Noch vor wenigen Jahren galten die „Marian Franciscans“ als eine der bemerkenswertesten geistlichen Erfolgsgeschichten des englischen Katholizismus. Denn während vielerorts Kirchen leerer, Ordenshäuser älter und Berufungen seltener werden, wuchs diese Gemeinschaft. Junge Männer traten ein und die dazugehörigen Familien siedelten sich um ihre Apostolate an. Die Liturgie zog Gläubige an, Exerzitien und Vorträge waren gut besucht, Online-Medien erreichten ein internationales Publikum. Die Gemeinschaft verband franziskanische Armut mit marianischer Spiritualität, traditioneller Liturgie und missionarischem Eifer.
Die „Familie der Unbefleckten Maria und des Heiligen Franziskus“, allgemein bekannt als die Marianischen Franziskaner, gab die Entscheidung ihrer Auflösung am 27. Mai bekannt, nachdem die Brüder selbst am 27. April für die Auflösung gestimmt hatten. Bischof Philip Egan von Portsmouth erließ am 24. Mai ein Dekret, das diesen Schritt bestätigte. Am 31. Mai wird die Gemeinschaft, acht Jahre nach ihrer kanonischen Errichtung durch den Bischof von Portsmouth, verschwinden.
Die offizielle Erklärung bleibt betont nüchtern. Man habe nach einer „Zeit der Unterscheidung“ erkannt, dass es nicht gelungen sei, die notwendige „praktische und kanonische Unterstützung“ für Ausbildung, Sponsoring und zukünftige Priesterweihen zu sichern. Verschiedene Optionen seien geprüft worden, doch keine habe einen tragfähigen Weg für die Zukunft eröffnet. Zugleich betonten die Brüder ausdrücklich, die Auflösung sei „nicht das Resultat eines einzelnen Vorfalls“.
Auffällig war die Geschwindigkeit des Wachstums
Die Marian Franciscans entstanden aus dem Umfeld der Franziskaner der Immakulata und orientierten sich stark an der Spiritualität des heiligen Maximilian Kolbe. Bischof Philip Egan hatte die Gemeinschaft bereits 2014 in die Diözese Portsmouth eingeladen. Zunächst betreuten die Brüder die Pfarrei St Mary’s in Gosport; später eröffneten sie ein weiteres Haus in Portsmouth. 2019 weihte Egan vier Mitglieder der Gemeinschaft zu Priestern.
Besonders auffällig war die Geschwindigkeit ihres Wachstums. Die Gemeinschaft zog zahlreiche Berufungen an – in einem Land, dessen katholische Landschaft vielerorts von Überalterung geprägt ist. Ihr Apostolat umfasste die Feier der traditionellen lateinischen Messe, tägliche Vespern, eucharistische Anbetung, Männergruppen, Wallfahrten, Jugendveranstaltungen und Exerzitien. Hinzu kam ein bemerkenswert professionelles Medienapostolat. Über „Radio Immaculata“ und soziale Medien erreichten die Brüder Zehntausende Zuhörer und Zuschauer. Öffentlich einsehbare Daten zeigen über 33.000 Abonnenten ihres Kanals.
2022 zog ein Teil der Gemeinschaft nach Dundee in Schottland um, wo Bischof Stephen Robson sie willkommen hieß. Dort schien sich die Entwicklung zunächst fortzusetzen. Die Brüder und Schwestern lebten zusammen mit jungen Familien und einem wachsenden Kreis von Gläubigen. Die traditionelle Liturgie wurde gut besucht, Taufen und marianische Weihen nahmen zu. Selbst Kritiker räumten ein, dass hier ein ungewöhnlich lebendiges katholisches Milieu entstanden war.
