Feuilleton

Ora et LABORa

In diesem Jahr rundet sich bei gleich vier herausragenden katholischen Wissenschaftlern das Geburts- beziehungsweise Sterbedatum. Ein willkommener Anlass, an ihre Forschungsbeiträge zu erinnern und auf ihr Glaubenszeugnis zu schauen. Von Josef Bordat
Gregor Mendel

Glaube und Wissenschaft – zwei Welten? Manch einer meint das offenbar. In Bemerkungen der Art, dass man „trotzdem“ glaubt oder wie man denn „heute noch“ glauben könne, finden sich jedenfalls Spuren der modernen Unvereinbarkeitsidee: Entweder man weiß (dann muss man nicht glauben), oder aber man glaubt (weil man es eben nicht besser weiß – noch nicht). Dass diese Vorstellung durchaus kritikabel ist, lässt sich am besten belegen, indem man auf Menschen schaut, die beides waren oder sind: gläubige Christen und erfolgreiche Wissenschaftler. Vier historische Beispiele stechen dabei heraus.

Gregor Mendel

Gregor Mendel, dessen Todestag sich bereits am 6. Januar zum 135. Mal jährte, ist der einzige Ordensmann unter den Vieren. Er forschte gewissermaßen nebenbei – und hat doch einen großen Beitrag zur Genetik geleistet. Der Augustinermönch gilt als „Vater der Genetik“. Im Klostergarten der Brünner Abtei St. Thomas experimentierte er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Erbsen und Habichtskraut und fand bei seinen Kreuzungsversuchen die nach ihm benannten Mendelschen Regeln der Vererbung. Man kommt in der Schule an vielen Dingen vorbei, daran aber nicht.

Trotz seiner bahnbrechenden Entdeckung war Mendel freilich in erster Linie ein Mann des Glaubens. In einer deutschsprachigen Predigt verwob er seine wissenschaftliche Forschungsarbeit mit Deutungen der Heiligen Schrift: „Jesus erschien den Jüngern nach der Auferstehung in verschiedener Gestalt. Der Maria Magdalena erschien er so, dass sie ihn für einen Gärtner halten mochte. Sehr sinnreich sind diese Erscheinungen Jesu und unser Verstand vermag sie schwer zu durchdringen. (Er erscheint) als Gärtner. Dieser pflanzt den Samen in den zubereiteten Boden. Das Erdreich muss physikalisch-chemisch Einwirkung ausüben, damit der Same aufgeht. Doch reicht das nicht hin, es muss noch Sonnenwärme und Licht hinzukommen nebst Regen, damit das Gedeihen zustande kommt. Das übernatürliche Leben in seinem Keim, der heiligmachenden Gnade, wird in die von der Sünde gereinigte, also vorbereitete Seele des Menschen hineingesenkt und es muss der Mensch durch seine guten Werke dieses Leben zu erhalten suchen. Es muss noch die übernatürliche Nahrung dazukommen, der Leib des Herrn, der das Leben weiter erhält, entwickelt und zur Vollendung bringt. So muss Natur und Übernatur sich vereinigen, um das Zustandekommen der Heiligkeit des Menschen. Der Mensch muss sein Scherflein Arbeit hinzugeben, und Gott gibt das Gedeihen. Es ist wahr, den Samen, das Talent, die Gnade gibt der liebe Gott, und der Mensch hat bloß die Arbeit, den Samen aufzunehmen, das Geld zu Wechslern zu tragen. Damit wir ‚das Leben haben und im Überflusse haben‘ (Joh 10, 10). Drei Sakramente, die das Leben spenden: Taufe, Beichte, Kommunion [sind] zur Osterzeit eingesetzt worden.“

Louis de Broglie

Am 19. März vor 30 Jahren starb Louis-Victor Pierre Raymond de Broglie. Der fromme Katholik war einer der wichtigsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Er erhielt 1929 den Nobelpreis für die von ihm entwickelte Theorie der Materiewellen. Der Welle-Teilchen-Dualismus, der vor de Broglie nur für Photonen bekannt war, ist seiner Meinung nach Merkmal nicht nur der Photonen, sondern auch der Materie. Auch einem klassischen Teilchen – etwa einem Elektron – werden somit Welleneigenschaften zugesprochen. Diese physikalische Forschungsleistung verbindet de Broglie mit dem philosophischen Gedanken, dass über die Wellenmechanik der Teilchen alle materiellen Vorgänge exakt berechenbar seien. So entstünde eine deterministisch erklärbare Welt. Nach Diskussionen mit Kollegen wie Albert Einstein, Niels Bohr und Max Planck gab de Broglie den Determinismusgedanken zunächst zugunsten einer Wahrscheinlichkeitsinterpretation des Geschehens auf, um ihn Mitte des 20. Jahrhunderts mit David Bohm wieder aufzugreifen (De-Broglie-Bohm-Theorie der kausalen und konkreten Deutung der Wellenmechanik).

Wenn auch die konkrete Weltdeutung bei Louis de Broglie unstet ist, so ist sein Leben geprägt von der Sehnsucht, Gott zu erkennen. Zu forschen begreift er dabei als ein „Verlangen“ des Menschen: „Die Wissenschaft, egal ob sie nun als Suche nach der Wahrheit oder nur die Notwendigkeit bezeichnet, Herrschaft über die äußere Welt zu erlangen, Leiden zu lindern, oder das Leben zu verlängern, ist letztlich eine Frage des Gefühls, oder besser des Verlangens – des Verlangens nach Wissen, oder des Verlangens nach Erkenntnis“. Einen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben sieht er nicht: „Zwei scheinbar unvereinbare Konzeptionen können jeweils einen Aspekt der Wahrheit repräsentieren.“

Jérôme Lejeune

Des 25. Todestags von Jérôme Lejeune gedenken wir am 3. April. Der Kinderarzt und Genetiker ist der Entdecker der genetischen Ursache des Down-Syndroms: das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms (daher: Trisomie 21). Als Mediziner forschte er an der Heilung dieses Gendefekts, als Christ setzte er sich für das Recht auf Leben behinderter Kinder ein, und damit auch gegen die Auswahl und Abtreibung von Embryonen mit Trisomie 21. Dafür wiederum hatte er mit seiner Entdeckung die diagnostischen Grundlagen geschaffen – eine Tragik, die ihm sehr nahe ging.

