Katholische Naturwissenschaft

Gregor Johann Mendel: Urvater der Vererbungslehre

Harmonie von Glaube und Wissenschaft: Vor 200 Jahren wurde Gregor Johann Mendel geboren. Er gilt als der Urvater der Vererbungslehre und schuf die Grundlage für Genetik.
Gregor Johann Mendel
Foto: dpa | Naturwissenschaftler, Augustiner, Lehrer und Abt: Der Vererbungsforscher Gregor Johann Mendel (1822-1884) in einer zeitgenössischen Darstellung.

Der Begriff „Genetik“, unter dem man die wissenschaftliche Vererbungslehre versteht, war zu Lebzeiten Gregor Johann Mendels noch nicht geläufig. Heute aber wird Mendel gern als „Vater der Genetik“ bezeichnet, da er die Grundprinzipien der Vererbung entdeckte. Johann Mendel nahm den Namen „Gregor“ an, als er 1843 in die Augustinerabtei Alt Brünn eintrat. In der ist heute Jan Emil Biernat Ökonom. Er urteilt: „Mendels Taten sind ein perfektes Beispiel, dass der Glaube an Gott und die Wissenschaft Hand in Hand gehen können.“

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Kollegen hatten seine Leistung nicht gewürdigt

Dieses Jahr wird Mendels 200. Geburtstag gefeiert. Aber sein genaues Geburtsdatum ist rätselhaft, wie Vladan Lazecký berichtet. Er ist stellvertretender Bürgermeister der heute tschechischen Gemeinde, zu der Mendels Geburtsort Heinzendorf (Hynèice) gehört, Der erst 1832 ausgestellte Taufschein Mendels nennt den 20. Juli 1822 als Geburtsdatum. Mendel jedoch feierte seinen Geburtstag immer am 22. Juli. Das Gehöft, in dem der Bauernsohn zur Welt kam, wurde 2007 mit Hilfe einer deutsch-tschechischen Stiftung als Begegnungsstätte und Mendel-Museum hergerichtet. Es stellt anhand von Objekten, Fotografien, Dokumenten und Texttafeln Mendels Leben und Wirken vor. Anlässlich der Einweihung sagte der Augustinerpater Clemens Richter über seinen Urgroßonkel: „Man wird Mendel nicht gerecht, wenn man ihn nur als Naturforscher und nicht auch als Mensch und Priester sieht. Stets hatte er Sinn für Humor oder Situationskomik. Vor allem wird von seinen Zeitgenossen das Gewinnende seines Wesens hervorgehoben.“

Dem begabten Bauernsohn machte seine das Studium behindernde schlechte Finanzlage auch psychisch schwer zu schaffen. Nicht zuletzt deshalb trat er in den Augustinerorden ein. In seiner 1850 verfassten Autobiografie, in der er sich „der ehrfurchtsvoll Gefertigte“ nennt, bekennt Mendel: „Mit der für jedes Studium so erspriesslichen Behaglichkeit der physischen Existenz kehrte dem ehrfurchtsvoll Gefertigten auch Mut und Kraft zurück, und er studierte mit vieler Lust und Liebe.“ Und zwar zunächst in Brünn (Brno) Theologie sowie Ökonomie, Obstbaumzucht und Weinbau. Anschließend hörte er in Wien Vorlesungen über Mathematik, Statistik, Physik und Botanik. So gerüstet, lehrte er ab 1854 vierzehn Jahre lang an der Oberrealschule in Brünn Physik und Naturkunde.

„Im Abteigarten wird die Rekonstruktion von Mendels Gewächshaus errichtet“

 

 

Nebenher beschäftigte er sich mit Bienenzucht, Wetterkunde und dem Klostergarten. Hier nahm er 1854 seine Kreuzungsexperimente mit Erbsen auf. Seine Erkenntnisse trug er im Februar und März 1865 in den Räumen der Oberrealschule den Mitgliedern des Naturforschenden Vereins vor. Im Jahr darauf erschienen seine beiden Vorträge unter dem Titel „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ im Druck. Eine gekürzte Fassung stand 1867 in der Wochenschrift des Gewerbevereins Bamberg. Aber Mendels Forschungsergebnisse machten auf die Fachwelt keinerlei Eindruck. Er soll geäußert haben: „Meine Zeit wird noch kommen!“ Ihm selbst blieb jedoch keine Zeit mehr für die Fortsetzung seiner Forschungen, da die Mitbrüder ihn 1868 zu ihrem Abt wählten. Die letzten zehn Lebensjahre des am 6. Januar 1884 gestorbenen Abtes überschattete der Konflikt mit dem Staat über erhöhte Steuerzahlungen, die Mendel verweigerte, weil sie die Existenz des Klosters bedrohten.

