Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Durchfall-Abitur

An einem städtischen Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Drittel der Schüler durch die Abiturprüfung gefallen. Als Ella, die auch die Prüfung nicht bestanden hat, trotzdem eine Abirede hält, kommt es zum Eklat.
Abiturzeugnis mit Schnitt 1,0
Foto: IMAGO / Funke Foto Services | Im niedersächsischen Buchholz in der Nordheide brüstet sich ein Gymnasium mit 5 Prozent der Abiturienten, die eine 1,0 erreicht hätten, Durchschnittsnote 2,15.

Das Städtchen Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern liegt 30 Kilometer entfernt von der Landeshauptstadt Schwerin, nur eine gute Zugstunde beträgt die Entfernung zum Hamburger Hauptbahnhof. Eindrucksvoll restauriert präsentiert sich der historische Stadtkern mit Fachwerkhäusern im Stil mecklenburgischer Landstadtarchitektur samt eindrucksvoller Stadtkirche mit metallenem Turmhelm. Viel Geld ist geflossen, damit Hagenow nach der Wende sein heutiges Gesicht erhielt.

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Auch die städtische Infrastruktur mit Verkehrswegen und Schulen befindet sich auf dem neuesten Stand. Das Gymnasium ist benannt nach dem Erfinder und Telefonpionier Robert Stock, der einst die DeTeWe gründete, die Deutschen Telefon Werke. Erbe ist Auftrag: So ist das schmucke, moderne Gymnasium mit seinen farbigen Außenfassaden innen volldigitalisiert – mit Smartboards in jeder Klasse und modernster iPad-Ausstattung. 34 Lehrer garantieren bei nur 400 Schülern ordentlichen Unterricht. Eigentlich. Denn die Wirklichkeit sieht 2026 zumindest beim Abitur anders aus. 17 von 51 Schülern, 34 Prozent, sind durchgefallen, einer wurde erst gar nicht zur Prüfung zugelassen.

Eine Abirede, die eigentlich keine ist

Doch anstatt dass Schüler und vielleicht sogar Eltern als Mitverantwortliche für Erziehung und Bildungskarrieren in Sack und Asche gehen, kommt es zum Eklat. Die beim Abitur durchgefallene Ella schwingt sich zu einer Abirede auf, die eigentlich gar keine ist – und zieht gegen alle und alles vom Leder, ein Jammern ohne Ende. Schuld sind nur die anderen, Selbstkritik Fehlanzeige. Dabei haben immerhin zwei Drittel das Abi an der schönen Schule mit der tollen Ausstattung geschafft. Von deren Leistung jedoch wollen sie und ihre Claqueure nichts wissen.

Als Höhepunkt der Rede dann dieses Bekenntnis: „An die, die unserem Jahrgang die Durchfallquote gönnen – ganz ehrlich: Fickt euch einfach nur alle!" Stellenweise wird im Publikum geklatscht und gejohlt. Schnell bei der Hand mit Schuldzuweisungen und fest an der Seite der Schulversager: die linke Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW. Ohne Prüfung des Sachverhalts wird die Gesamtverantwortung bei Schule und System gesucht, es müsse da doch „etwas im Argen“ liegen.

Das Abitur 2026 in Hagenow, über das ganz Deutschland spricht, es spricht Bände. Und wird ergänzt durch Befunde der Universitäten bei der Leistungskontrolle der Erstsemester. Schon bei Potenzen und Brüchen sowie bei einfachen, algebraischen Termumformungen müssen viele passen. Teilnehmer mit Auslandsabschluss schnitten deutlich besser ab.

Mittelstufenstoff stellt für manche Studienanfänger mit „allgemeiner Hochschulreife“ eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar. Trotzdem werden an Gymnasien Traumnoten verteilt wie Gummibärchen. Im niedersächsischen Buchholz in der Nordheide brüstet sich ein Gymnasium mit 5 Prozent der Abiturienten, die eine 1,0 erreicht hätten, Durchschnittsnote 2,15.

Immer mehr Abiturienten, immer bessere Noten

Die Abiturientenquote hat sich seit 1990 auf 40 Prozent eines Jahrgangs verdoppelt, bei angeblich immer besseren Noten. Jeder weiß: Das kann nicht sein. Die Einforderung von Leistung in der Schule ist ein wichtiger Schritt zur Reife insgesamt. Wenn ein Schulsystem diese Leistungseinforderung verweigert, schwächt es die Gesellschaft an einer entscheidenden Stelle und verweigert jungen Menschen wie dem ganzen Land die Zukunftsfähigkeit. Schuld sind nicht immer die anderen. Eigenverantwortung mit hoher Frustrationstoleranz und eine generelle Leistungsbereitschaft wären meist das richtige Rezept. 

Klar, dass jetzt wieder Demagogen der Versuchung erliegen werden, populistisch auf die da oben einzudreschen, denen es angeblich nicht gelingt, alle Kinder zum Wunschabitur zu führen. Bei der Bundestagswahl haben in Hagenow zuletzt über 35 Prozent der Wähler der AfD ihre Stimme gegeben. Die Bildung unterliegt der Länderhoheit. Man darf deshalb auf die Landtagswahlen am 20. September besonders gespannt sein. Als Alternative für Deutschland wäre ein Einser-Abi für alle das ultimative Bildungsversprechen. 

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