Debatte

Blutsbrüder und falsche Tanten

Die Debatte um angeblichen Rassismus im neuen „Winnetou“-Film übersieht einen viel heikleren Aspekt der Filmhandlung: Gender.
Junger Winnetou
Foto: dpa | Frei zum Abschuss? Mika Ullritz als Winnetou in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“. dpa

Vor rund sieben Jahren erntete der Passauer Bischof Stefan Oster empörte Reaktionen, als er im Zusammenhang mit der Debatte um die Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften äußerte, „positive Werte des Zusammenlebens“ gebe es „sogar zwischen den Mitgliedern einer Gangsterbande“. Die darin implizierte Feststellung, eine Gangsterbande sei dennoch keine Familie, kann man als eine Kernaussage des aktuell vieldiskutierten Kinofilms „Der junge Häuptling Winnetou“ (Regie: Mike Marzuk) betrachten.

„Auf diese Weise wird der Hauptschurke des Films bereits als „genderqueer“ gekennzeichnet, bevor er um die Mitte des Films herum erstmals auftritt, und sein effeminiertes Erscheinungsbild unterstreicht diese Einordnung“

Der Film, der zwei zwölfjährige Jungen als Protagonisten eines Wildwest-Abenteuers zeigt, enthält pointierte und provokante Kommentare zur LGBTQ- und Gender-Debatte, deren Brisanz die Kritiker noch kaum bemerkt zu haben scheinen: Die Kontroversen um den „jungen Häuptling Winnetou“ drehen sich bislang weitestgehend um Vorwürfe der „kulturellen Aneignung“ und eines allzu sorglosen Umgangs mit ethnischen Stereotypen – in der „Frankfurter Rundschau“ etwa kreidete eine Kritikerin dem Film „rassistische Klischees samt geschichtsrevisionistischer Romantisierung von Kolonialisierung und dazugehörigem Völkermord“ an. Schwere Geschütze, die da gegen einen Abenteuerfilm für Kinder aufgefahren werden.

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Eine weitere Eskalationsstufe erreichten diese Auseinandersetzungen mit der Entscheidung des Kinderbuchverlags Ravensburger, die Publikation zweier Bücher zum Film, eines Puzzles und eines Stickeralbums zurückzuziehen. Die zum Teil sehr emotionalen Reaktionen auf diesen Vorgang illustrieren, welchen Stellenwert die 1875 von Karl May geschaffene und zum Helden einer Reihe von Romanen und Erzählungen gemachte Figur des Apachenhäuptlings Winnetou in der kollektiven Imagination der Deutschen genießt. Besonders dazu beigetragen haben dürften die Winnetou-Filme der 1960er Jahre mit Pierre Brice, an denen sich Mike Marzuks Neuinterpretation des Winnetou-Stoffes – darin Michael „Bully“ Herbigs „Der Schuh des Manitu“ (2001) vergleichbar – noch weit stärker orientiert als an Karl Mays Büchern.

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Ethnologische Ungereimtheiten

Von den Landschaftsaufnahmen über die Szenen in der Westernstadt Rio Santo (einschließlich einer zünftigen Saloon-Schlägerei) bis hin zur Gestaltung skurriler Nebencharaktere bemüht sich „Der junge Häuptling Winnetou“ sichtlich – und recht erfolgreich – darum, den Stil der älteren Filme zu imitieren. Die Abenteuer des Häuptlingssohns Winnetou (Mika Ullritz) und des Pferdediebs Tom Silver (Milo Haaf), der sich im Laufe des Films von Winnetous Gegenspieler zu seinem Gefährten und schließlich zu seinem Freund und Blutsbruder wandelt, spielen somit in einem fiktionalen Universum, das mit dem realen Nordamerika des 19. Jahrhunderts nicht viel mehr Ähnlichkeit hat als die Welt von „Game of Thrones“ mit dem europäischen Mittelalter.