Kurioserweise waren es im Jahre 1900 gleich drei Botaniker, nämlich Naturforschenden Verein, Hugo de Vries und Erich Tschermak von Seysenegg, die unabhängig voneinander Mendels „Versuche über Pflanzen-Hybriden“ wiederentdeckten und deren enormen wissenschaftlichen Wert propagierten. Das originale Manuskript wird anlässlich von Mendels 200. Geburtstag im Mendel-Museum der Augustinerabtei in Brünn präsentiert. In ihm und im Abteimuseum werden der Wissenschaftler, Augustiner und Mensch Mendel vorgestellt. Für deutschsprachige Erläuterungen sorgen die dort tätigen Wissenschaftlerinnen Miriam Kolárová und Sarah Marschalová.

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Mendels Gewächshaus wird rekonstruiert

Den Bogen in unsere wissenschaftliche Gegenwart wiederum schlägt das im Bischofshof angesiedelte Mendelianum. Im Saal und angrenzenden Räumen, in denen sich früher Mendel und die anderen Mitglieder der Ackerbaugesellschaft trafen, werden Persönlichkeit und Werk in Beziehung zur heutigen Genetik gesetzt. Ein weiterer Anziehungspunkt ist das vom 20. bis 24. Juli stattfindende Mendel-Festival. Es präsentiert auf dem Mendelplatz Wissenschaft und Unterhaltung. Für das geistliche Programm sorgen die Augustiner in ihrer am Mendelplatz gelegenen Abtei.

Bis zum 200. Geburtstag sollen zwei Projekte verwirklicht werden, für die Papst Franziskus letztes Jahr die Grundsteine segnete. Im Abteigarten wird die Rekonstruktion von Mendels Gewächshaus errichtet. Und auf dem Mendelplatz sollen die drei Mendelschen Regeln der Vererbung nach dem Entwurf des Brünner Bildhauers Jaromír Gargulák plastische Gestalt annehmen. Sein hauptsächlich aus Bronze angefertigtes Werk heißt „Hrachovina“ (Erbsen). Bodenreliefs veranschaulichen die Uniformitätsregel und die Spaltungsregel. Spektakulärer, fast fünf Meter aufragender Höhepunkt sind die 16 Erbsenpflanzen der Neukombinationsregel. Philipp Böhm wirbt Spendengelder ein. Wer mindestens 50 000 Euro gibt, darf seinen Namen auf eine der 16 Erbsen gravieren lassen und in ihr seine DNA-Probe deponieren. Auch Mendels DNA kommt in eine der Erbsen, wie Böhm verrät.

Mendel wird selbst für die Wissenschaft interessant

Mit Erlaubnis des Augustinerordens sind nämlich etwa 20 Wissenschaftler der Brünner Masaryk-Universität daran gegangen, den „Vater der Genetik“ archäologischen, anthropologischen und genetischen Untersuchungen zu unterziehen. Über die äußerte der stellvertretende Generalprior Paul Graham: „Wir sind sehr stolz, dass Mendel ein Mitglied unseres Ordens war. Unser Einverständnis beweist, neben anderen Dingen, dass der heutige Vatikan sehr viel aufgeschlossener ist als die breite Öffentlichkeit es für möglich hält.“ Am Anfang des von Sárka Pospíšilová geleiteten interdisziplinären Projektes stand die Untersuchung der Grabanlage der Augustiner auf dem Zentralfriedhof. Anschließend wurden die sterblichen Überreste Mendels und vier weiterer Mönche exhumiert. Die Mendels vermuteten die Wissenschaftler in einem Zinnsarg. Das bestätigte ein DNA-Abgleich. Der erfolgte mit Hilfe eines Haares, das die Forscher in einem von Mendels Büchern entdeckten.

Seit November letzten Jahres ist Mendel wieder bestattet. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen stellen die Wissenschaftler nun auf der „Mendel Genetics Conference“ vor, die vom 20. bis 23. Juli stattfinden wird.


Informationen zu Brünn: www.gotobrno.cz 
zum Mendel-Festival: www.sochapromendela.cz/de
zum Geburtshaus: severnimorava.travel/de/homepage und www.mendel-rodnydum.vrazne.cz

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