchte.“

Untersagt ist jedoch eine Weiterleitung solcher Darstellungen an Freunde und Bekannte – wie etwa bei Kerstins „freizügigem“ Bild –, das Hochladen auf eine öffentliche Plattform, oder auch die Entstehung des Bilds oder Videos ohne Einwilligung. Inzwischen wird laut Julia von Weiler jede vierte sexuelle Straftat gegen Minderjährige von Jugendlichen verübt. Die Psychologin erklärt es mit dem „Spaß an der Bloßstellung oder auch an der Ausübung von Macht und Dominanz“ bei der Verbreitung sexueller Darstellungen von Bekannten, Schulkameraden oder Freunden. Die verheerenden Folgen des online verübten sexuellen Missbrauchs für die oder den Betroffene(n) schilderte ausführlich bereits im November 2013 ein Bericht in der „Main Post“:

Eltern müssen mit ihren Kindern sprechen

Die 14-jährige Außenseiterin Lisa wurde von drei Klassenkameradinnen mit der Einladung zu einer Party regelrecht in die Falle gelockt: Nachdem reichlich Alkohol geflossen ist, drehen die vier ein „Oben-Ohne-Video“ mit sexuellen Handlungen. Als Nichteingeweihte achtet Lisa als Einzige nicht darauf, dass ihre Haare das Gesicht verdecken, so dass lediglich sie auf dem Video erkennbar ist, das bald in der Schule die Runde macht.

Abends hat es zu mehr als 100 Klicks auf Foren, Gruppen und Blogs gebracht. Lisa machte sich zum Gespött der ganzen Schule und litt unter Untergewicht, Depressionen, Schlafstörungen und Selbstmordgedanken, so dass sie schließlich in eine Klinik gebracht werden musste. Hinzu kam, dass ihre Eltern keinerlei Erfahrungen mit dem Internet hatten. Schließlich wurde die Situation so unerträglich, dass die Familie beschloss, von Würzburg nach Norddeutschland zu ziehen. Durch ihre „Internet-Ferne“ konnten Lisas Eltern nicht wissen, dass Pornographie für Kinder und Jugendliche genauso wenige „Klicks“ entfernt ist wie für Erwachsene.

Erschreckend hohe Zahlen bei sexuellem Missbrauch

Ebenso wenig können sie sich offensichtlich vorstellen, dass Studien zufolge jedes vierte Mädchen und jeder siebte bis neunte Junge bis zum 18. Lebensjahr Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, oder dass laut einer Studie der Universität zu Köln aus dem Jahre 2005 – heute sind die Zahlen aller Wahrscheinlichkeit nach höher – 38,2 Prozent der 10–19-Jährigen in Chats ungewollt sexuell angesprochen wurden.

Eltern müssen jedoch „Wege finden“, um mit ihren Kindern „ohne Scheuklappen“ über die Gefahren des Internets zu sprechen, empfiehlt Julia von Weiler, auch wenn es ihnen genauso peinlich wie ihren Kindern sein könne, oder sie in ihrer Jugend selbst ähnliche, „verstörende Erfahrungen“ gemacht hätten. Ausführliche Hilfestellung bietet etwa auch „Innocence in Danger“ unter der Rubrik „Für Eltern/Erzieher“. Denn um Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen, müssen sich Erzieher, vor allem aber Eltern dem Problem stellen. „Sexueller Übergriff“ kann die Weitergabe von „Sexting“-Bildern durch Gleichaltrige, aber auch schwerer sexueller Missbrauch Minderjähriger sein. Das mussten die 13-jährigen Sandra* und Clara* erfahren, die seit ihrer Kindheit beste Freundinnen sind. Gemeinsam chatten sie beispielsweise auch im Internet, weil es so mehr Spaß macht und sich besser aufpassen lässt, „weil es solche Typen gibt, die echt nerven“.

Am Ende steht manchmal sogar Vergewaltigung

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Über ein lokales Netzwerk lernen Sandra und Clara drei etwa Gleichaltrige im Alter von 14 bis 16 Jahren. Sie verabreden sich an einer S-Bahn-Station – eine Vorsichtsmaßnahme, denn Treffen in der Öffentlichkeit und in einer Gruppe bergen weniger Gefahren als in privaten Räumen zu zweit, denken sich die zwei Mädchen. Nach einem kurzen Kennenlernen sagt einer der Jungs, er müsse bei seiner Tante kurz vorbei, es dauere nicht lange. Er schlägt vor, dass alle gemeinsam dorthin gehen sollten. Die Wohnung der „Tante“ entpuppt sich allerdings als leerstehende Wohnung in einem anonymen Hochhaus. Sandra und Clara werden von den drei Jungen stundenlang vergewaltigt. Denn zu allem Überfluss haben sie keine funktionierenden Handys (bei dem einen ist der Akku leer, beim anderen das Guthaben verbraucht), so dass sie nicht Hilfe suchen können.

Psychologin Julia von Weiler ist davon überzeugt, dass sexuellem Online-Missbrauch nur begegnet werden kann, wenn „alle drei Zielgruppen“ angesprochen werden: diejenigen, die Gewalt ausüben, diejenigen, die Gewalt erleiden sowie diejenigen, die davon Kenntnis nehmen, aber wegschauen oder nicht wissen, was sie tun können. „Sonst dürfen wir uns nicht wundern, dass sich in der Zukunft nichts ändern wird“.


(* Namen von der Redaktion geändert)

Mehr Informationen unter: www.innocenceindanger.de

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