Die DDR-Schriftstellerin Monika Maron erregte 2020 mit ihrem Roman „Artur Lanz“ Aufsehen, weil sie darin beklagt, dass es in einer Welt konfliktscheuer Konformisten keine Helden mehr geben dürfe. Als Reaktion auf den ästhetisierten Militarismus des Dritten Reichs gilt in der Bundesrepublik inzwischen vieles, was mit Männlichkeit, soldatischer Haltung oder Opferbereitschaft verbunden ist, pauschal als „toxisch“. Spricht man öffentlich über Angehörige der deutschen Armee, scheint es opportun, sich über sie zu amüsieren – etwa über den „Hauptmann von Köpenick“ oder den „braven Soldaten Schwejk“. Besser noch: Sie werden wie in „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino (2009) bewusst verächtlich gemacht.
Eine amerikanische Homeschool-Mutter, die in ihrem früheren Leben Airborne Ranger war, fragte einmal, welche Kriegsfilme ein Deutscher ohne Minderwertigkeitskomplexe anschauen könne. „Operation Walküre“ (2008, Bryan Singer) mit Tom Cruise gehört sicher dazu. Doch diese Produktion entstammt dem Genre „Widerstand“. Die folgenden Filme sollen eine Perspektive abseits gängiger Deutungsmuster eröffnen.
Unmittelbar Kriegszeuge über den Film
„1917“ (2019, Sam Mendes) führt den Zuschauer in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Wie ein aufmerksamer Begleiter holt der Film einen britischen Soldaten beim Mittagsschlaf auf grüner Wiese ab, geht mit ihm durch ausgeschanzte Stellungen, bringt ihn zum Kommandanten, wo er den Auftrag erhält, eine lebensrettende Nachricht zu übermitteln. In einer nahezu durchgehenden Kamerafahrt folgen wir dem Kurier durch Bunkeranlagen, Einschlagskrater und Stahlgewitter. Unablässig bleibt der Bote im Bild – ohne sichtbaren Filmschnitt ist der Zuschauer gezwungen, ihm auf den Fersen zu bleiben. So entsteht der beklemmende Eindruck, unmittelbarer Zeuge eines Krieges zu sein, in dem junge Europäer sich gegenseitig sinnlos abschlachten.
In „Merry Christmas“ (2005, Christian Carion) besucht die Opernsängerin Anna Sørensen ihren Kollegen Horst von Ottringer an der Front. Als sie gemeinsam in den Schützengräben Weihnachtslieder singen, feiern schottische, französische und deutsche Soldaten das Fest der Geburt Jesu Christi. Auch wenn der Film eine schlüpfrige Szene enthält und ein Militärseelsorger aus Protest gegen kirchliche Ignoranz seinen Dienst quittiert, bleibt die Produktion eine eindringliche Mahnung, dass die Völker des Abendlandes mehr verbindet, als sie trennt: ein gemeinsamer christlicher Glaube.
Minenräumer am dänischen Strand
„Unter dem Sand“ (2015, Martin Pieter Zandvliet) erinnert an das Leid jugendlicher deutscher Kriegsgefangener, die nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen wurden, dänische Strände von Minen zu räumen. Bei der Entschärfung von rund zwei Millionen Sprengkörpern verloren etwa zweitausend junge Männer ihr Leben. Anfangs bestimmen Rache und Arroganz das Auftreten von Sergeant Carl Rasmussen; allmählich jedoch gewinnt er die ihm Anvertrauten lieb. Er spielt mit ihnen Fußball, bleibt aber letztlich außerstande, sie vor dem Tod zu bewahren. Der Film macht deutlich, wie Hass sich zu Mitleid läutern kann, ohne dass dadurch die Tragödie aufgehoben würde.
„Wolfskinder“ (2013, Rick Ostermann) schildert das erschütternde Schicksal zweier Waisen in Ostpreußen, stellvertretend für das vielfache Leid beim Einmarsch der Roten Armee. Nachdem ihre Mutter stirbt, sind die Brüder Franz und Konrad auf sich allein gestellt. Um zu überleben, fliehen sie in die Wälder, sind Hunger und Kälte ausgeliefert und werden von sowjetischen Soldaten gejagt. Das eigentliche Grauen aber offenbart sich, als sie auf einem Bauernhof die Leichen mehrerer Mädchen finden, deren Röcke blutdurchtränkt sind.
Das mehrteilige TV-Dokudrama „Die große Flucht – Der große Treck“ (2005, Frank Papenbroock u. a.) nahm die Vertreibung von rund 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten ernst, ohne in revanchistische Töne zu verfallen. Dennoch steht eine umfassende cineastische Aufarbeitung dieses Themas bis heute aus – ebenso wie eine filmische Auseinandersetzung mit den Folgen der „Area Bombing Directive“ von 1942, die Hunderte Städte zerstörte, Millionen Menschen obdachlos machte und Hunderttausende zivile Opfer forderte. Erwähnt seien zumindest Anonyma – Eine Frau in Berlin (2008, Max Färberböck) und Die Gustloff – Die letzte Fahrt (2008, Joseph Vilsmaier), trotz ihres problematischen Subtexts. Der erste Film thematisiert Plünderungen und Vergewaltigungen im zerbombten Berlin, der zweite die Versenkung eines Flüchtlingsschiffs mit über 9000 Toten.
