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In den Farben des Lichts 

Die Markus-Lüpertz-Fenster im Naumburger Dom leuchten und beleuchten. 
Fenster von Neo Rauch in der Elisabethkapelle im Naumburger Dom.
Foto: IMAGO/Jens Bondarenko (www.imago-images.de) | Fenster von Neo Rauch in der Elisabethkapelle im Naumburger Dom.

„Wenn ich in einer Kirche tätig bin, Glasmalerei schaffe, dann weiß ich, dass dies ein Werk für die Ewigkeit ist. Ein Gemälde von mir in einem Museum, in einer Galerie, kann jederzeit abgehängt werden, aber zwei Chorfenster, jeweils fast elf Meter hoch, bleiben.“ So Markus Lüpertz vor den beiden Fenstern im Ostchor des Naumburger Doms, die er in nur einjähriger Arbeit geschaffen hat. Das nach Norden gerichtete Fenster zeigt die „Verdammnis“, das nach Süden gerichtete die „Erlösung“. Hinzu kommt ein kleineres Fenster vor der eigentlichen Chorrundung, das den Heiligen Michael darstellt. 

„Verdammnis“ und „Erlösung“ sind keine neuen Themen in der religiösen wie auch säkularen Malerei, man denkt gleich an Hieronymus Bosch, an Peter Paul Rubens oder an Lukas Cranach. Lüpertz lässt in der Verdammnis die apokalyptischen Reiter in kräftigen Farben auf ihren Pferden voranstürmen. Da ist der Krieg als Soldat in moderner Uniform kampfbereit mit dem gezückten Schwert zu sehen, unten stampft das schwarze Pferd mit dem die Waage haltenden Reiter als Symbol für Hunger und große Not, im Zentrum der Tod als Skelett im roten Mantel. Das ist alles überzeugend gestaltet, gegenständlich, aber mit bewussten Verzerrungen, Drehungen und Dehnungen, und hinterlässt beim Betrachter aufgrund der kräftigen Farben und der markanten Figurenzeichnung eine große Wirkung. Weniger übersichtlich erscheint auf den ersten Blick das nach Süden gerichtete Erlösungsfenster, das mit unterschiedlichem Sonnenstand eine besondere Dynamik entfaltet. Und dann öffnen sich auch hier schnell die Motive: Die grauen Gestalten der Unerlösten bleiben, wie es sich gehört, unten im Fenster; viel Blau und vor allem Grün und helle Farben umgeben die dem Himmel zueilenden Geretteten. Ganz oben in der Fensterspitze erscheint das Gesicht Christi, in die Länge gezogen, und darunter links und rechts Christi Unterarme mit den Wundmalen an beiden Händen: Ich bin Euer Erlöser. 

Hang zur Ewigkeit 

Es ist – und das muss hier erwähnt werden – nicht nur die Genialität des Künstlers Markus Lüpertz, die im Betrachter Bewegtheit hervorruft, es geschieht auch dank der großartigen kunsthandwerklichen Ausführung der Glasmalerei durch die Firma Derix, mit der Lüpertz seit Jahren eng zusammenarbeitet. 

Bei der Vorstellung der Fenster am 29. Juni betonte Lüpertz nun nicht nur seinen leicht koketten Hang zur Ewigkeit. Lüpertz ist gläubiger Christ, er hat als junger Mann Anfang der 1960er-Jahre eine längere Zeit im Kloster Maria Laach verbracht und hat sich dort bedankt mit seinem Kreuzigungsbild. In den 2010er-Jahren arbeitete er an den Fenstern der romanischen St.-Andreas-Kirche in Köln, einige Jahre später gestaltete er die gesamten Fenster der Elisabethkirche in Bamberg, dann das 13 Meter hohe Reformationsfenster in der Marktkirche Hannover, da ist die Rosette in St. Ulrich in Regensburg und eine Fülle weiterer zumeist kleinerer Glasmalerei-Arbeiten. 

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Die Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten in verschiedenen Kirchen zeigt über Lüpertz hinausgehend, welch einen Reiz Kirchen auf Künstler ausüben. Marc Chagall, Gerhard Richter, Imi Knoebel, Neo Rauch (unter anderem auch in einer kleinen Kapelle im Naumburger Dom), Sean Scully oder jüngst Olafur Eliasson in Greifswald sind Beispiele für die Aktualität von Kunst in Kirchen. Sind es die Gebäude, sind es die Vorgänger, ist es die reiche Tradition religiöser Kunst? Ist es nicht auch die Auseinandersetzung mit Glauben, mit Hoffnung, mit Rückbindung im Sinne von re-ligio? 

Mehr als ein Baudenkmal 

Der Naumburger Dom gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik. Er ist reich an Kunst; die Stifterfiguren mit der berühmten Uta aus dem 13. Jahrhundert sind weltberühmt. Der Dom gehört zu Recht seit 2018 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wenn nun im Ostchor zu den vorhandenen Glasmalereifenstern aus dem 14. und 19. Jahrhundert zwei großartige Lüpertz-Fenster aus dem 21. Jahrhundert hinzugekommen sind, ist das eine programmatische Aussage: Der Dom ist eben nicht nur Baudenkmal, er ist Kirche für uns heute, ein Ort, an dem Gott zu uns Heutigen spricht. Und da passt es, wenn die Kunst aus dem Hochmittelalter ergänzt wird durch zeitgenössische Kunst, durch Glasmalereifenster eines der wichtigsten Künstler der Gegenwart. Das gilt in gleicher Weise für den 2022 fertiggestellten Triegel-Altar im Westchor des Domes, um den es eine bizarre Auseinandersetzung gegeben hat und der zurzeit nicht im protestantischen Naumburger Dom zu sehen ist, sondern im Vatikan (!) in der Kapelle auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico zwischengelagert wird. 

Die Einweihung der neuen Fenster wurde mit einem festlichen Stationsgottesdienst gefeiert, vom Ostchor in den Westchor und am Ende ins Langhaus. Zum Abschluss sang der Chor Rheinbergers sechsstimmiges Werk „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. 


Der Autor ist Schriftsteller und war lange Jahre Geschäftsführer der ZEIT-Stiftung.

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