Idenditätsprobleme

Gut und gerne jammern

In der Welt kriselt es gewaltig: Warum ist es für viele Ostdeutsche gerade jetzt so schwer, der Westen zu sein?
Gedenkstätte Berliner Mauer
Foto: dpa | An der Gedenkstätte in der Bernauer Straße stehen Teile der Berliner Mauer. Manche scheinen sich nach dieser Tristesse zurückzusehnen.

Kennen Sie Erfurt? Oder Weimar? Oder Potsdam? Viele Städte in Ostdeutschland sind wahre Schmuckstücke geworden. Liebevoll restauriert, Kultur, Nachtleben, schicke Restaurants. Wunderbar. Ganz ehrlich, ich habe schon oft darüber nachgedacht und mit der Familie darüber gesprochen, unseren Lebensmittelpunkt in den Osten Deutschlands zu verlegen. Erfurt kenne ich wirklich gut, und in Potsdam war ich erst gerade wieder. So schön, diese Stadt.

Das Holländische Viertel, die Nikolaikirche als das Wahrzeichen, das Hans Otto Theater. Morgens bei strahlender Sonne zum Bagel-Shop oder in ein anderes der wunderbaren Frühstücks-Cafés, die kleinen Fischrestaurants, der Tabakladen mit einer exzellenten Auswahl kubanischer Rauchwaren an der Friedrich-Ebert-Straße. Ich wäre gern länger hier geblieben. Die blühenden Landschaften, die Bundeskanzler Helmut Kohl einst versprochen hat, die gibt es wirklich. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, der Sächsischen Schweiz, auf Rügen und selbst in Sachsen-Anhalt, wenn man nicht zufällig mit dem Auto durch die Innenstadt muss.

„Vielleicht ist es nach 28 Jahren Teilung und nach 40 Jahren Sozialismus
Teil der DNA in Ostdeutschland, gegen ‚den Westen‘ sein zu müssen“

Lesen Sie auch:

Die Deutsche Einheit ist ein Erfolgsmodell, und jeder kann das erkennen, der mit offenen Augen und offenem Herzen durch die ostdeutsche Welt spaziert. Und – man muss es mal wieder aussprechen – es ist das westliche Lebensmodell, es ist die Marktwirtschaft, es ist – ja auch – die bunte Vielfalt, die dafür gesorgt hat, dass es hier so unglaublich lebenswert geworden ist. Und dennoch sind viele Landsleute in den gar nicht mehr so neuen Ländern unzufrieden. Bei der vergangenen Kommunalwahl im Mai 2019 gaben von den 141 443 Wahlberechtigten in der Landeshauptstadt Potsdam nur 62, 3 Prozent überhaupt ihre Stimme ab, um die weitere Entwicklung der eigenen Kommune mit zu beeinflussen. Fast 40 Prozent der Bürger interessiert es gar nicht, was im Rathaus beschlossen wird.

Die stärksten Parteien sind – in dieser Reihenfolge – SPD, Die Linke und die Grünen. Die CDU, die beim Einheitsprozess 1990 keine unwesentliche Rolle gespielt hat, errang in Potsdam 12, 4 Prozent und verlor damit weitere zwei auf jetzt 7 von 56 Sitzen. Dass die AfD zwei Sitze hinzugewann auf jetzt 5 könnte eine gewisse Kausalität ausdrücken, was ich aber nicht belegen kann. Doch halten wir fest: Ohne Merkels Politik der Offenen Grenzen 2015 und 2016 würde es die AfD heute vermutlich nicht mehr geben. Es ist überall in Ostdeutschland so, die Wählerschaft ist ungewöhnlich beweglich. Entweder man bleibt am Wahltag ganz zu Hause, oder man wechselt von Wahl zu Wahl das, was man ankreuzt. Warum gibt es Die Linke noch, die Nachfolgepartei der SED, die für die deutsche Teilung stand? Warum dürfen diese Leute heute noch zu Wahlen antreten? Ok, Demokratie und so.

Die Bonzen sind wieder da - das Volk kennt das bereits

Lesen Sie auch:

Aber warum wählen so viele Menschen heute – 2022 – immer noch diese Partei, deren Vorvorgänger-Partei so viel Tod und Leid über das Land gebracht hat? Ich werde das nie verstehen. Vielleicht ist das Ausdruck einer ostdeutschen Art des Stockholm-Syndroms. Man gewöhnt sich an die sozialistischen Apparatschiks, die heute in den Parlamenten sitzen und in Landesregierungen und Bürgermeister stellen und mit dicken Mercedes-Limousinen auf Kosten der Steuerzahler 'rumkutschieren und Putin eigentlich viel besser finden als die „blöden Amis“, während sie am Bagel-Shop anhalten, um sich einen mit Creamcheese und Lachs zu holen, dazu ein Coffee-to-go – wie im Amerika-Urlaub.