Der Schatten von „Traditionis Custodes“
Doch über dieser Entwicklung lag bereits der Schatten von „Traditionis Custodes“. Das Motu Proprio Papst Franziskus’ von 2021 erschwerte vielerorts die Feier der traditionellen Liturgie erheblich. Auch die Marian Franciscans erwähnen ausdrücklich, dass diözesane Genehmigungen für die alte Liturgie zunehmend restriktiv gehandhabt wurden. Beobachter der Gemeinschaft vermuten jedoch, dass die Gründe tiefer reichen. Zum einen dürfte die liturgische Unsicherheit nach „Traditionis Custodes“ die Zukunftsperspektive der Gemeinschaft erheblich verdunkelt haben. Zum anderen scheinen kirchenrechtliche und strukturelle Fragen – insbesondere hinsichtlich Ausbildung, Sponsoring und Priesterweihen – ungelöst geblieben zu sein.
Beobachter der Gemeinschaft verweisen zudem darauf, dass die Marian Franciscans ihrer eigenen Spiritualität entsprechend nie dauerhaft in einer Diözese bleiben wollten, in der sie sich nicht wirklich willkommen wussten. Zugleich hatten die Brüder stets versucht, sich für die Ortskirchen nützlich zu machen – etwa durch Aushilfen in Pfarreien und die Feier auch der erneuerten Liturgie. Dennoch scheint selbst diese pastorale Offenheit die Gemeinschaft nicht vor wachsender Distanz bewahrt zu haben. Schließlich bleibt bei vielen der Eindruck eines tieferen kulturellen Konflikts im westlichen Katholizismus: dass gerade jene kompromisslose Verbindung aus Tradition, missionarischem Eifer und sichtbarer katholischer Identität, die zahlreiche junge Berufungen anzog, zugleich zunehmend als unbequem wahrgenommen wird.
Damit berührt der Fall eine empfindliche Stelle des gegenwärtigen Katholizismus. Denn die Gemeinschaft scheiterte offenbar nicht an mangelnden Berufungen, inneren Skandalen oder geistlicher Erschöpfung – jenen Problemen also, die gewöhnlich zum Niedergang religiöser Gemeinschaften führen. Vielmehr zerbrach sie paradoxerweise trotz ihres Erfolges an strukturellen und kirchenrechtlichen Grenzen.
Das Verstummen eines lebendigen Experiments
Gerade deshalb hat die Nachricht in Großbritannien Bestürzung ausgelöst. Denn die Marian Franciscans verkörperten für nicht wenige junge Katholiken genau jene Verbindung aus Schönheit, Opferbereitschaft, liturgischer Ernsthaftigkeit und missionarischem Selbstbewusstsein, nach der viele Gläubige heute suchen.
Besonders bemerkenswert bleibt dabei die Rolle des Bischofs von Portsmouth, Philip Egan. Denn Egan gilt innerhalb der englischen Bischofskonferenz keineswegs als liberaler Prälat, sondern eher als theologisch konservativer und liturgisch traditionsfreundlicher Bischof. Er hatte die Gemeinschaft ursprünglich selbst aufgenommen und ihre kanonische Errichtung ermöglicht. In der Vergangenheit äußerte er sich wiederholt positiv über die traditionelle Liturgie, Gregorianik und die Bedeutung sakraler Schönheit für die Neuevangelisierung. Gerade deshalb wirkt das Ende der Marian Franciscans so symbolträchtig. Denn selbst unter einem vergleichsweise konservativen englischen Bischof erwies sich eine junge, wachsende und traditionell geprägte Gemeinschaft langfristig offenbar nicht mehr als institutionell tragfähig.
Vielleicht erklärt gerade dies die eigentliche Traurigkeit dieser Auflösung: dass hier nicht der Zusammenbruch einer sterbenden Institution sichtbar wird, sondern das Verstummen eines ungewöhnlich lebendigen katholischen Experiments. Gerade mit Blick auf den Priestermangel wirkt das Verschwinden einer jungen, wachsenden Gemeinschaft auf viele englische Katholiken beinahe wie ein Paradox. Und genau deshalb wird das Ende der Marian Franciscans weit über England hinaus aufmerksam verfolgt werden.
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