Philosophie-Reihe

Karl Albert: Der Sinn liegt im geistigen Universum

Die Seinserfahrung, die der katholische Philosoph Karl Albert beschreibt, führt aus der Orientierungslosigkeit der modernen Welt hinaus.
Karl Albert
Foto: Verlag Karl Albert | Karl Albert nannte sich selbst einen Metaphysiker und wollte, dass die Menschen in der Erfahrung des Seins ihr Selbst erfahren.

Der 1921 geborene und 2008 verstorbene Philosoph Karl Albert hat ein umfangreiches und eine Vielzahl von philosophischen Themen behandelndes Werk hinterlassen, das seine eigene Theorie von der Bedeutung der ontologischen Erfahrung – ausgehend von Parmenides und Platon – überzeugend und systematisch darstellt.

„Der moderne Mensch hat verlernt, allein zu sein,
sich in Abgeschiedenheit und Stille auf etwas Wesentliches zu konzentrieren,
denn er muss ständig präsent sein, will nichts versäumen und glaubt,
nur auf diese Weise am Leben teilhaben zu können“

Nach seinem Studium der Philosophie bei Heinz Heimsoeth in Köln und bei Erich Rothacker in Bonn wurde Albert 1950 mit seiner Dissertation „Die Lehre vom Erhabenen in der Ästhetik des deutschen Idealismus“ promoviert. Von 1952 bis 1955 war er Assistent bei Josef Koch und arbeitete an der Edition der lateinischen Werke Meister Eckharts mit, was ihn dazu bewog, sich zunächst auch mit eigenen Arbeiten der mittelalterlichen Philosophie zuzuwenden, und zwar insbesondere der philosophischen Mystik. Neben philosophiehistorischen Schriften erschien 1974 seine grundlegende, und von dem französischen Metaphysiker Louis Lavelle beeinflusste Schrift „Die ontologische Erfahrung“, und 1976 legte er eine umfangreiche Untersuchung über „Meister Eckharts These vom Sein“ vor.

Sein beruflicher Lebensweg verlief mit einigen Umwegen: er unterrichtete zunächst Latein und Griechisch an einem Gymnasium, übernahm dann einen hauptamtlichen Lehrauftrag für Philosophie an der Universität Bochum und später an der Pädagogischen Hochschule Neuss, an der er 1973 zum ordentlichen Professor für Philosophie berufen wurde. Seit 1980 lehrte er an der Bergischen Universität Wuppertal bis zur Emeritierung Philosophie. Dort konzentrierte sich sein philosophisches Interesse immer mehr auf die Metaphysik Platons und ihre Bedeutung für Leben und Kultur. So kann auch das kurz vor seinem Tod 2008 erschienene Buch mit dem Titel „Platonismus. Weg und Wesen der abendländischen Philosophie“ als Fazit seines philosophischen Denkens betrachtet werden.

Metaphysik setzt sich mit der Lebenswelt auseinander

Obwohl die Metaphysik in den siebziger Jahren in der philosophischen Diskussion immer mehr in den Hintergrund trat und der kritische Rationalismus, der Positivismus und der logische Empirismus den Zeitgeist zu vertreten meinten, blieb das Denken Alberts von dieser Tendenz gänzlich unberührt und unbeirrt, denn ihm ging es um eine Philosophie, die vom Zweckdenken weg zu einem tieferen Denken führt, in dem der Mensch in der Erfahrung des Seins sein Selbst erfahren und entfalten kann und eine neue, geistige Welt- und Selbstsicht erlangt (vgl. meine Monographie „Erfahrung des Seins. Reflexionen zur Philosophie Karl Alberts“, 1986).

Der Metaphysik wird häufig vorgeworfen, sie verfahre abstrakt, spekulativ und lebensfern. Albert, der sich selbst als Metaphysiker bezeichnete, widerspricht dem vehement, denn seiner These zufolge ist es allein die Erfahrung, die die Metaphysik trägt und verständlich macht, denn sie berühre das Innere des Menschen, sein Bewusstsein, seine Seele. Letztlich ging es in der Philosophie Alberts darum, den Äußerlichkeiten unserer Konsumwelt eine geistige Welt entgegenzustellen, die dem Leben Sinn verleiht und dem menschlichen Wesen entspricht.

Immer geht es um die geistig-seelische Befindlichkeit

 

 

Wenn Albert betont, „das Wissen von der ontologischen Erfahrung des Menschen ist so alt wie die Philosophie selbst“ („Die ontologische Erfahrung“, S. 45), so meint dies auch, dass die Philosophie dort ihren Ausgang genommen habe, wie er in seinen Studien der abendländischen, aber auch indischen und chinesischen Philosophie belegt. Dass Albert sein Verständnis von Philosophie mit dem Begriff einer „Metaphysik der Erfahrung“ charakterisiert, verweist darauf, dass deren Thematik nicht lebensfern ist, sondern sich mit den Phänomenen der Lebenswelt auseinandersetzt, also mit Kunst, Musik (er war selbst ein ausgezeichneter Pianist und Bach-Kenner), Religion, der Erziehung und Politik, also grundsätzlich mit der Existenz des Menschen, seiner „Innerlichkeit“. Daraus entstanden unter anderem Veröffentlichungen zum sozialen Leben „Das gemeinsame Sein. Studien zur Philosophie des Sozialen“ (1981), zum „Vom philosophischen Leben“ (1995), ferner zur „Philosophie als Form des Lebens“ (2000) und zur Ethik die „Utopie der Moral. Versuch einer kulturübergreifenden ontologischen Ethik (2003).

