Jordan Peterson

Jordan B. Peterson: Ein postmoderner Johannes der Täufer

Viele sehen in Jordan B. Peterson einen Wegbereiter für den katholischen Glauben. Doch wie hat's der Psychologieprofessor persönlich mit der Religion?
Jordan Peterson
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | "Leben bedeutet Leiden." So fängt Peterson das Kapitel sieben "Strebe nach dem, was sinnvoll ist, nicht nach dem, was vorteilhaft ist" in seinem Ratgeber "12 Rules for Life" an.

Es sind vor allem Männer zwischen 25 und 40 Jahren, die die Veranstaltungshalle in Ljubljana, der slowenischen Hauptstadt, an einem Juniabend dieses Jahres füllen. Manche sind gekleidet wie ihr Vorbild Jordan Peterson: gutsitzender Anzug, darunter Weste und Krawatte. Während das Publikum auf die Inputs seines Online-Mentors, Coachs und YouTube-Lehrers Jordan Peterson wartet, dringt nicht Pop, sondern die Musik Bachs und Vivaldis aus den Lautsprechern. Unter den ungefähr 7.000 Besuchern des Events im Rahmen der "Jenseits der Ordnung"-Tour des Psychologieprofessors, mit der er nun auch Europa bereiste, ist auch Patrik Krizmanic. Der 28-jährige Theologiestudent hat die drei Bücher Petersons gelesen - zwei davon sind internationale Bestseller - und fast alle seiner unzähligen YouTube-Vorlesungen angesehen.

Lob von Bischof Barron

"Jordan Peterson ist ein Johannes der Täufer unserer Tage. Er bereitet dem katholischen Glauben den Weg", stellt der praktizierende Katholik gegenüber der Tagespost fest. Mit dieser Meinung ist Krizmanic nicht alleine. "Das ,Jordan-Peterson-Phänomen  ist ein Zeichen der Hoffnung", sagte etwa US-Bischof Robert Barron als Vorsitzender des "Ausschusses für Evangelisation und Katechese" gegenüber amerikanischen Bischöfen. Davon erzählte der Gründer des "World on Fire"-Medienapostolats selbst in einem YouTube-Video. Dort hat er sich mit dem kanadischen Psychologen über das Christentum in der Postmoderne ausgetauscht. Das fast zweistündige Gespräch hat über eine Million Klicks.

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Peterson öffne jungen Menschen eine Tür zu einem tieferen Verständnis der Bibel und zu der Objektivität von Werten, analysiert der Bischof in dem Video. Damit spielt er an auf die biblische Serie, Petersons erfolgreichste Online-Vorlesungen. Dort durchleuchtet der 60-Jährige die Geschichten aus dem Buch Exodus psychologisch und erklärt die Bedeutung der Symbole und Archetypen mithilfe der Lehre des analytischen Psychologen C. G. Jung. Allein die Vorlesung "Einführung in die Idee Gottes" hat über elf Millionen Aufrufe auf YouTube. Die persönliche Haltung Petersons zu Religion ist allerdings undurchsichtig. Er gehört keiner Konfession an und geht laut eigenen Angaben nicht regelmäßig in einen Sonntagsgottesdienst. Wer ist der Mann mit dem ernsten, fast leidenden Gesichtsausdruck, in dessen Augen sich Weltschmerz gepaart mit intellektueller Skepsis spiegeln? 

Der Leidende

"Leben bedeutet Leiden." So fängt Peterson das Kapitel sieben "Strebe nach dem, was sinnvoll ist, nicht nach dem, was vorteilhaft ist" in seinem Ratgeber "12 Rules for Life" an. Ein paar Seiten später spricht er aus, was sich viele katholische Priester heute nicht mehr trauen: "Durch Opfern kann man Schmerz und Leiden eindämmen." Für Peterson ist Christus das Beispiel par excellence, der, indem er sich am Kreuz für die Menschen hingibt, zum Archetypen eines Helden wird. "Peterson zeigt einem, wie man harte Dinge konkret umsetzen kann, wenn man zum Beispiel in seinem Leben aufräumen muss", meint Patrik Krizmanic. Petersons Lehre, dass man gegenwärtige Opfer bringt für eine bessere Zukunft, gab dem Kroaten, der in Deutschland aufwuchs, Mut, eine ungesunde Beziehung zu beenden und einen Job zu kündigen, der nur eine Ausflucht war.