Lejeune war Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Der heilige Papst Johannes Paul II., dessen persönlicher Freund er war, berief ihn zum ersten Präsidenten der 1994 gegründeten Päpstlichen Akademie für das Leben. Als Lejeune kurz darauf an Krebs verstarb, setzte sich Johannes Paul II. für die Seligsprechung des Wissenschaftlers ein. Die Abtei Saint-Wandrille hat die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses postuliert, mittlerweile wurde Lejeune zum ehrwürdigen Diener Gottes erhoben.

Jérôme Lejeune ist ein großes Vorbild der Lebensrechtsbewegung. Seine Verteidigung des ungeborenen Lebens ist von zeitloser Bedeutung. Seine Erkenntnis sei allen Menschen ins Stammbuch geschrieben: „Die Humangenetik kann in diesem einfachen Glaubenssatz zusammengefasst werden: Am Anfang ist die Botschaft, und die Botschaft ist im Leben, und die Botschaft ist Leben. Und wenn die Botschaft eine menschliche Botschaft ist, dann ist das Leben ein menschliches Leben.“

Georges Lemaître

Und last, but not least gibt es am 17. Juli einen Grund zum Feiern: der 125. Geburtstag von Georges Lemaître, Begründer der Urknall-Theorie. Ausgerechnet ein belgischer Priester hat als Professor für Physik an der Universität Löwen die „Big Bang“-Theorie entwickelt. Lemaître stellte seine Idee 1931 auf einem Kongress in London vor. Er beschrieb dort seine Vorstellung eines Uratoms, „ein kosmisches Ei, das im Moment der Entstehung des Universums explodierte“. Lemaîtres Urknall-Theorie wurde zunächst abgelehnt (Kritik übte unter anderen auch Albert Einstein), weil sie zu sehr an die religiöse Vorstellung einer Erschaffung der Welt angelehnt war.

1951 akzeptierte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften als eine der ersten Forschungseinrichtungen Lemaîtres Theorie. Papst Pius XII. führte dazu aus, der mit dem Urknall zeitlich festlegbare Anfang der Welt sei dem göttlichen Schöpfungsakt entsprungen – kein Widerspruch also zum christlichen Schöpfungsglauben. Kurz vor seinem Tod (1966) erfuhr Lemaître noch von der Entdeckung der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrahlung, die seine Theorie erhärtete. Weitere Forschungsarbeiten (unter anderem von Stephen Hawking) sowie die Ergebnisse von Satellitenmessungen aus den letzten Jahrzehnten erhöhten die Plausibilität der „Big Bang“-Theorie immer mehr, die nicht den Urknall selbst beschreibt, sondern „nur“ die Zeit unmittelbar danach. Der große Knall selbst entzieht sich dem Methodenarsenal wissenschaftlicher Forschung.

Über den vermeintlichen Gegensatz von Wissenschaft und Glauben schrieb der Astrophysiker und Gottesmann, der von 1960 bis 1966 selbst Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften war: „Wenn Du einmal realisiert hast, dass die Bibel gar nicht vorgibt, ein wissenschaftliches Textbuch zu sein, dann verschwindet auch die alte Kontroverse zwischen Religion und Wissenschaft.“

Und heute?

Die vier gläubigen Wissenschaftler sind lange tot. Und heute? Gibt es heute auch Beispiele für christliche Naturwissenschaftler von Rang? Deutschlands Nobelpreisträger aus dem Jahr 2007, Gerhard Ertl (Chemie) und der 2018 verstorbene Peter Grünberg (Physik), sind beziehungsweise waren nach eigenem Bekunden gläubige Christen. Ertl sagte über sich in einem Interview anlässlich der Nobelpreisverleihung: „Ich bin Christ und versuche als Christ zu leben.“ Grünberg antwortete in dem gleichen Interview auf die Frage, ob er, „als Naturwissenschaftler“, an Gott glaube: „Ja, natürlich.“ Der Schweizer Mikrobiologe Werner Arber, ein evangelisch-reformierter Christ, der 1978 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt und von 2010 bis 2017 Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften war (als erster Nicht-Katholik in der über 400-jährigen Geschichte der Institution), schrieb in 1992 einem Aufsatz: „Die primitivsten Zellen erfordern mindestens einige hundert verschiedene spezifische biologische Makromoleküle. Wie sich solche ohnehin schon recht komplexe Strukturen zusammenfinden können, bleibt mir ein Rätsel. Die Möglichkeit der Existenz eines Schöpfers, Gottes, stellt für mich eine zufrieden stellende Lösung für dieses Problem dar.“

Und, eine Renommee-Etage tiefer: Als der aus dem ZDF weithin bekannte Astrophysiker Harald Lesch, evangelischer Christ, auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 in München gefragt wurde, warum er als Wissenschaftler an Gott glaube, hat er geantwortet: „Was soll ich denn sonst machen?!“ Die Ratlosigkeit eines gläubigen Wissenschaftlers angesichts der Ignoranz einer ebenso naseweisen wie oberflächlichen Moderne.

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