Rund fünf Jahrhunderte nach dem Bildersturm, der die Mitteltafel des Cranach-Altars im Naumburger Dom zerstörte, kehrt das fehlende Bild zurück – nicht als Rekonstruktion, sondern als eigenständige Nachschöpfung. Paul Smacznys Dokumentarfilm „Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“ erzählt als Werkstattprotokoll von der Zumutung, heutige Malerei im Stil der Renaissance neben die Originaltafeln zu setzen – und öffnet nebenbei ein Panorama, in dem Kunst, Denkmalpflege und Ideologie ineinandergreifen.
Vom verlorenen Marienbild gibt es keine Aufzeichnungen, keine Skizzen, kein Abbild. Der Leipziger Maler Michael Triegel soll also nicht „wiederherstellen“, sondern erfinden – und das im Einklang mit Cranachs Stil. Smaczny erzählt konsequent chronologisch: Der auch als „Papstmaler“ von Benedikt XVI. bekannt gewordene Triegel misst 2020 den Altar und dessen Stufen, bestimmt Höhen; dann folgen Skizzen, Farbproben, Modellauswahl, Verwerfen und Neuansetzen. Aus diesem Rhythmus entsteht eine fast liturgische Form: ein beständiges Hin und Her zwischen Domraum und Atelier, zwischen Handwerk und Deutung.
Gleich zu Beginn setzt Smaczny einen Akzent, der mehr ist als Kulisse. Die Kamera gleitet an Uta und Ekkehard, den berühmten Stifterfiguren im Westchor, vorbei. Triegel kommentiert sie mit bewundernder Nüchternheit: großartige Köpfe, grobschlächtige Hände, grobe Falten. Und dann jener Satz, der wie ein theologischer Kommentar zur Architektur klingt: Durch Lettner und Kruzifix, durch den Tod gehe es in einen Raum voller Leben. Dieses Projekt will nicht nur eine Leerstelle füllen, sondern eine Ordnung der Dinge behaupten – und stößt damit auf konkurrierende Ordnungen.
Gedoppelt lebendige Renaissance
Das Kraftzentrum des Films sind die Malereiszenen. Triegel arbeitet mit Öl, Eitempera, Blattgold, modelliert Stoffe, Lichtkanten, Inkarnate. Smaczny bleibt dicht an Oberfläche und Hand, macht das Entstehen sichtbar. Wer figurative Malerei für Nostalgie hält, wird hier zumindest gezwungen, die Gegenwart dieser „Altmeisterlichkeit“ anzuerkennen: Sie ist eine bewusste Provokation in einem Milieu, das Zeitgenossenschaft gern mit Stilbruch verwechselt. Triegel spricht von der Freude an der Malerei, vom Handwerk als Wahrheitsschule – und die Bilder wirken, weil sie nicht behaupten, sondern arbeiten.
Dass Triegel nicht einfach „wie Cranach“ malt, zeigt das Personal seiner „Sacra conversazione“. Auf den ersten Blick wirkt das Bild wie ein erstaunlich gut erhaltenes Renaissancegemälde; auf den zweiten Blick treten die Zumutungen hervor: Heilige mit auffallend gegenwärtigen Gesichtern, realistische Porträts, ein streng gescheitelter Dietrich Bonhoeffer, ein Paulus mit rabbinerhaftem Kopfschmuck, ein Petrus, der als Obdachloser gelesen werden kann, dazu eine ungewöhnlich starke Präsenz von Frauen. Auf der italienischen Insel Procida sucht Triegel am Karfreitag Vorlagen für eine Gemeinschaft, die „als Heilige, aber auch als Menschen von heute“ lesbar sein soll.
Smaczny erhält einen ungewöhnlich intimen Zugang zu Triegel, der nicht nur sein Atelier öffnet, sondern über Glauben, Kirche und Tradition spricht. So wird der Film zugleich zum Künstlerporträt, das den Menschen hinter dem Künstler sichtbar macht: DDR-Biografie, Florenz-Reise nach dem Mauerfall, der alte Streit, ob man heute „noch“ figürlich malen dürfe. Man hätte gern noch mehr darüber erfahren, wie die Wahl auf den einstigen Atheisten fiel, der 2010 Benedikt XVI. porträtierte, bereits zuvor kirchliche Aufträge erhielt und 2014 in Dresden katholisch getauft wurde.
From Rome with Love
Im letzten Drittel kommt die Dramatisierung von außen, als die UNESCO auf den Plan tritt. Kurz nach der Einweihung spitzt sich der Konflikt zu. Nicht das Bild steht im Mittelpunkt, sondern sein Standort: Sichtachsen, Welterbe-Logik, die Frage, ob die berühmte Uta verdeckt werde. Die Absurdität liegt offen zutage: Historisch war Uta vom Eingang aus ebenfalls nicht als Hauptattraktion inszeniert; der Altar hatte eine liturgische Aufgabe, nicht die eines Schaufensters. Dennoch wird das Retabel abgebaut, zeitweise ausgelagert. Der Film lässt spüren, wie rasch eine Kirche zur Kulisse wird, sobald Verwaltung, Tourismus und Kulturpolitik die Deutungshoheit übernehmen.
Am Ende stellt der Film die entscheidende Frage: Wer darf in unseren Kirchen bestimmen, was sichtbar sein soll? Ein Fachgremium, das Blickregime verwaltet? Eine Gemeinde, die beten will? Oder die Kunst, die in ihrer besten Form weder anbiedert noch bloß provoziert, sondern erinnert?
From Rome with Love: Derzeit befindet sich das Bild im Italien-Urlaub und wurde im Vatikan einquartiert. Das Gotteshaus Santa Maria della Pietà auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Petersdom in Rom. Dort wird der von Lukas Cranach d. Ä. geschaffene und von Triegel vervollständigte Marienaltar in den kommenden zwei Jahren gezeigt.
„Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“. Dokumentarfilm von Paul Smaczny, Deutschland 2025, 107 Minuten, ab 5. Februar im Kino.
Der Autor schreibt aus Berlin zu Film- und Fernsehkultur.
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