Falsches Spiel

Philosoph Feser über Irrsinn der „Kritischen Rassentheorie“

Der katholische Philosoph Edward Feser legt den Irrsinn der „Kritischen Rassentheorie“ offen.
Rassismusdebatte
Foto: Robin Pueyo / imago-images | Der Rassismusvorwurf ist zur politischen Allzweckwaffe geworden: Längst wird nicht nur der Abbau rassistischen Vorurteile oder Benachteiligungen gefordert, sondern Systemwechsel.

Rassismusvorwürfe beherrschen in den Vereinigten Staaten den öffentlichen Diskurs und auch in Deutschland werden sie vermehrt vorgetragen. Die ideologischen Grundlagen dieser Entwicklung finden sich in der sogenannten Kritischen Rassentheorie (engl. Critical Race Theory). Der katholische Philosoph Edward Feser hat nun mit „Alles in Christus“ ein kompaktes Buch vorgelegt, in dem er mit der für ihn charakteristischen Klarheit und Zugänglichkeit das falsche Spiel der Kritischen Rassentheorie ebenso gründlich wie schonungslos entlarvt.

„Als Katholik darf man genauso wenig Rassist wie Anhänger der Kritischen Rassentheorie sein,
ist letztere doch selbst nichts anderes als ein pseudowissenschaftlicher Rassismus gegen Weiße“

Bevor sich Feser jedoch die Kritische Rassentheorie vorknöpft, legt er in drei kurzen, aber höchst lehrreichen Kapiteln die Position der katholischen Kirche zum Rassismus dar. Den klaren Sinn, den die Kirche dem heute leider allzu leichtfertig gebrauchten Ausdruck „Rassismus“ zu geben imstande ist, fasst Feser wie folgt zusammenfasst: „Rassismus ist die Überzeugung, dass nicht alle Rassen dieselben grundlegenden [d. h. natürlichen] Rechte und Pflichten und/oder dieselbe übernatürliche Bestimmung haben.“

Ein entscheidender Vorteil dieser Definition ist, dass sie unabhängig davon ist, was die empirischen Wissenschaften beim Vergleich verschiedener Populationen herausfinden. Statistische Unterschiede bezüglich der intellektuellen oder körperlichen Leistungsfähigkeit sind schlicht egal. Denn aus diesen folgt weder etwas für den naturrechtlichen Status noch für das übernatürliche Ziel jedes Menschen, das darin besteht, Gott zu erkennen, zu lieben und Ihn einmal von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Dementsprechend hat die Kirche schon sehr früh die Sklaverei in aller Deutlichkeit verurteilt. Feser zitiert unter anderem ausführlich die Bulle Sublimis Deus von Papst Paul III. aus dem Jahr 1537. Darin wird mit apostolischer Autorität erklärt, „dass die Indianer und alle andern Völker, die künftig mit den Christen bekannt werden, […] ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden dürfen“.

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Seit 1435 verurteilt die Kirche offen Rassismus und Sklaverei

Dieselbe Verdammung der Sklaverei war, wie man bei Feser nachlesen kann, schon im Jahr 1435 in Sicut dudum von Papst Eugen IV. anlässlich der Kolonialisierung der Kanarischen Inseln verkündet und auch von den Päpsten der folgenden Jahrhunderte immer wieder bestätigt worden. Die verbreitete Ansicht, die katholische Kirche habe durch ihre Lehre Rassismus und Sklaverei begünstigt, kann also mit Feser dem Reich der antikatholischen Märchen zugeordnet werden. Feser erinnert nicht nur daran, dass die Gleichheit der Menschen aus katholischer Sicht auf ihrer Gottesebenbildlichkeit beruht. Durch die Lektüre von „Alles in Christus“ wird auch deutlich, dass diese Gleichheit Unterschiede zwischen Individuen ebenso wenig ausschließt wie zwischen Gruppen. Anzuerkennen, dass es Differenzen zwischen Schwarzen, Weißen und Asiaten gibt, hat nichts mit Rassismus zu tun.

Auch ist man, wie Feser in einem eigenen Kapitel herausarbeitet, kein Rassist, wenn man unregulierter Einwanderung und grenzenlosem Globalismus gegenüber kritisch eingestellt ist. Die katholische Soziallehre vertritt vielmehr den Standpunkt der gesunden Mitte: Neben einer Pflicht wohlhabender Staaten, Verfolgten und Flüchtlingen zu helfen, kennt sie auch das Recht auf „patriotische Verbundenheit“. Denn die Nation gehört als Erweiterung der Familie zur Natur des Menschen und ist daher zu schützen und zu achten. Die Nation ist – so der von Feser zitierte Johannes Paul II. – „der Boden, auf dem der Staat entsteht“. Daher ist es aus katholischer Sicht auch angezeigt, dass der Staat diese Grundlage schützt. Die „Oikophobie“ (Roger Scruton), der Hass auf das Eigene, wie er im Westen teilweise kultiviert wird, sollte Katholiken daher fremd sein.