Lebensweg eines russischen Soldaten
„Ewiger Winter“ (2018, Attila Szász) macht das Schicksal ungarischer Zivilisten deutscher Abstammung sichtbar, von denen nach dem Krieg rund eine halbe Million in sowjetische Arbeitslager deportiert wurden. Über die Umwidmung ehemaliger Konzentrationslager in Internierungslager der Siegermächte – etwa Dachau, Sandbostel oder Struthof – existiert bis heute keine adäquate cineastische Rezeption. Auch an die zehntausendfachen Morde der Roten Armee in sogenannten NKWD-Lagern wie Buchenwald oder Sachsenhausen erinnert das Kino nicht. Massengräber, die nach dem Mauerfall 1989 entdeckt wurden, belegen, dass nicht nur NS-Funktionäre, sondern auch Christen und andere als „Klassenfeinde“ Diffamierte liquidiert wurden.
Jeder Krieg bringt unermessliches Leid für Menschen aller Seiten. „Ostrov“ (2006, Pawel Lungin) zeichnet den Lebensweg eines russischen Soldaten nach, der von den Deutschen gezwungen wird, seinen Vorgesetzten zu erschießen. Von Schuld gezeichnet, zieht er sich in ein Kloster zurück, wird Mönch und gilt bald als heiliger Narr. Gläubige suchen bei ihm Rat, ohne von seiner Vergangenheit zu wissen. Der Film bietet eine eindringliche Meditation über Schuld, Buße und Erlösung.
„Hacksaw Ridge“ (2016, Mel Gibson) thematisiert den Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Im Mittelpunkt steht der Adventist Desmond Doss, der aus Glaubensgründen den Dienst an der Waffe verweigert. Als Sanitäter rettet er in dem erschütternden Gemetzel auf Okinawa 75 Kameraden das Leben, indem er sie ohne Einsatz von Kampfmitteln aus dem Kugelhagel zieht. Auch wenn die Darstellung der Gewalt an die Grenzen des Erträglichen geht, bleibt der Film ein bewegendes Zeugnis dafür, dass Glaube und Gewissen stärker sein können als Spott und Zwang.
Zwei Filme über die Erstürmung einer japanischen Insel sind „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ (beide 2006, Clint Eastwood). Der erste schildert aus amerikanischer Sicht den Weg zu dem ikonischen Foto der Flaggenhissung, der zweite erzählt die Verteidigung aus japanischer Perspektive. Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi erscheint hier nicht als Karikatur, sondern als gebildeter und feinsinniger Mensch: loyal zu Kaiser und Vaterland, liebevoll gegenüber seiner Familie und von eiserner Selbstdisziplin.
Kriegsheld mit Brüchen
Das Anime „The Wind Rises“ (Kaze tachinu, 2013, Hayao Miyazaki) schildert auf fiktionale Weise die jungen Jahre des Flugzeugkonstrukteurs Jirō Horikoshi (1903–1982). Ohne selbst politisch agiert zu haben, war er für die Militarisierung Japans von höchster Bedeutung, da er mit technischem Scharfsinn die Entwicklung des Jagdflugzeugs Mitsubishi A6M „Zero“ entscheidend vorantrieb. Traumsequenzen, in denen Begegnungen mit dem italienischen Flugzeugbauer Giovanni Caproni geschildert werden, beleuchten sein Gewissen. Im Erscheinungsjahr war „The Wind Rises“ der einspielstärkste Film in Japan, von Liberalen dort mehr gelobt als von national Gesinnten, weil neben Horikoshis Loyalität zum Kaiser auch seinen Zweifeln Raum gegeben wird.
„Onoda: 10.000 Nächte im Dschungel“ (2021, Arthur Harari) präsentiert ebenfalls einen Helden mit Brüchen, für den die Isolation sowohl zur charakterlichen Reifung als auch zur Umdeutung von Wirklichkeit beiträgt. Erzählt wird die Geschichte eines japanischen Offiziers, der den Zweiten Weltkrieg bis 1974 weiterführt. Der Auftrag von Hiroo Onoda war es, auf der philippinischen Insel Lubang so lange Widerstand zu leisten, bis er von seinem Kommandeur abberufen wird. Obwohl sein Vater persönlich im Dschungel nach ihm sucht und Onoda spätestens in den 1950er-Jahren erfährt, dass der Krieg verloren ist, hält er es für unehrenhaft, aufzugeben. Erst als er auf Tonband die Stimme des Tennō hört, der zum Wohl seines Volkes die Kapitulation verkündet, und sein einstiger Befehlshaber ihn abholt, kehrt er in seine Heimat zurück.
Zuletzt könnte noch auf deutsche Inszenierungen wie „Das Boot“ (1981, Wolfgang Petersen) oder „Stalingrad“ (1993, Joseph Vilsmaier) hingewiesen werden. Wichtiger aber noch wäre der Film „Katyn“ (2007, Andrzej Wajda), der ein russisches Kriegsverbrechen an polnischen Offizieren thematisiert, welches jahrzehntelang der Wehrmacht angelastet wurde.
Der Autor ist Pädagoge und schreibt zu Kultur und Zeitgeschichte.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









