Das Auge Gottes und des Menschen sind eins

Gott und das Sein in der Sicht des Mystikers Meister Eckhart – Eine Tagung in Kloster Weltenburg. Von Nenad Petkovic
Foto: IN | In der Predigerkirche in Erfurt, an der Meister Eckhart gewirkt hatte. Unser Bild zeigt den Flügelaltar.
Foto: IN | In der Predigerkirche in Erfurt, an der Meister Eckhart gewirkt hatte. Unser Bild zeigt den Flügelaltar.

Im Rahmen des diesjährigen philosophischen Seminars im Kloster Weltenburg stand nun als Fortsetzung nochmals das Werk und Wirken des mittelalterlichen Denkers Meister Eckhart im Fokus des Programms. Mentor der Veranstaltungsreihe ist der ehemalige Eichstätter Philosoph Norbert Fischer.

Spannende Bezüge zwischen Eckharts Konzept des „Seelengrundes“ und aristotelisch-thomistischer Seelenlehre stellte Eckhart-Forscher Otto Langer her, welcher auf eindrucksvolle Weise die Eckhart'sche Unterscheidung zwischen Wesen und Wirken darstellte: Bei Eckhart verhalten sich Wesen und Wirken zueinander wie Substanz und Akzidenz, dieses stellt das Kreatürliche und im eigentlichen Sinne Nicht-Seiende, jenes den von diesem unabhängigen Seelengrund dar. Dabei sticht in der metaphysischen Spekulation immer ein seelsorgerischer Aspekt hervor: Eckhart weist auf jene Gefahren hin, die dem Wesensgrund durch die äußeren Kräfte drohen. Gelingt es nicht, diese durch ein Gelassensein – nicht durch eine Abwendung – von der Welt zu bändigen, kann der Seelengrund zersplittern. Die Seele befindet sich im Besitz zweier Augenpaare, das eine nach außen gegen die kreatürliche, geschaffene Welt, das andere nach innen beständig zu Gott gekehrt. Beide Anschauungen können als eine Form von „Sehen“ klassifiziert werden, vollziehen sich aber keineswegs auf gleicher Stufe, da Gott nicht wie ein geschaffenes Objekt als ein Gegenüber perzipiert werden kann – folglich handelt es sich auch beim Seelengrund selbst nicht um ein erkennendes Organ.

Hier wird direkt auf aristotelisches Gedankengut rekurriert: Das Denken muss, um rezipieren zu können, absolut potenziell sein, die Vernunft bedarf der vollständigen Entblößung von allem, gleich dem Auge, welches selbst keine Farben enthält und enthalten darf, um Farbe wahrzunehmen. Hier transzendiert Eckhart jedoch die aristotelische Position, der zufolge die Wirklichkeit des Wahrnehmens und die Wahrnehmung selbst nicht identisch sind. Bei Eckhart: Das, was sieht und gesehen wird, ist im Erkenntnisvollzug eins. Folglich sind mein und Gottes Auge eins, Gott und Mensch werden eins in jenem Erkenntnisvollzug, in welchem die menschliche Seele ihr Sein von Gott erhält.

Auf die Auseinandersetzung von Meister Eckhart mit dem Johannesevangelium und deren Implikationen für das Verständnis von Philosophie wies Ruedi Imbach, Professor für mittelalterliche Philosophie an der Universität Paris Sorbonne, in seinem vielschichtigen Vortrag hin, bei dem auch augustinische Ideen in die Analyse miteinbezogen wurden, welche eine tragende Rolle für Meister Eckhart und seine Theologie spielten. Doch auch jene für die Lebenszeit des Meisters grundlegenden Konzepte des Thomas von Aquin (um 1270) blieben in der Lektüre nicht unberücksichtigt – der tatsächliche Einfluss dieses Denkers auf Eckhart darf nicht unterschätzt werden. Insbesondere im Hinblick auf die Einschätzung der Philosophie hat die Eckhart'sche Exegese für mittelalterliche Verhältnisse als singulär zu gelten, stellt der biblische Text für ihn doch den Inbegriff der philosophischen Lehre dar. Eine gegenseitige Durchdringung sowie Erleuchtung, ja letztlich Vereinigung von Glaube und Vernunft sind ein markantes Charakteristikum des Eckhart'schen Theologieverständnisses. Im Hinblick auf editionsphilologische Fragen stand Professor Georg Steer, Projektleiter in der Forschungsstelle für geistliche Literatur des Mittelalters an der Universität Eichstätt, mit seinem bemerkenswerten Wissens- und Erfahrungshorizont zur Stelle. Er ging neben Bezugspunkten zwischen dem „Liber positionum“, ein neuzeitliches Produkt ohne historische Echtheit der eckhardischen Autorschaft, und dem „Buch von geistlicher Armut“, welches echte Eckhart-Zitate aufweist und durch die aktuelle Übersetzung von Niklaus Largier mitsamt einem anerkennenswerten Kommentar wieder mehr Beachtung in der Forschung gewinnt, auch auf die Predigt 114 „Auferte ista hinc“ ein. Im Vordergrund stand dabei die Frage nach der Echtheit.