Geht es noch schizophrener? Warum merken so viele unserer deutschen Landsleute gar nicht, dass sie jetzt im Westen leben, und im Westen sehr gut leben? Selbst in Zeiten schwerer Krisen wie jetzt. Ja, alles wird teurer, nicht schön, aber sind deswegen größere Fluchtwellen nach Russland feststellbar? Fast alle leben hier gut und gerne und jammern und meckern und wählen politische Spinner, wie eine „Spaßpartei“ namens „Die Partei“, die auch von einigen der 62,3 Prozent Potsdamer Wählern tatsächlich in den Stadtrat gewählt worden sind. Man fasst sich an den Kopf. Was ist da los?

Man darf in der Demokratie auch Bekloppte wählen

Lesen Sie auch:

Im Freistaat Thüringen, wirklich wunderschön und liebenswert, wählt mehr als die Hälfte der Wähler entweder die pro-kommunistische Linke oder Höckes völkische Sturmtruppen von der AfD. Mehr als 50 Prozent. Und dann geht man zum Stadtfest und isst Rinderroulade mit Rotkohl und Klößen oder die berühmten Thüringer Rostbratwürste und schimpft auf die „Besserwessis“. Kann man das ändern? Muss man das überhaupt ändern? Auch im Westen Deutschlands wählen die Bürger oft völlig abstrus und gegen ihre eigenen Interessen. Ist halt Demokratie. In einem freien Land darf man (fast) alles wählen, auch die – verzeihen Sie die deftige Ausdrucksweise – Bekloppten. Aber ich gebe zu, es schmerzt mich immer mehr.

Ich habe nach dem 9. November 1989 viel Zeit in der damaligen DDR verbracht. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch darüber, über „Goldbrand“-Gelage, heruntergekommene Kitas, Blauhemden und Bärenfellmützen auf dem Flohmarkt und den Ausflug an einen FKK-Strand an der Ostsee mit meiner damaligen Kollegin Kathleen. Ostdeutsche Kultur pur. In Ostdeutschland findet man Menschen, von denen viele so bodenständig leben wie wir Wessis vor 40 Jahren. Man kommt nach Werder, setzt sich in die Eisdiele und fühlt sich zu Hause. Wir sind Deutschland. Sind wir das wirklich?

Patriotischer Sozialismus hat offenbar viel Attraktivität

Ich wünsche, wir wären das. Als Russlands Angriff am 24. Februar auf die Ukraine begann, schrieb eine wirklich liebe Freundin aus einem der neuen Bundesländer auf Facebook allen Ernstes: „Wir müssen jetzt alle gegen Amerika kämpfen.“ Und unwillkürlich dachte ich: Wer schüttet bei denen was ins Trinkwasser? Aber vielleicht ist das kein Einzelfall, sondern bittere Realität. Vielleicht ist es nach 28 Jahren Teilung und nach 40 Jahren Sozialismus Teil der DNA in Ostdeutschland, gegen „den Westen“ sein zu müssen. Mit dem Lastenfahrrad für 4000 Euro zur Eisdiele strampeln, die herrlich restaurierte Bausubstanz der ostdeutschen Städte bewundern und dann ab ins Wahllokal und die Mauerbauer-Enkel ankreuzen oder die völkischen Fahnenschwenker, die den Sozialismus wieder einführen wollen, der diesmal ganz toll funktionieren wird, weil man ja patriotisch davor schreibt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die russische Angriffswelle rollt über die Ukraine. In Deutschland empört man sich über die sehr klaren Ansagen des ukrainischen Botschafters und träumt derzeit noch immer weiter von gute ...
28.04.2022, 13  Uhr
Stefan Meetschen
Im Essay „Schwere Zeiten bedürfen einer präzisen Sprache" wurde Deutschlands Haltung zu Russland und dem Ukraine-Krieg kritisiert.
05.05.2022, 13  Uhr
Heimo Schwilk
Frédéric Schwilden ist nicht nur Redakteur bei der Zeitung „Die Welt“, er ist auch Fotograf, Schriftsteller und Katholik. Glaube und Kunst, findet er, müssen wehtun.
11.06.2022, 19  Uhr
Emanuela Sutter
Themen & Autoren
Klaus Kelle Alternative für Deutschland Angela Merkel Björn Höcke Bündnis 90/ Die Grünen CDU Die Linke Hans Otto Helmut Kohl SPD Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger