Klare Worte

Houellebecqs Nachsicht

Wer Galionsfiguren aus Literatur und Kunst ins Visier nimmt und attackiert, zielt damit auf das kulturelle Herz einer Zivilisation.
Michel Houellebecq auf dem San Sebastian International Film Festival SSIFF
Foto: Clemens Niehaus via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Autor Michel Houellebecq auf dem San Sebastian International Film Festival SSIFF in San Sebastian, Spanien.

1984. Hundert Jahre später. Im weltumspannenden Reich Abistan, dem „Land der Gläubigen“, ist die Vergangenheit ausgelöscht und das individuelle Denken abgeschafft. Die Einwohner Abistans verpflichten sich zur unbedingten Unterwerfung und befolgen die strikten Regeln der „Gerechten Bruderschaft“.

Die drei Hauptdogmen lauten: Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Diese Dystopie eines islamistischen Reiches, die der algerische Schriftsteller Boualem Sansal im Jahre 2016 entwarf, ist eine schreckenseinflößende Fiktion und wurzelt doch in der Gegenwart. Autoritäre Gottesstaaten und totalitäre Regimes verschiedener Couleur machen sich die Parolen Abistans zu eigen: Kriege werden als Missionen zum Erhalt des Friedens deklariert. Der gesamte Westen gehorche dem kapitalistischen Konsumzwang. Leichte Sprache und die Senkung des Bildungsniveaus gelten als erstrebenswert.

Rassenhass vergeblich: Der Islam ist keine Rasse

Es gibt unterschiedliche Arten, sich mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinanderzusetzen, Plaudereien beim Abendbrot gehören genauso dazu wie Stammtischfrotzeleien, Romane oder Kolumnen, da wir in einem Land leben, in dem die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wurde die Meinungsfreiheit bereits 1789 als eines der kostbarsten Rechte des Menschen bezeichnet. Kein Wunder, dass Opponenten der Demokratie und Freunde Abistans vor allem dieses Rechtsgut angreifen. Besonders wirksam ist die Attacke, wenn man Galionsfiguren aus Literatur und Kunst ins Visier nimmt und damit auf das kulturelle Herz einer Zivilisation zielt.

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Der juristische Dschihad, der Versuch, mit rechtlichen Mitteln islamkritische Intellektuelle mundtot zu machen, ist in Frankreich seit Jahren im Gange. Michel Houellebecq, der wohl einflussreichste europäische Schriftsteller, wurde bereits vor zwanzig Jahren wegen „Aufstachelung zum Rassenhass“ verklagt. Vergeblich, da der Islam schließlich keine Rasse ist. Die Große Moschee von Paris versuchte nun einen neuen Vorstoß mit einer Klage gegen Houellebecq wegen „Aufstachelung zum Hass gegen Muslime“.
Vorgeworfen werden dem Schriftsteller Äußerungen aus einem Gespräch, das er in einem Sonderheft der Zeitung „Front Populaire“ mit dem Philosophen Michel Onfray geführt hat. Houellebecq versetzt sich, ganz Literat und Denker, in eine Zukunft, in der es Attentate auf Moscheen und von Muslimen frequentierte Orte geben könnte. Dabei scheut er nicht davor zurück, das wahrgenommene Brodeln und den populistischen Ton im Lande in Worte zu fassen.

Fiktion ist wirklich Wahrheit

Die Sozialen Medien schäumten, der Zweifelssatz in dubio pro reo wurde ignoriert, ob aus niederen Beweggründen oder schlichtweg mangelnder Intelligenz sei dahingestellt. Zur Seite sprang dem Schriftsteller Michel Onfray mit einem offenen Brief an Chems-Eddine Hafiz, den Rektor der „Großen Moschee“ und dem Vorschlag einer gemeinsamen öffentlichen Debatte statt eines Prozesses. Hafiz bezichtigte Houellebecq in „Le Point“ einer „selten gewaltsamen Diskriminierung“. Erst ein Treffen zwischen Houellebecq und Hafiz, auf Initiative des Oberrabbiners von Frankreich, führte zu einer Beruhigung der Lage. Houellebecq klärte sich im Rahmen einer künftigen Buchveröffentlichung zu einer Präzisierung inkriminierter Passagen bereit, um Missverständnisse auszuräumen.

Man kann Michel Houellebecq nur bewundern für seine Nachsicht mit einer mutwillig ungünstigen Exegese. Erleichtert zeigt er sich über den angekündigten Rückzug der Klage, bekennt aber auch in „Le Point“: „Es ist lästig, sich in Textkommentaren über Selbstverständlichkeiten auslassen zu müssen. Lieber würde man doch leichtfüßige, überraschende, fantasievolle Passagen schreiben.“ In Abistan ist das nicht gern gesehen, denn die vierte Formel lautet: Fiktion ist Wirklichkeit!

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