Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Rezension

Das pessimistische Manifest

Stehen wir am Beginn eines neuen Totalitarismus? Ja, meint Bestseller-Autor Rod Dreher, und stimmt mit dramatischen Worten auf das Leben im christlichen Widerstand ein.
Regenbogenflaggen in der Londoner Regent Street
Foto: IMAGO/Vuk Valcic (www.imago-images.de) | Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft? Rod Dreher ist sich sicher, die Antwort zu kennen.

Der Kulturkampf ist längst vorbei – und wir haben ihn verloren“. Diese Diagnose stellt Rod Dreher, bekannt für seinen nicht ganz unähnlich gelagerten Bestseller „Die Benedikt-Option“, ganz ans Ende seines neuen Buches. Sie könnte aber auch am Anfang stehen, stellt sie doch so etwas wie seine axiomatische Grundthese dar: Es geht abwärts, und „wir Christen“ im Westen müssen uns nun vorbereiten auf eine Zeit des Leidens.

„Lebt nicht mit der Lüge“ heißt sein Werk, das bereits 2020 auf Englisch veröffentlicht wurde und nun in einer nicht immer eleganten, aber doch halbwegs soliden Übersetzung im Media Maria Verlag auch auf Deutsch erschienen ist. Man darf dem Autor zugestehen, dass die seither vergangene Zeit der Plausibilität seiner Ausführungen nicht geschadet hat. Die letzten drei Jahre haben das latente gesellschaftlich-politische Unbehagen, dem Dreher einen Ausdruck gibt, nicht kleiner werden lassen. Grundrechtseinschränkungen in der Coronakrise, dazu auch diesseits des Atlantiks immer unversöhnlichere politische Frontstellungen, sei es über Fragen von Klimawandel, Transgender-Rechten oder den Ukrainekrieg, stützen die Wahrnehmung, dass etwas im Umbruch ist – womöglich nicht zum Guten.

Der Westen: „dekadent“ und „prätotalitär“

Dreher, der seinen Titel dem gleichnamigen Essay des Sowjet-Dissidenten Alexander Solschenizyn entleiht, traut sich die große Deutung unserer Zeit zu. Der Westen sei „dekadent“ und „prätotalitär“, laufe auf einen „sanften Totalitarismus“ zu: ein politisches System, in dem der Staat die Wirklichkeit definiere und eine totale Kontrolle der Gesellschaft mit sanften Mitteln erreiche. Dieser neue Totalitarismus, der übrigens, wo immer er herrsche, begonnen habe, „das Wesen des Menschen zu zerstören“ (Dreher zitiert hier, ohne dass darauf vertiefende Ausführungen folgen würden, Hannah Arendt), gleiche zwar nicht demjenigen in der Sowjetunion oder auch in Nazideutschland. Statt mit Erschießungskommandos und Arbeitslagern arbeite der Totalitarismus aber bereits heute mit Karrierenachteilen, mit Stigmatisierung und Verteufelung derjenigen, die sich der vorherrschenden „woken“ Ideologie verweigerten. Unnötig hinzuzufügen, dass diese gerade christlichen Grundwerten zuwiderlaufe.

Durchaus überzeugend legt der Autor da, wie Trends wie die „soziale Atomisierung“, der lange Marsch linker Ideologen durch Institutionen und Unternehmen, Hedonismus und zunehmende metaphysische Leere, aber auch der technologische Wandel, der umfassende Überwachung und Steuerung ermögliche, klassisch liberale Vorstellungen verdrängten und einem autoritäreren System den Weg bereiten dürften. „Es wird so kommen, und zwar schnell“, beschließt Dreher seinen analytischen Teil, und fragt: „Wie sollen wir Widerstand leisten?“

Der postwendenden Antwort widmet sich der zweite Teil des Buches. Ausführlich stellt Dreher die Lebens- und Leidensgeschichten christlicher Dissidenten im ehemaligen Ostblock dar, und empfiehlt deren Haltung zur Nachahmung. Ausgehend vom zitierten Solschenizyn-Diktum schreibt er: „Es liegt an uns, die Herausforderung anzunehmen, nicht mit der Lüge zu leben und die Wahrheit auszusprechen, die das Böse besiegt. Wie verhalten wir uns in einer Gesellschaft, die auf Lügen aufgebaut ist? Indem wir ein Leben außerhalb des Mainstreams führen und mutig die Wahrheit verteidigen, und indem wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.“

Lesen Sie auch:

Der Glaube der Märtyrer und Bekenner

Dreher zitiert dazu zunächst Václac Havels klassisches Beispiel des eigentlich unpolitischen Gemüsehändlers, der während der kommunistischen Herrschaft ein Schild mit der Aufschrift „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ in seinem Schaufenster stehen hat, nur um seine Konformität zu demonstrieren und von den Autoritäten in Ruhe gelassen zu werden. Eines Tages beschließt der Gemüsehändler, das Schild nicht länger aufzustellen, und verliert daraufhin seinen Laden, gewinnt aber an Würde und Identität. Sein Zeugnis dafür, sich der von ihm nicht geglaubten Propaganda nicht mehr einfach beugen zu wollen, blamiert am Ende die Machthaber.