Wer diese Prämisse nicht akzeptiert, wird an dem Film wenig Freude haben – und zahlreiche Ungereimtheiten, nicht nur ethnologischer Art, in ihm entdecken: Warum sehen die Apachen aus wie Sioux? Wenn sie sesshaft sind und die unmittelbare Umgebung ihres Stammesheiligtums nicht verlassen wollen, wieso leben sie dann in Zelten? Kann man wirklich eine ganze Büffelherde in einem Tal gefangen halten? Gleichzeitig ist es allerdings recht offensichtlich, dass es nicht solche Details sind, die dem „jungen Häuptling Winnetou“ den Zorn der Kritikerzunft zugezogen haben. Die gegen den Film erhobenen Vorwürfe sind weit grundsätzlicherer Natur. Um einen Wildwestfilm nach Motiven von Karl May der „kulturellen Aneignung“ und der Verwendung rassistischer Stereotype zu bezichtigen, braucht man ihn nicht einmal gesehen zu haben.

Familie als Publikum und Thema

Sieht man ihn sich dennoch an, stellt man fest, dass es auch und nicht zuletzt unter Gender-Aspekten allerlei über ihn zu sagen gäbe. Ähnlich wie andere filmische Neuinterpretationen populärkultureller Mythen – man denke etwa an den „Herrn der Ringe“ – macht auch „Der junge Häuptling Winnetou“ durchaus einige Zugeständnisse an heutige Vorstellungen von Geschlechtergerechtigkeit: So gibt es bei den Apachen eine Kriegerin, Ish-kay-nay (Xenia Georgia Assenza), die gleichberechtigt an der Seite der männlichen Krieger reitet und kämpft, ohne dass dies begründet oder auch nur als erläuterungsbedürftig dargestellt würde; und auch Winnetous Schwester Nscho-tschi (Lola Linnéa Padotzke) spielt eine aktivere und selbstbewusstere Rolle als in früheren Versionen des Stoffes.

Bemerkenswerter und bezeichnender ist indes das Familienbild, das der Film vertritt. Ein Familienfilm ist „Der junge Häuptling Winnetou“ nicht nur insofern, als er gezielt dafür konzipiert scheint, dass Kinder ihn sich zusammen mit ihren Eltern oder auch ihren Großeltern ansehen; Familie spielt auch als Thema in der Filmhandlung eine größere Rolle, als man es von einem Wildwest-Abenteuer erwarten würde.

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Queerer Charakter als Bösewicht

Zwar lebt der junge Winnetou nicht in einer gänzlich intakten Familie – die Mutter ist schon vor Jahren gestorben –, hat aber doch deutlich mehr familiäre Geborgenheit erfahren als sein Gegenüber Tom Silver, der Waisenkind ist und von einer Räuberbande aufgezogen wurde. Den Anführer dieser Bande, Todd Crow (Anatole Taubman), nennt Tom, als er das erste Mal von ihm spricht, „Tante Todd“; als Winnetou daraufhin jedoch fragt „Wer ist diese Frau?“, erklärt Tom, Todd sei keine Frau, und Winnetou solle sich hüten, ihn als solche zu bezeichnen.

Auf diese Weise wird der Hauptschurke des Films bereits als „genderqueer“ gekennzeichnet, bevor er um die Mitte des Films herum erstmals auftritt, und sein effeminiertes Erscheinungsbild unterstreicht diese Einordnung. Auch die Warnung davor, Todd zu „misgendern“, wird später noch einmal aufgegriffen, als zwei Bandenmitglieder über ihren Boss sprechen und sich dabei unsicher sind, welche Pronomen sie für ihn verwenden sollen.

Am  Ende siegt die traditionelle Familie

Insgesamt wird Todd Crows Bande betont als groteskes Zerrbild einer echten Familie in Szene gesetzt; Todd bezeichnet seine Bandenmitglieder als seine „Kinder“, den kleinen Tom sogar als seinen „Lieblingssohn“ – was dieser jedoch empört zurückweist. Als das Gute gesiegt hat und Apachenhäuptling Intschu-tschuna (Mehmet Kurtuluş) seine verloren geglaubten Kinder in die Arme schließt, sagt Tom triumphierend zu Todd: „Siehst du – so geht Familie.“ In einem gesellschaftlichen und medialen Klima, in dem die Forderung nach dezidiert positiver Darstellung normabweichender Geschlechtsidentitäten und alternativer Familienmodelle, auch und gerade in Produkten für Kinder, mehr und mehr im Mainstream ankommt, stellt dieser Satz eine überraschend scharfe Provokation dar.

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