Geschichte

Formen mit Sinn

Filip Malesevic beleuchtet das Kurienzeremoniell des nachtridentinischen Papsttums.
II. Vatikanum: Eröffnung der 3. Sessio
Foto: Ernst Herb (KNA) | Der Glaube ist schön, und die Kirche versteht es seit Jahrhunderten, das, wie auf der Aufnahme im Petersdom, anschaulich zu machen.

Das Ableben und die Beisetzung von Königin Elisabeth II. im September dieses Jahres waren für Menschen in aller Welt ein tief berührendes Geschehen – und ein unvergleichliches Faszinosum. Nicht zuletzt waren es feierliche Rituale und Zeremonien, die dazu beitrugen. Obschon diese größtenteils aus vergangenen Zeiten stammten, beeindruckten sie und verloren sich nicht in der Vergangenheit. Beredt illustrierten sie die Geschehnisse und waren für jedermann durchwegs verständlich.

Auch in der Selbstdarstellung des Papstes und der Römischen Kurie spielten und spielen Rituale und Zeremonien eine nicht unbedeutende Rolle. Der Historiker Filip Malesevic hat mit „Kardinal Cesare Baronio und das Kurienzeremoniell des posttridentinischen Papsttums“ einen überaus gewichtigen Beitrag zur Geschichte der Römischen Kurie während der zweiten Hälfte des Cinquecento geleistet. Malesevics Ausführungen fußen auf seiner 2019 an der Philosophischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz) „summa cum laude“ verteidigten Promotionsschrift.

Der Autor, Assistent und Lehrbeauftragter an der eidgenössischen Universität, widmet sich in seinem im Verlag De Gruyter 2022 erschienenen Buch den Arbeiten des Oratorianers und Kardinals Cesare Baronio (1538–1607). Die Verlagspräsentation des Werkes hebt hervor, dass es in ihm darum gehe, „eine vertiefte, auf die verfügbaren Quellen gestützte und die historischen Disziplinen sowie Methoden des 21. Jahrhunderts bündelnde Geschichte von Liturgie, Zeremoniell und Kirchenhistoriographie der katholischen Kirche während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorzulegen“.

Tridentinische Zeremonialkultur

Das Konzil von Trient (1545–1563) hatte die Fundamente für eine Reform geschaffen, mit der die Römische Kurie die liturgischen Bücher bearbeiten und mit deren Hilfe sie die eigene Zeremonialkultur neu zu ordnen vermochte. Auf die Neufassung des Kurienzeremoniells zwischen den Pontifikaten Pius‘ V. (1566–1572) und Gregors XIII. (1572–1585) solle der Schwerpunkt gelegt werden, „indem  Kirchen-, Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte zu einer Einheit verschmelzen“. Der Beitrag Cesare Baronios hierzu stehe im engsten, aber bisher kaum bemerkten Zusammenhang mit der Entstehung seines kirchengeschichtlichen Opus „Annales Ecclesiastici“.

Malesevics fast 600 Seiten umfassende Darstellung richtet sich vornehmlich an den Historiker, der sich grundlegend und ausführlich mit der Thematik beschäftigen möchte. Ihm wird ein reichhaltiger Fundus dargeboten, aus dem er für seine Forschungen gewinnbringend schöpfen kann. In Bibliotheken, besonders kirchlichen, sollte das Buch nicht fehlen. Trotz seiner fachspezifischen Ausrichtung ist es verständlich geschrieben und daher auch für den, der sich nicht der akademischen Forschung verschrieben hat, eine überaus nützliche und aufschlussreiche Lektüre.

Der Autor widmet sich unter anderem eingehend dem römischen Oratorium im Spiegel der „Annales Ecclesiastici“, gibt ein Einblick in das Tridentinum und die „Historia Ecclesiastica“, beleuchtet das Papsttum und die Kirchenhistoriographie, vermittelt das Kurienzeremoniell des „Anno Santo“ von 1575, weist auf die Entstehung und Idee der „Annales Ecclesiastici“ hin, behandelt das Thema „Kirchenschatz und ,indulgentiae‘“, erläutert die liturgischen Gattungen des Kurienzeremoniells im Palazzo Apostolico und schließt mit Cesare Baronio und den Liturgiewerkstätten der Kurie. In der grundlegenden Beziehung von Papsttum und Kirchenhistoriographie sah sich Cesare Baronio gescheiterten, zumindest mangelhaften Unternehmungen gegenüber. In der Verteidigung des petrinischen Primatsanspruchs, der für das zeremonielle Selbstverständnis der Römischen Kurie eine fundamentale Rolle besaß, waren neue Anstrengungen nötig, die auf zahlreiche Anfeindungen – so der Magdeburger Zenturiatoren und ihrer „Ecclesiastica Historica“ – solide und wirkungsvolle Antworten zu geben wussten. Filip Malesevic zeigt die Bemühungen und die Schwierigkeiten, mit denen Baronio in hohem Maße zu kämpfen hatte, äußerst detailliert und sachkundig auf.

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Schatztruhe wissenschaftlicher Aufarbeitung

Hierbei kommen der Genesis und der Fruchtbarkeit der „Annales Ecclesiastici“ des gelehrten Oratorianers eine enorme, ja wegweisende Bedeutung zu. Ein besonderes Augenmerk legt der Autor auf die innenarchitektonische Ausstattung und Ausrichtung des Apostolischen Palastes im 16. Jahrhundert. Hierbei finden neben den großen Sälen der vatikanischen Papstresidenz die neue Bildsprache der Cappella Paolina und das in der Ausstattung der Cappella Gregoriana angewandte patristische Kurienzeremoniell Beachtung und Gewichtung.

Auf alle Aspekte, sprich Kapitel, des Buches einzugehen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Die Lektüre der umfangreichen Darstellungen Malesevics ist kein leichtes Unterfangen. Sie verlangt dem Leser viel ab. Doch sie bietet den Einblick in eine Schatztruhe wissenschaftlicher Aufarbeitung, die eine Beschäftigung mit ihr reichlich belohnt. Neben diversen Abbildungen im Textteil verfügt das Buch über einen fast 60seitigen Bildteil. Auch die umfangreiche Bibliographie beeindruckt.


Filip Malesevic: Kardinal Cesare Baronio und das Kurienzeremoniell des posttridentinischen Papsttums. Ein Beitrag zur Geschichte der Römischen Kurie während der zweiten Hälfte des Cinquecento. De Gruyter, Berlin 2022, 592 Seiten, ISBN 978-3-11-073964-0, EUR 102,95

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