Literatur

Jens Spahn findet, Sie sollten ihm verzeihen

Es lebe die christliche Debattenkultur: Der ehemalige Gesundheitsminister hat ein apologetisches Buch über seine Corona-Politik geschrieben.
Ehemaliger Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
Foto: Xander Heinl/photothek.de via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versucht in seinem neuen Buch die Corona Pandemie zu verarbeiten. Unter dem Titel: „Wir werden einander viel verzeihen müssen“.

Jeder verarbeitet sie auf seine Weise. Die Berliner Luft ist jedoch offensichtlich hilfreich dabei, schlimme Erfahrungen zu Gold zu machen. Deutschrapper Sido hat die Corona-Pandemie für eine kreative Krise genutzt. Nach Drogenabsturz, Scheidung und Psychiatrie-Aufenthalt ist pünktlich zum Weihnachtsgeschäft seine persönliche Aufarbeitung in Form eines vielbeachteten neuen Albums auf den Markt gekommen. Der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn, der lediglich den Amtsverlust nach der Bundestagswahl verkraften musste, war sogar noch etwas schneller:  Bereits im September erschien sein Pandemie-Buch mit dem Titel „Wir werden einander viel verzeihen müssen“.

Besser handeln als auf perfekte Lösung warten

Spahn beschreibt darin, durchaus spannend, seine Erfahrungen als Spitzenpolitiker während einer Krise. Gleichzeitig legt der ehemalige Minister aber auch eine freundliche Bewertung seiner eigenen Politik vor. Zunächst widmet sich Spahn der Pandemie selbst. „Über hundertfünfundvierzigtausend Menschen sind in Deutschland an oder mit Corona gestorben … Manchmal denke ich, wir sollten öfter innehalten und uns bewusst machen, wie viel Leid dieses Virus über die Welt gebracht hat“, wird der Ton gleich im ersten Kapitel gesetzt.

Anfangs, so heißt es reuevoll, habe er nicht entschieden genug vor Covid-19 gewarnt. Mit den Erfahrungen in Norditalien ändert sich die Situation: „Am Abend kam ich lange nicht zur Ruhe. Ich rekapitulierte das Gespräch mit Lothar Wieler und Christian Drosten … Wie schaffen wir es, möglichst schnell an möglichst viele Beatmungsgeräte zu kommen, um bestmöglich vorbereitet zu sein?“
Vorbereitung ist Trumpf: Das Vorsichtsprinzip wird in der Folge zum zentralen Argument. Besser, schnell zu handeln, als auf die perfekte Lösung zu warten. Eine Maskenbeschaffung, die von Parteifreunden dazu genutzt wird, sich zu bereichern? Sehr ärgerlich, aber in der Eile hätte eine regelrechte Ausschreibung Leben kosten können. Die Parlamente wurden zu wenig in die Entscheidungen einbezogen? In der Ministerpräsidentenkonferenz konnte schneller entschieden werden. Spielplatz-Schließungen waren unnötig? Konnte man damals noch nicht wissen, im Übrigen waren die Lockdowns in Spanien und Italien sowieso viel härter.

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Nach dem Vorbild Jesu „nichts unverzeihlich“

Interessanter als die stellenweise durchaus differenzierte Verteidigung des damaligen Regierungshandelns – immerhin räumt Spahn den negativen Auswirkungen der Maßnahmen einigen Platz ein – gerät sein Appell an die demokratische Debattenkultur.
Spahn beschreibt einen regionalen Wahlkampfauftritt im Jahr 2020: „Kaum auf dem Platz angekommen, strömten plötzlich aus allen Ecken Menschen auf uns zu … Querdenker, Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker, die sich vermutlich, wie so oft, über Telegram-Kanäle organisiert hatten. Sie brüllten: ,Spahn muss weg, Spahn du Mörder, Spahn, der Kindermörder‘ … Zwischen den schreienden Menschen und mir hatten sich die BKA-Beamten aufgebaut, über deren Schultern ich jetzt rief: ,Können wir mal reden?‘ Und tatsächlich reagierten einige im ersten Moment auf mich, aber ein Gespräch ließ sich nicht führen. Um uns herum war zu viel Lärm, Trillerpfeifen, Krawall, Bespucken, … Am Ende dachte ich, das bringt jetzt alles nichts, lass uns hier verschwinden. Es war traurig.“

