Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kein Recht des Stärkeren

Der Papst ruft zur Umkehr

Der Bezug auf das Reich Gottes und die natürliche Stärke des Rechts bestimmen die Ordnung in der geistlich-politischen Positionierung des Vatikans.
Im Chaos der Welt mit Strömen und Strömungen ist die Kirche die göttliche Ordnungsmacht. So sah es Papst Innozenz X. Er ließ Bernini den römischen  Vierströme-Brunnen errichten – der mächtige Obelisk mit seinem Familienwappen als ruhender Pol im Zentrum.
Foto: Brinkermedia | Im Chaos der Welt mit Strömen und Strömungen ist die Kirche die göttliche Ordnungsmacht. So sah es Papst Innozenz X.

Von vielen Intellektuellen und klugen Beobachtern des Weltgeschehens wird heute oft mit Scharfsinn beklagt, wie sich die kritische Analyse unserer globalen Lage schleichend in eine bloße Affirmation des Faktischen verwandelt. Der Politikwissenschaftler August Pradetto hat unlängst in einem Zeitschriftenbeitrag ein düsteres Bild unserer Gegenwart gezeichnet: Er diagnostiziert einen fundamentalen Epochenbruch, bei dem das etablierte Völkerrecht zunehmend durch ein vermeintliches „Recht des Stärkeren“ untergraben wird. Wo einst mühsam die Stärke des Rechts und Prinzipien wie Souveränität oder territoriale Integrität in der UN-Charta von 1945 kodifiziert wurden, regiert heute allzu oft die Willkür ökonomischer oder militärischer Erpressung. Pradetto entlarvt diese Entwicklung präzise als einen naturalistischen Fehlschluss – denn aus der bloßen Existenz von Macht erwächst niemals echtes Recht. Zugleich warnt er vor einer Dehumanisierung der Sprache, die moralische Hemmschwellen senkt und Gewalt gegen konstruierte Kollektive als legitim und notwendig erscheinen lässt. Wenn westliche Politiker völkerrechtliche Bewertungen aus Opportunismus verweigern oder imperiale Interventionen relativieren, gerät das normative Fundament unserer Ordnung ins Wanken. Es droht der Zerfall in Anarchie und ein weltweiter Bürgerkrieg.

Aus theologischer Sicht müssen wir diese scharfsinnige Diagnose aufgreifen, sie jedoch in ein höheres, ewiges Licht tauchen. Pradetto mahnt zu Recht eine „Koalition der Rechtswilligen“ an und verweist auf Philosophen wie Jürgen Habermas, um den rationalen Dialog, das Verhandeln, Abwägen und das gemeinsame Ringen um tragfähige Lösungen als Ausweg zu skizzieren. Diese Perspektive setzt darauf, dass politische Vernunft im herrschaftsfreien Diskurs entsteht und dass durch zwischenstaatliche Institutionen Regeln geschaffen werden können, die für alle Akteure verbindlich sind. Doch so notwendig diese Bemühungen um den Multilateralismus und die Bewahrung des Völkerrechts auf internationaler Ebene sind – aus der Sicht des Glaubens greift eine rein strukturelle oder verfahrensorientierte Antwort zu kurz. Die weltliche Vernunft stößt an ihre Grenzen, wenn sie versucht, die Institutionen des Rechts allein mit den Mitteln der Diplomatie oder durch das Ausbalancieren von Machtverhältnissen vor den Trumps und Putins dieser Erde zu retten. Wo das Recht im globalen Maßstab erodiert, weil mächtige Staaten sich nur noch selektiv an Normen halten und einen gefährlichen „Gelegenheitslegalismus“ pflegen, reicht ein bloßes Verweisen auf Verträge nicht aus.

Die Kirche ist kein Schiedsrichter

Genau an dieser Bruchstelle erinnert uns die Stimme von Papst Leo XIV. an eine noch tiefere, radikalere Wahrheit, die das irdische Rechtsdenken nicht ersetzen, sondern fundieren und überschreiten will. Es geht im Kern um die Erkenntnis, dass internationale Verträge und Institutionen eine moralische Instanz benötigen, die nicht im Recht des Stärkeren wurzelt, sondern in der unantastbaren Würde des Menschen, wie sie Gott jedem seiner Geschöpfe verliehen hat. Die Kirche und die Theologie dürfen sich daher nicht darauf beschränken, die bestehende Weltordnung wie ein neutraler Schiedsrichter zu verwalten. Sie müssen vielmehr eine prophetische Kritik an jenen Strukturen üben, die Macht über Recht stellen. Während die Geopolitik in den Kategorien von Einflusssphären, geostrategischen Interessen und militärischer Abschreckung denkt, bricht die christliche Botschaft diese Logik auf, indem sie den Fokus radikal verschiebt: weg von den abstrakten Systemen der Staaten hin zum konkreten Mitmenschen, der unter den Folgen von Krieg, Erpressung und völkerrechtswidriger Gewalt leidet.