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Antirassismus pervertiert zum Rassismus gegen Weiße

In den letzten vier Kapiteln widmet sich Feser dann der Kritischen Rassentheorie. Ihre Grundthese, die Feser in gewissenhafter Auseinandersetzung mit den Texten ihrer Hauptvertreter – vor allem den Bestsellerautoren Ibram X. Kendi und Robin DiAngelo – rekonstruiert, lautet: Die Wirklichkeit ist durch und durch von Rassismus durchzogen. Das bedeutet der Kritischen Rassentheorie zufolge auch, dass selbst diejenigen, „die leugnen, Rassismus zu hegen“, gerade dadurch bestätigen, „dass sie Rassisten sind“. Überhaupt könnten Weiße gar nicht anders, als Rassisten zu sein. Die einzige Möglichkeit, gegen den allumfassenden Rassismus vorzugehen, besteht den Anhängern der Kritischen Rassentheorie zufolge daher auch nicht etwa darin, die Gleichbehandlung vor dem Gesetz sicherzustellen, sondern in „antirassistischer Diskriminierung“, das heißt konkret: in der Benachteiligung von Weißen.

Im zweiten Schritt legt Feser den Irrsinn der Kritischen Rassentheorie auf logisch-argumentativer Ebene offen: Es ist ein Genuss zu lesen, wie der Autor Kendi, DiAngelo und Co. einen Fehlschluss nach dem anderen nachweist. Logischer Vorkenntnisse bedarf der Leser dazu nicht. Vielmehr bekommt er ganz nebenbei eine kleine Einführung in die Logik geboten. Erwähnt sei hier nur der Ad-hominem-Fehlschluss, „der darin besteht, eine Behauptung oder ein Argument einfach aufgrund eines angeblichen Interesses der Person, die sie/es vertritt, abzulehnen.“

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Die Kritische Rassismustheorie fußt auf vielen Fehlschlüssen

Ein solcher Fehlschluss liegt nach Feser etwa vor, wenn wir die Behauptung, Obst und Gemüse seien gesund, für falsch erklären, weil ein Gemüsehändler, der ja vom Verkauf dieser Waren profitiert, dies gesagt hat. Genauso verhält es sich, wenn Argumente von Weißen als ungültig zurückgewiesen werden, weil sie ein Interesse daran haben, nicht als Rassist verunglimpft zu werden. Die Kritische Rassentheorie wird, so Feser treffend, von einer „Hermeneutik des Verdachts“ beherrscht, die überall nur Macht, aber nirgends objektive Wahrheit zu erkennen vermag.

Damit aber untergräbt die Kritische Rassentheorie ihren eigenen Status als Theorie. Denn konsequenterweise kann sie selbst nur als Ausdruck eines bloßes Machtanspruchs gelesen werden, der genauso wenig wahr oder falsch ist, wie die möglichen Alternativen. Die Kritische Rassentheorie erweist sich damit als ein unhaltbarer Relativismus. Obwohl das schon Grund genug wäre, um diese Ideologie endgültig ad acta zu legen, führt Feser auch noch eine Reihe an gewichtigen sozialwissenschaftlichen Einwänden an, für die in dieser Besprechung jedoch leider kein Platz mehr ist. Unter dem Strich steht bei Feser die Erkenntnis: Als Katholik darf man genauso wenig Rassist wie Anhänger der Kritischen Rassentheorie sein, ist letztere doch selbst nichts anderes als ein pseudowissenschaftlicher Rassismus gegen Weiße.

Das Phänomen hat Europa längst erreicht

Es ist das Verdienst Rafael Hüntelmanns und seines an philosophischen Perlen reichen Verlages editiones scholasticae, dass der deutsche Leser praktisch zeitgleich mit der englischen Originalausgabe in den Genuss der Übersetzung kommt. Allerdings wäre ein wenig mehr Sorgfalt bei der Übertragung ins Deutsche wünschenswert gewesen. Dann hätten ein paar unschöne Anglizismen und irreführende Formulierungen (etwa „Prinzip der Nächstenliebe“ statt „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“ für „principle of charity“) vermieden werden können. Auch wäre für die deutsche Leserschaft vielleicht ein kurzer Hinweis hilfreich gewesen, dass die Kritische Rassentheorie kein rein transatlantisches Phänomen ist, sondern auch in Deutschland bereits für Bestseller wie Alice Hasters’ „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ (2019) gesorgt hat.

Diese kleineren Kritikpunkte können jedoch nicht den großartigen Gesamteindruck dieses enorm wichtigen Buches schmälern, dem viele aufmerksame Leser zu wünschen sind – damit die haltlose und gehässige Ideologie der Kritischen Rassentheorie möglichst bald durch die Weisheit der katholischen Lehre verdrängt wird.


Edward Feser: Alles in Christus. Eine katholische Kritik des Rassismus und der Kritischen Rassentheorie.
Editiones scholasticae 2022, 120 Seiten, ISBN 978–3–86838–270–9, EUR 17,90

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