Die ausführliche Rezeption verschiedenster Sowjetdissidenten, die Dreher größtenteils selbst getroffen und interviewt hat, ist eine große Stärke des Buches. Dreher blickt hier mit den Augen von Diktatursozialisierten auf Auswüchse des Zeitgeistes, und macht damit beispielsweise nachfühlbar, warum Ostdeutsche auf die aktuellen moralisierenden Politikdiskurse oft allergischer reagieren als Westdeutsche. Wer Havels Gemüsehändler kennt, wird sich bei exzessiver Pride-Beflaggung und dem Auflaufen der Fußballnationalmannschaft mit Regenbogenbinde seinen Teil denken.

Zur Vorbereitung auf das, was noch bevorsteht, hat Dreher dann eine Reihe eher unspektakulärer Tipps auf Lager: das eigene geistliche Leben, die eigene Familie, und die Verbindung mit Gleichgesinnten wertschätzen und pflegen. Den Schluss bildet ein Plädoyer für die freudige Annahme des Leidens als notwendigen Bestandteil sowohl generell jedes gelingenden Lebens als auch der Nachfolge Christi im Besonderen. Zwar sei echtes Christentum nicht per se Masochismus, aber eben „der Glaube der Märtyrer und Bekenner“ – und nicht der „therapeutischen Religion der Mittelklasse-Vororte“.

Etwas überdreht

„Lebt nicht mit der Lüge“ ist kein abwägendes, nachdenkliches Buch – eher eine möglicherweise prophetische Offenbarung, die sich die eindeutige Zuordnung von Wahrheit und Lüge jederzeit zutraut. „Ich hoffe, dass es Ihnen (…) wie Schuppen von den Augen gefallen ist“, schreibt Dreher allen Ernstes in seine Schlussbemerkung. Was sich ziemlich gut verträgt mit seiner Auffassung, dass es sowieso hoffnungslos naiv sei, wenn herkömmliche Konservative meinten, im politischen Diskurs noch mit guten Argumenten punkten zu können. Auf eine lückenlose Argumentation verzichtet gelegentlich auch Dreher selbst, wenn er die vollständige Erklärung der Jetztzeit auf rund 100 Seiten vollbringt. Für Dreher gibt es eigentlich kein Charakteristikum der Gegenwart, das den Totalitarismus nicht befördert: Der Aufstieg Chinas zur Weltmacht oder der westliche Instagram-Individualismus, Freiheit oder marxistische Ideologie, unbefriedigte religiöse Bedürfnisse oder der neue Kapitalismus mit sozialem Gewissen – alles führt gleichermaßen ins Verderben.

Welche Art von politischer Kultur sich Dreher eigentlich wünschen würde, bleibt unklar. Trotzdem: Viele der Dreher'schen Einlassungen besitzen eine gewisse Plausibilität. Wer über den generell apodiktischen Stil, die enervierende Rede von der mutwilligen „Zerstörung“ des Wahren und Guten in jedem dritten Satz, und die ständige bestätigende Selbstkommentierung hinwegsehen kann, erhält warnende Denkanstöße und lesenswerte Beispiele heiligmäßiger Standhaftigkeit geliefert, die auch helfen, das eigene Agieren vor Gott und den Menschen zu reflektieren. Es bleibt derweil zu hoffen, dass die apokalyptische Tonlage, die Dreher anklingen lässt, sich im Nachhinein als etwas überdreht erweisen wird.


Rod Dreher: Lebt nicht mit der Lüge. Paperback, 272 Seiten. Media Maria Verlag, Illertissen 2023, ISBN 978-3-9479314-8-7. 22,- Euro.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Jakob Ranke Alexander Solschenizyn Christen Hannah Arendt Jesus Christus Konservative Media Maria Märtyrer Totalitarismus

Weitere Artikel

Hilfe, wir implodieren? Was die „Entchristlichung“ für die Gesellschaft bedeutet, und warum Christen nicht über Politik verzweifeln sollten.
10.09.2023, 05 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Die Ökumene ist nicht tot. Sie lebt weiter in den Märtyrern und denen, die daran glauben, dass in der Person Jesu Gott Mensch geworden ist.
23.05.2024, 13 Uhr
Guido Horst