Jordan Peterson und seine Familie wurden 2019 selber hart vom Leiden getroffen. Das war auch der Grund, warum der Psychologe für mehr als ein halbes Jahr von der medialen Bildfläche verschwand. Bei seiner Frau Tammy wurde 2019 Leberkrebs diagnostiziert. Über Monate hinweg war nicht klar, ob sie daran sterben würde, bis sie auf "wundersame Weise", so Peterson, gesundete. Peterson selbst entwickelte nach eigener Aussage ungewöhnlich schwere Nebenwirkungen auf Benzodiazepine, Beruhigungsmittel, die er seit 2016 regelmäßig einnahm und von denen er eine Abhängigkeit entwickelt hatte.

Die Suche nach einer erfolgreichen Behandlung führte ihn und seine Tochter über mehrere Monate durch die USA, Russland und Serbien. Das erfährt man in dem Video "Family Update". Wenn man Petersons Lehre über Männlichkeit, darüber, wie man sein Kreuz auf sich nimmt und Eigenverantwortung hört, könnte man meinen, der Psychologe sei ein hartgesottener Typ. Das Gegenteil ist der Fall. In Videos betont Peterson immer wieder, dass er konfliktscheu sei. Während Interviews fängt er manchmal zu weinen an, zum Beispiel, wenn er von Nachrichten berichtet, die ihm seine Leser und Zuhörer schicken. Es sind Geschichten von wiederhergestellten Beziehungen, von Menschen, die einen Sinn in ihrem Leben fanden, die mit Lügen aufhörten und sich der Wahrheit zuwandten   dank den Lektionen Petersons. Sein Mut zur Verletzlichkeit, den er in den Interviews an den Tag legt, wirkt echt, nicht gekünstelt.

Der Religiöse

Wie hat's Jordan Peterson mit der Religion? Seine Tochter erzählt in dem YouTube-Video "Mikhaila Peterson's story of finding God", dass ihre Mutter, Petersons Frau, sich seit ihrer schweren Krebserkrankung "als Katholikin identifiziert". Mikhaila wiederrum erzählt auch, wie sie im letzten Jahr nach einem Gebet Gott erlebte und sich seitdem als Christ versteht. Praktizierender Christ oder gar Katholik ist der Bestseller-Autor nicht, aber er scheint sich dem Glauben kontinuierlich anzunähern. In einem Video von Juni 2019 stellt er klar, dass er die Frage "Glauben Sie an Gott?" nicht mag - unter anderem, weil er sie für zu privat hält. Trotzdem versuche er so zu leben, als ob Gott existiere. In einem Interview mit Dennis Prager, einem konservativen Medienmacher, sagte er, dass der katholische Glaube das Vernünftigste sei, zu dem Menschen fähig sind.

Dann führte der Kanadier vor einem Jahr ein Gespräch mit dem YouTuber Jonathan Pageau, der auch orthodoxer Theologe und Ikonenmaler ist. Sie reden über Symbolismus, objektive Realität und jüdisch-christliche Narrative. Als Peterson über Christus redet, fängt er an zu weinen. "In der Figur Christi hast du eine Person, die erstens historisch existierte und zweitens ein Mythos ist. Christus ist die Einheit dieser beiden Dinge. Das Problem ist, dass ich das wahrscheinlich glaube. Ich bin erstaunt über meinen Glauben und verstehe es nicht. Manchmal berühren sich die objektive Welt und die der Narrative. Ich denke, man kann es nicht leugnen", sagt er mit feuchten Augen. Steht Jordan Peterson kurz vor einer echten Bekehrung oder gar einem Eintritt in die katholische Kirche?  "Jordan Peterson ist zwar vom Verstand her schon beim Katholizismus, aber unser Glaube ist vor allem die lebendige Beziehung zu Christus. Ob und wann dieser Schritt zur Annahme von Jesus Christus als historische Person, die wahrhaft auferstanden ist, kommt, bleibt wohl ein Rätsel", resümiert der Theologiestudent Krizmanic.

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