Jordan Peterson

Vom Seelenforscher zum Kulturkämpfer

Können wir heute noch abseits von Lagerkämpfen diskutieren? Der Psychologe Jordan Peterson war lange Hoffnungsträger für eine Gesprächskultur ohne Ideologie. Doch nun scheint er selbst das Kriegsbeil zu wetzen.
Jordan Peterson
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Der Peterson von heute ist nicht mehr der Peterson von damals, egal, ob gegen ihn gerichtete öffentliche Anfeindungen oder sein gesundheitliches Leiden dazu beigetragen haben.

Vor einem dunklen Vorhang sitzt im Scheinwerferlicht ein Mann im dreiteiligen Nadelstreifenanzug. Er hat sich zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen und funkelt die Kamera grimmig über seinen stahlgrauen Bart an. Er faucht: "Ihr könnt mich mal, woke Moralisten! Wir werden ja sehen, wer hier wen cancelt!" Dieses Video erscheint 2022 auf dem YouTube-Kanal von Jordan B. Peterson, kurz nachdem Twitter den Psychologen für einen provokanten Tweet von der Plattform verbannte. 

Fans, die den klinischen Psychologen seit 2016 kennen, seine Bücher gekauft oder seine Events besucht haben, dürften den Akademiker kaum wiedererkannt haben. "Ich bin nicht politisch", so Peterson noch vor drei Jahren in einem Interview mit der London Times. "Ich will Menschen helfen, ihr Leben zu verbessern." Peterson war oft den Tränen nah, wenn in Interviews persönliche Geschichten seiner Fans zur Sprache kamen. Viele behaupten, dass Peterson ihr Leben zum Guten verändert hätte   weil er Orientierung bot.

Vorbild und Vaterfigur

Was ist zwischen diesen beiden Momentaufnahmen passiert? Nicht nur ein Kriegsausbruch in Europa und eine Pandemie. Petersons persönliches Leben driftete 2019 auseinander. Peterson musste eingestehen, dass er von Beruhigungsmitteln abhängig geworden war - und das als praktizierender, klinischer Psychologe. Wie aus dem Nichts verschwand der Kanadier von der Bildfläche. Erst Wochen später erfuhren Fans, wohin.
Weil die Behandlungen in amerikanischen Krankenhäusern laut der Familie Peterson nicht anschlugen, hatte seine Tochter Mikhaila ihren Vater wochenlang durch Behandlungsorte in Moskau und schließlich Serbien geschleppt. In Russland unterzog man ihn schließlich einer umstrittenen Entzugsbehandlung. Acht Tage lang versetzten ihn die Ärzte in ein künstliches Koma. Seine mühsame Gesundung dokumentierte wieder die Tochter auf YouTube und Instagram.

Lesen Sie auch:

Sie leitet seither auch Petersons Unternehmen. Nebenher vermarktet Mikhaila Peterson als Influencerin auch ihre extrem restriktive "Carnivore-Diät". Die besteht ausschließlich aus Wasser, Salz und Rindfleisch   und gelegentlich Whiskey. Diese Diät soll laut Mikhaila Peterson ihre Autoimmunerkrankung und Depressionen geheilt haben. 

Rebranding zum  Pop-Konservativen

Unter der Leitung der 30-Jährigen hat sich das Image von Peterson als zerstreutem Akademiker, der von seinem Büro zuhause oder seinem Klassenzimmer aus in eine Webcam spricht, verändert. Stattdessen stehen maßgeschneiderte Anzüge und teures Equipment auf dem Programm. Auch Mikhaila Peterson hat einen Imagewechsel durchgemacht   zur Pop-Prinzessin der amerikanischen Konservativen. Mit blond gefärbtem Haar, aufgespritzten Lippen und Beauty-Filter verbreitet sie nicht selten pseudo-wissenschaftliche oder an Verschwörungstheorien grenzende Inhalte. Die zum zweiten Mal verheiratete Influencerin, die die Einnahme von Psychedelika als transzendente Erfahrung beschreibt, bezeichnet sich als neu bekehrte Christin und erhält dadurch auch eine Plattform in den freikirchlichen Kreisen der US-Konservativen. Nun hat ihr Vater Jordan Peterson einen Vertrag über mehrere Jahre mit dem rechts-konservativen "Daily Wire" unterschrieben. Das Nachrichtenportal rührt im Kulturkampf gerne mal die Kriegstrommel. Ein folgerichtiger Schritt für die Petersons? 

