50. Todestag Coudenhove-Kalergis

Richard Coudenhove-Kalergi: Europas Gentleman

Vor 50 Jahren starb der visionäre Vordenker des vereinten Europas, Richard Coudenhove-Kalergi. Sein philosophisches Werk ist heute vergessen, sein politisches Erbe brandaktuell.
Richard Graf Coudenhove-Kalergi initiierte die Paneuropa-Bewegung
Foto: Paneuropa-Archiv | 1894 in Tokio geboren, initiierte Richard Graf Coudenhove-Kalergi vor genau einem Jahrhundert die Paneuropa-Bewegung. Vor 50 Jahren starb er in Schruns (Vorarlberg).

Weder der Osten noch der Westen wolle Europa retten: „Russland will es erobern – Amerika will es kaufen. Durch diese Skylla der russischen Militärdiktatur und die Charybdis der amerikanischen Finanzdiktatur führt nur ein schmaler Weg in eine bessere Zukunft. Dieser Weg heißt Paneuropa und bedeutet: Selbsthilfe durch Zusammenschluss Europas zu einem politisch-wirtschaftlichen Zweckverband.“

Diese Sätze schrieb kein moderner Politiker des 21. Jahrhunderts, sondern ein junger Philosoph vor einem knappen Jahrhundert. Der damals 28-jährige Richard Graf Coudenhove-Kalergi warnte 1923, als Josef Stalin gerade dabei war, in der jungen Sowjetunion alle Macht in seinen Händen zu konzentrieren: „Die Geschichte stellt Europa vor die Alternative: entweder sich über alle nationale Feindseligkeiten hinweg zu einem Staatenbunde zusammenzufinden – oder der Eroberung durch Russland zum Opfer zu fallen.“ Das Hauptziel der europäischen Politik müsse die „Verhinderung einer russischen Invasion“ sein.

Er sah den Zweiten Weltkrieg voraus

Coudenhove-Kalergi sah nicht nur den Kalten Krieg und die von Moskau ausgehende Gefahr für Europa voraus, sondern auch den Zweiten Weltkrieg samt seiner tieferen Ursachen. Wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erkannte er, dass Europa auf einen zweiten, noch viel grausameren und schrecklicheren „Zukunftskrieg“ zuraste: weil der Kontinent gespalten war in revisionistische und anti-revisionistische Staaten, vor allem aber weil der Nationalismus, der bereits in den Ersten Weltkrieg geführt hatte, auch als Sieger aus diesem hervorgegangen war.

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„Die europäische Politik von heute gleicht der Politik von gestern mehr als der Politik von morgen“, schrieb Coudenhove-Kalergi 1923. „Indessen taumelt Europa führerlos und planlos aus einer Krise in die andere.“ Europa sei „militärisch bedroht von der russischen Invasion – wirtschaftlich bedroht von der amerikanischen Konkurrenz; verschuldet, zersplittert, unruhig, geschwächt; zerrissen durch nationale und soziale Kämpfe“.
Das klingt – wenn man die chinesische Dimension noch ergänzt – überaus aktuell. Wie so vieles, das Richard Coudenhove-Kalergi, der vor einem halben Jahrhundert, am 27. Juli 1972, in Schruns, einer Marktgemeinde in Vorarlberg, starb, im Laufe seines Lebens schrieb. Umso erstaunlicher, dass der 1894 in Tokio geborene Sohn einer Japanerin und eines altösterreichischen Grafen heute weithin vergessen scheint.

Sein abenteuerliches Leben wäre einen Spielfilm wert, vor allem aber eine profunde Biografie, die trotz kleinerer Versuche (zuletzt: Martin Bond, „Hitler's cosmopolitan bastard, Count Richard Coudenhove-Kalergi and His Vision of Europe“, 2021) bis heute aussteht. In Japan geboren, wuchs er im westböhmischen Landschloss Ronsperg auf, aus dem sein polyglotter und vielsprachiger Vater eine kosmopolitische, tolerante Insel der Gelehrsamkeit inmitten eines bedrohlichen Ozeans ideologischer Fieberschübe gemacht hatte. Mit dem Toleranz- und Bildungsideal des zu früh verstorbenen Vaters Heinrich inhalierte der junge Richard auch des Vaters Abneigung gegen jeglichen Nationalismus, gegen Spießertum und Kleingeist.

Ein privater Staatsmann aus Gewissensgründen

„Als Kinder eines Europäers und einer Asiatin dachten wir nicht in nationalen Begriffen, sondern in Kontinenten“, schrieb er rückblickend. „So war in unseren Augen Europa stets eine selbstverständliche Einheit, das Land unseres Vaters.“ Richard lernte an der Gestalt des Vaters auch „das Ideal eines Mannes: als wahrer Gentleman, weise und gütig, tapfer und hochherzig, großzügig und gerecht“. Nationalismus und Intoleranz widersprachen diesem Persönlichkeitsideal – und sie bedrohten offensichtlich den Frieden in Europa.