Immer geht es um die geistig-seelische Befindlichkeit des Menschen, der in der modernen Welt seine Orientierung und damit auch die geistigen Implikate des Lebens verloren habe. In seiner Schrift über Louis Lavelle zitiert er dessen Auffassung über das für den Menschen wesentliche geistige Leben dementsprechend: „Das Leben hat nur Sinn für den, der in das für alle gleiche geistige Universum eindringt und darin den Ort seiner eigenen Existenz und das Erkennungszeichen seiner persönlichen Bestimmung entdeckt“ („Lavelle und die Philosophie des 20. Jahrhunderts“, 1997, S. 59).

Das Leben geistiger gestalten

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In einem kleinen Buch, das zu seinem 85. Geburtstag ein Gespräch mit ihm aufzeichnet, wird seine Hoffnung deutlich, dass die Philosophie das Leben verändern könne, dass sie zum Nachdenken anregt und die Lebenswelt etwas menschlicher, nämlich geistiger zu gestalten vermag („Leben für die Philosophie – Leben in der Philosophie. Karl Albert im Gespräch“, 2006). Und so versteht er die Philosophie als gelebte Form des Lebens, als eine Weise, der Welt reflektiert und verantwortungsbewusst zu begegnen und zu erkennen, dass alles Seiende in enger Beziehung steht.

Es ist ein spirituelles Leben, das er vor Augen hat, wenn er sagt, dass ein geistiges Leben sich jedem Menschen erschließen kann, wenn er gewillt ist, sich von der Massenbeeinflussung zu distanzieren und bereit, seine Individualität, seine geistig-seelischen Fähigkeiten im reflektierten Leben zu suchen. Trotz der sehr verkürzt dargestellten These von der Erfahrung des Seins ist vermutlich deutlich geworden, dass Alberts philosophisches Anliegen sich hinsichtlich der Probleme unserer Zeit als sehr aktuell erweist, denn aus der Erfahrung des Seins resultiert nach Albert die Erkenntnis, dass alles Seiende miteinander verbunden im allumfassenden Sein aufgehoben ist. Dieser Gedanke hat weitreichende Konsequenzen sowohl in Bezug auf die Beziehung der Menschen untereinander als auch auf politische, soziale und sogar ökologische Gegebenheiten, denn es geht letztlich um Verantwortung, Gerechtigkeit oder Empathie gegenüber allem Seienden, also Kategorien, die die Ethik betreffen.

Albert forderte Umkehr zu kritischer Distanz zur Welt

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Alberts Forderung nach einer Veränderung der Welt setzt indes ganz im platonischen Sinne eine Umkehr des ganzen Menschen voraus, eine periagoge, wie Platon sie in seiner Politeia anstrebt. Und so betont er denn auch hinsichtlich einer durch die Seinserfahrung veränderten Sicht auf die Welt: „Man betrachtet die Welt distanzierter und kritischer, orientiert sich an den Werten des Geistigen und negiert die Oberflächlichkeiten und Belanglosigkeiten des alltäglichen Lebens, die den Menschen nur von seinem wahren Selbst entfernen“ („Karl Albert im Gespräch“, S. 30).

Diese Bemerkung erinnert an einen für Albert wesentlichen Terminus, der ihn seit seiner Studien der Werke Meister Eckharts beschäftigt, es ist die Abgeschiedenheit, die er als „Zustand des Befreitseins der Seele vom Dies-und-Das der Vielfalt des Seienden“ bezeichnet („Karl Albert im Gespräch“, S. 43). Doch ihm ist durchaus bewusst, dass Abgeschiedenheit für den Menschen unserer Zeit kein erstrebenswertes Ziel mehr ist, eine Tatsache, die durch die moderne Lebensweise, durch die Digitalisierung und die permanente Verfügbarkeit einen extremen Aktionismus aufweist.

In der Stille sich auf Wesentliches konzentrieren

Der moderne Mensch hat verlernt, allein zu sein, sich in Abgeschiedenheit und Stille auf etwas Wesentliches zu konzentrieren, denn er muss ständig präsent sein, will nichts versäumen und glaubt, nur auf diese Weise am Leben teilhaben zu können. Mit einem Vers aus der Bhagavadgita wendet Albert allerdings ein: „Wen nicht berührt die Außenwelt, wer klug sich hält von ihr zurück, wer in das Brahma sich versenkt, der findet in sich selbst das Glück“ („Karl Albert im Gespräch“, S. 44).

Die kurze Darstellung der Albertschen Philosophie macht deutlich, dass sie dem Zeitgeist keineswegs folgt und von daher immer wieder auf Gegenwehr stoßen wird. Eine Rückbesinnung auf den Ursprung und die Bedeutung der Philosophie möchte man sich indes wünschen.

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