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Papst Leo tritt mit geradezu prophetischer Klarheit nicht nur für eine regelbasierte Ordnung ein, die zweifellos für das friedliche Zusammenleben der Völker unabdingbar bleibt, sondern er weitet den Blickhorizont fundamental. Er blickt vielmehr über die juristischen Abstraktionen und die oft kalten Paragraphen des internationalen Rechtsgefüges hinaus direkt in die Gesichter derer, die in den geopolitischen Nullsummenspielen der Mächtigen zerrieben werden. Sein Eintreten gilt bedingungslos dem Recht des Schwächsten, der Armen, der Entrechteten und der zahllosen, oft unsichtbaren Opfer dieser Welt. Wo die Mächtigen im Sinne eines Carl Schmitt den Ausnahmezustand ausrufen, um ihre illegitime Herrschaft zu zementieren, geltendes Recht auszuhebeln und die Herrschaft des Faktischen zu proklamieren, verkündet der Stellvertreter Christi das unumstößliche Recht des Reiches Gottes. Das päpstliche Lehramt weigert sich, die Welt rein utilitaristisch oder nach den Gesetzen des Marktes und der militärischen Dominanz zu interpretieren. Indem Leo XIV. die Perspektive der Opfer einnimmt, stellt er die Systemfrage an eine globale Ordnung, die den Menschen allzu oft nur als Manövriermasse oder als Kollateralschaden imperialer Ambitionen begreift. Es ist eine Absage an jeden politischen Realismus, der die Moral zugunsten der Staatsräson opfert.

Gerechtigkeit beginnt bei den Ärmsten

Dieses himmlische Recht misst sich folglich nicht an militärischer „Kriegstüchtigkeit“, an Rüstungsetats oder ausgeklügelten, stets fragilen Machtbalancen. Es ist ein radikal anderes Recht, das die grausame Logik des evolutionären Überlebenskampfes durchbricht, die Ersten zu Letzten macht und die Schwachen erhöht. Es stellt eine fundamentale, theologische Absage an jede Form von Dehumanisierung, Feindbildkonstruktion und selektiver Empörung dar, die den Nächsten zum Feind deklariert, um die eigene Gewaltanwendung moralisch zu bemänteln. Das Reich Gottes, das Papst Leo uns unmissverständlich vor Augen führt, fordert eine Gerechtigkeit, die konsequent bei den Geringsten ansetzt und deren Schutz zum Maßstab jeglichen politischen Handelns macht. Das ist keine naive, weltfremde Illusion inmitten weltlicher Wirren, kein utopisches Wolkenkuckucksheim, sondern es ist für den Glaubenden die höchste, letzte Realität. Es ist die befreiende und zugleich fordernde Botschaft, zu deren unerschrockener Verkündigung der Heilige Vater, die gesamte Kirche und letztlich jeder einzelne Christ gerufen sind – eine Verkündigung, die dort Widerspruch erregen muss, wo Macht sich selbst absolut setzt.

In der Taufe und der Firmung sind uns allen die Gaben des Heiligen Geistes zugesagt worden – insbesondere der Geist der Weisheit, der Einsicht, des Rates und der Stärke. Diese Geistesgaben sind kein privates Privileg zur bloßen Erbauung und kein innerlicher Rückzugsort vor den Zumutungen der Welt. Sie sind vielmehr Werkzeuge für unsere konkrete Mission und Existenz inmitten dieser konfliktreichen Zeit. Sie geben uns die Kraft und die Klarheit, den Mund aufzumachen und prophetisch Einspruch zu erheben, wenn Sprache missbraucht wird, um Zerstörung vorzubereiten, Kriege herbeizureden und das Unrecht zu normalisieren. Geleitet von diesem Geist ist es unsere bleibende Aufgabe, wie es auch Pradetto von einer intellektuellen Redlichkeit fordert, bereits in der alltäglichen sprachlichen Präzision stets messerscharf zwischen Recht und Unrecht, zwischen echter Gerechtigkeit und menschlicher, machtpolitischer Willkür zu unterscheiden.

Es führt für uns Christen somit kein Weg daran vorbei, das sogenannte Recht des Stärkeren unmissverständlich und in aller Härte zu kritisieren. Wir können uns nicht neutral verhalten, wo Menschenrechte und Völkerrecht im Namen geopolitischer Interessen relativiert werden. Wir sind durch das Evangelium und die uns geschenkten Gaben festgeschrieben, das Recht der Liebe und die kompromisslose Verteidigung der Würde eines jeden Menschen einzufordern. Diese Solidarität mit den Opfern darf nicht theoretisch bleiben; sie muss sich im konkreten Zeugnis manifestieren – unbestechlich in Wort und Tat.


Der Autor ist Hochschulprofessor und als Geistlicher der Hauptgeschäftsführer des katholischen Missionswerks RENOVABIS.

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