Weil er das sah, und weil er die Blindheit der politischen Klasse seiner Zeit richtig diagnostizierte, sah sich Richard Coudenhove-Kalergi gezwungen, selbst politisch aktiv zu werden: „Wer die Gefahren, denen das zersplitterte Europa entgegengeht, nicht sieht, ist politisch blind; wer aber diese Gefahren sieht und dennoch nichts tut, um sie abzuwenden, ist ein Verräter und Verbrecher an Europa“, schieb er 1924.

Für ihn persönlich, der ein beschauliches Leben einem aktiven vorgezogen hätte, bedeutete dieses Gewissensurteil, die eigenen beruflichen Pläne aufzugeben. Die Idee, eine Philosophie-Professur in Wien anzustreben, gab er auf; seine philosophische Suche nach einer „Hyperethik“ – nicht als Alternative zu den aus Religionen erwachsenen Ethiken, sondern als „Synthese von Ethik und Ästhetik“ – blieb ein literarisches Fragment. Richard Coudenhove-Kalergi widmete ein halbes Jahrhundert seines Lebens voll und ganz seiner politischen Idee, ohne jemals ein Abgeordnetenmandat oder Ministeramt, eine Rolle in der Diplomatie oder eine staatliche Anstellung anzustreben oder anzunehmen.

Selbst die Initiative ergreifen

Weil es ihm Anfang der 1920er Jahre nicht gelang, seine Paneuropa-Vision einem Staatsmann zu schenken, wurde er zu einer Art privatem Staatsmann – in die Pflicht genommen von seiner Einsicht in gegenwärtige Irrwege und drohende Verhängnisse. Er gab, wie er autobiografisch schrieb, „die Hoffnung auf eine paneuropäische Staatsaktion“ auf und entschloss sich, „selbst die Initiative zu ergreifen“.

Dieser Entschluss hielt ein halbes Jahrhundert lang: von der ersten Publikation eines paneuropäischen Appells 1922 in zwei Zeitungen in Wien und Berlin bis zu seinem Tod im Juli 1972. Richard Coudenhove-Kalergi inspirierte mit seinen Warnungen und Visionen den tschechischen Staatspräsidenten Thomas G. Masaryk, den französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand, den britischen Premier Winston Churchill, den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und den französischen Kriegshelden und Staatspräsidenten Charles de Gaulle. Die Deutungshoheit über seine Idee gab er jedoch nicht mehr aus der Hand. Wohl auch deshalb, weil er als Privatmann gänzlich unabhängig war von Trends und Umfragen, Wahlen und Stimmungen. Er konnte den Zeitgeist gegen den Strich bürsten oder um der Klarheit und Differenzierung willen Kombattanten verärgern.

Europas Wahl: Freiheit oder Despotismus

Viele verstanden Anfang der 1930er Jahre nicht, dass er sich gleichzeitig gegen Hitler und gegen Stalin wandte, dass er den totalitären Charakter des Nationalsozialismus wie des Kommunismus scharf anprangerte. Als Hitler seine Paneuropa-Idee als „Ideal aller minderwertigen oder halbrassischen Bastarde“ verhöhnte, schrieb Coudenhove-Kalergi nur: „Eines Tages werden die Völker Europas zur Erkenntnis kommen, dass sie Opfer eines ungeheuren Betrugs geworden sind. Dass die Tatsache ihrer Sprachverschiedenheit von gewissenlosen Demagogen und größenwahnsinnigen Halbgebildeten dazu missbraucht wurde, sie gegen einander zu hetzen und so ihre gemeinsame Zukunft zu bedrohen.“

Mit keiner Spielart des Totalitarismus konnte es für Coudenhove-Kalergi so etwas wie eine friedliche Koexistenz geben. Gegen die braune wie die rote Tyrannei, gegen das Klassendenken der Sowjetunion wie gegen das Rassendenken der Nazis verteidigte er das Ideal einer „abendländischen Lebensform“.

Den totalitären Kollektivismen seiner Zeit hielt er die Idee der Freiheit entgegen: „Stalins Frage an Europa lautet: Kapitulation oder Widerstand. An der Antwort Europas hängt die Zukunft der Welt: Freiheit oder Despotismus – Menschlichkeit oder Sklaverei.“ Obgleich selbst pazifistisch gesinnt, war für ihn hier ein kämpferischer Widerstand unausweichlich, weil er die Geschichte des Abendlandes als eine „Geschichte des menschlichen Ringens um persönliche Freiheit“ begriff. Wie erschreckend aktuell das alles klingt!

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