Deus est esse? Deus est intelligere? Ist Gott Sein oder Erkennen? Auf diese in der ersten Pariser Questio zur Hauptfrage erhobenen Problemstellung versuchte der Münchener Eckhart-Forscher Karl Heinz Witte in seinem Vortrag eine Antwort zu geben. Nach seiner Auffassung meint Eckhart: Gott erkenne nicht, weil er sei, sondern weil er erkennt, deshalb ist er. Auf das Sein übertragen wird an dieser Stelle ersichtlich, dass Sein hier als eine dem Kreatürlichen zugeschriebene Qualität betrachtet wird; Sein bedeutet hier: kreatürliches Seiendes – da Prinzip nicht Prinzipiat ist, kann Gott folglich nicht Sein sein, er ist die Lauterkeit des Seins (puritas essendi).

Nicht nur antike, spätantike und mittelalterliche Philosophie oder Theologie und ihr Bezug zu Eckhart schafften es ins Programm, auch wurde der Blick auf neuzeitliche Philosophen gelenkt. Als Kantspezialist referierte Norbert Fischer über aufschlussreiche Bezüge zwischen Immanuel Kant und Meister Eckhart, wobei auch dessen umfassendes Wissen zu Augustinus immer wieder fruchtbar in die Thematik einverwoben wurde. Gott könne nicht aktiv hervorgebracht oder – als gedanklicher Gegenstand etwa – in ein Außen projiziert werden, sondern er wird empfangen im aufnehmenden Menschen. Erst dann wird Gott im Wirken des Menschen aktiv, was als „Minnen“ (Lieben) umschrieben wird. Diese Gedanken bringt Fischer mit Kants Ausführungen zusammen, die im Opus postumum nachzulesen sind: „Gott über uns, Gott neben uns, Gott in uns“ – hierin kann ein in die Zukunft weisendes Streben nach Heiligkeit als eine Art von „unendlichem Progressus“ gesehen werden, wobei „Gott über uns“ in Bezug auf die Schöpfung und damit auf eine absolute Vergangenheit, die uns Menschen unfassbar bleibt, gelesen wird. „Gott in uns“ verweist auf die Wirklichkeit in der Gegenwart, einen Zustand der innigsten Anbetung, während erst am Punkt des „Gott in uns“ Heiligkeit erreicht ist, die jedoch wiederum als absolute Zukunft immerwährend als Ziel zu denken ist – mit Kants Worten: „Befolgung seiner Pflicht als Schatten dem Licht“.

Über ähnliche Perspektiven bei dem Phänomenologie Edmund Husserl und Meister Eckhart sprach Martina Roesner, Dozentin am Institut für Bibelwissenschaft an der Universität Wien: „Beiden ist gemeinsam, dass sie Gott im Sinne des Absoluten nicht als eine oberhalb oder außerhalb des Menschen angesiedelten Transzendenz verstehen, sondern seine ursprüngliche Selbstmanifestation in das reine Bewusstsein hineinverlegen.“

In Erinnerung bleibt eine Woche mit Meister Eckhart, welche die bereits bestehende Faszination für dessen Werk vertieft hat und in ihrem Nachwirken bestimmt nicht so schnell zum Erliegen kommen wird.

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