Warum aber sind Gespräche in unserer freien Gesellschaft so schwierig? Warum das verbreitete Gefühl, nicht offen sprechen zu können? Spahn versucht sich an einer Antwort. „Wir haben zu oft Mauern aus Glaubenssätzen und unverrückbaren individuellen Wahrheiten zwischen uns errichtet.“ Die Lösung: Christlich-katholische Werte. „In Kauf zu nehmen und es auszuhalten, dass die Dinge manchmal ambivalent statt eindeutig sind, ist vielleicht meiner katholischen Prägung geschuldet. Zum Katholischsein gehört das ,et-et‘, ein ,Sowohl-als-auch‘.“ Die Un-Versöhnlichkeit der Debatte sei auch Un-Christlich. Dem Vorbild Jesu gemäß sei für einen Christen „nichts unverzeihlich“. Er sei oft gefragt worden, wen er nach der Krise um Verzeihung bitten müsse. „Mein eigentlicher Punkt war ein anderer: dass es überhaupt erst einmal eine Bereitschaft gibt, zu verzeihen.“ Einige Absätze später fügt er hinzu: „Und daher muss die Frage, die wir uns stellen, eigentlich lauten: Wem bin ich bereit zu verzeihen?“

Vergebung autoritär eingefordert

Der Titel seines Werkes, der einer Bundestagsrede in der noch jungen Pandemie entstammt, transportiert das Problem dieses Grundgedankens seines Buches. Spahn entschuldigt sich zwar irgendwie auch selbst, fordert im Gegenzug die Vergebung aber autoritär ein – eine „false balance“, war Spahn doch in mächtiger Position, der Bürger in ohnmächtiger. So enthält „Wir werden einander viel verzeihen müssen“ zwar zustimmungswerte Einsichten über die Nützlichkeit christlicher Barmherzigkeit für die demokratische Debattenkultur, wird aber diejenigen enttäuschen, die eine wirklich schonungslose Aufarbeitung der politischen Fehler in der Pandemie ersehnen. Klar, Fehler sind menschlich, die Situation war teils unübersichtlich. Doch dadurch, dass Spahn seine Entschuldigung permanent mit Rechtfertigungen und allgemeinen Aufforderungen garniert, wirkt sie gerade nicht wie der erfrischend christliche, heilende Diskussionsbeitrag eines Menschen, der sich zunächst um den Balken im eigenen Auge kümmert.

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Insgesamt können Spahns Ausführungen als kluger Schachzug eines Politikers gewertet werden, der noch etwas werden will. Spahn, der sich die Mühe macht, explizit darauf hinzuweisen, dass er persönlich immerhin nie für die Impfpflicht gewesen sei, weiß um eine Aufarbeitungs-Debatte, die zwar auf kleiner Flamme köchelt, aber wohl noch einige Zeit anhalten wird. Nicht über alle Entscheidungsträger, die in der Pandemie die deutsche Politik bestimmten, wird das historische Urteil wohlwollend ausfallen. Indem er sich selbst früh erklärt und um Verständnis wirbt, so das mutmaßliche Kalkül, dürfte am Ende eher die dilettantische Arbeit seines Nachfolgers Lauterbach negativ im Gedächtnis bleiben.

 

Jens Spahn: Wir werden einander viel verzeihen müssen. Wie die Pandemie uns verändert hat – und was sie uns für die Zukunft lehrt. Innenansichten einer Krise. Heyne 2022, 304 Seiten, ISBN 978-345321-844-4, EUR 22,–

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