Einige Fans sind enttäuscht. Der britische Journalist und Regisseur David Fuller, der mit Peterson mehrmals für Dokumentationen zusammenarbeitete, hat sich in einem langen Artikel mit der Entwicklung des Psychologieprofessors auseinandergesetzt. "Aus meiner Perspektive sagt seine [Petersons] Entwicklung über die letzten Jahre etwas Tiefgehendes über unsere Kultur aus, besonders über den verzerrenden Effekt der sozialen Medien." 

Soziale Medien fördern Lagerdenken

Laut Fuller führen manche Mechanismen der sozialen Medien dazu, dass Menschen "in einem Spiegellabyrinth" gefangen sind, "das die Wahrnehmung verzerrt". Dafür führt Fuller ihr suchtmachender Faktor durch Dopaminausschüttung an. Auch die extrem schnelle Verständigung zwischen Zuschauer und Urheber verändere den Blick auf die Welt. Diese Dynamiken verleiten laut Fuller dem Publikum mehr und mehr das zu geben, was es will.

Lesen Sie auch:

Kritiker des polarisierenden Psychologieprofessors aus Kanada werden behaupten, dass es diesen neuen Peterson - einseitig, kämpferisch, reuelos   schon immer gegeben habe. Schon von seinen ersten öffentlichen Auftritten von 2016 an, als er gegen die gesetzliche Vorschreibung von selbstgewählten Geschlechtspronomen in Kanada protestierte, hielt man ihn für einen Provokateur, einen Polemiker, einen neuen politischen Player der amerikanischen Neuen Rechten. 

Doch Peterson fügte sich nicht in dieses Bild. Nicht nur, weil er nach eigener Aussage nicht politisch sein wollte. In einem viralen Video von 2018 legte die Moderatorin Cathy Newman dem Psychologen wiederholt Sätze in den Mund - "Was Sie also sagen wollen, ist  ". Warum war das Video so erfolgreich? "Es lag daran, dass Peterson trotz extremer Provokation ruhig blieb und es schaffte, darüber zu lachen, [Newmans] feindselige Fragen zu entschärfen und durchweg großmütig zu bleiben", so David Fuller. Und er fügt hinzu: "Diese Version von Jordan Peterson hat man schon seit langem nicht mehr gesehen".

Seine Glaubwürdigkeit leidet

Für viele Fans war Peterson eine Hoffnungsfigur. Menschen aus dem konservativen wie dem liberalen Lager sahen in ihm jemanden, der Fragestellungen differenziert, ideologiefrei und ehrlich diskutierte. Der Hunger danach ist groß. Durch seine Forschungen zur Sowjetunion und Totalitarismus, seine klinische Erfahrung und akademische Laufbahn schien der 60-Jährige vor Ideologie und der Korruption durch das Scheinwerferlicht gefeit zu sein. 

Aber der Peterson von heute ist nicht mehr der Peterson von damals, egal, ob gegen ihn gerichtete öffentliche Anfeindungen oder sein gesundheitliches Leiden dazu beigetragen haben. Seine Botschaft von persönlicher Verantwortung, kritischer Selbstreflexion und Wahrheitssuche bleibt aktuell und notwendig. Doch ihre Glaubwürdigkeit leidet. Denn wenn es Peterson schon nicht schafft - wer dann?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Sally-Jo Durney Jordan Peterson Totalitarismus

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger