Ostukraine

Charkiw: Wie ist die Stimmung in einer Stadt mit zwei Zungen?

Der Schriftsteller Michael Zeller berichtet von seinen Erlebnissen in der ostukrainischen Stadt Charkiw - von Menschen und Panzern und von den Dilemmata der Sprache.
Kharkiv Ukraine panorama of the city from a height
Foto: Ryszard Kopczynski /michael-zeller.de | Charkiw im Licht des Sonnenaufgangs: Die einstige Waffenschmiede der Sowjetunion und Hauptstadt der sowjetischen Republik Ukraine, liegt heute in der Ostukraine und nur 30 km von der russischen Grenze entfernt.

Die Stadt Charkiw in der Ostukraine, nahe der russischen Grenze, war schon in der Zarenzeit eine Metropole der Bildung. Deshalb ist es eine junge Stadt. Mehrere Hunderttausend Studenten leben heute hier und besuchen die etwa 80 Universitäten und Hochschulen.

1805 bereits wurde die Universität gegründet, die dritte im russischen Imperium. Jede nur denkbare Spielart von Ingenieurswesen kann in der Stadt studiert werden seit sowjetischen Zeiten, als Charkiw die Technologieschmiede des ganzen Reiches war. Die Produktion von Flugzeugen gehört immer noch zu den attraktivsten Branchen, die die Stadt zu bieten hat. Dazu die Fertigung von Turbinen, Traktoren, Panzern – begehrte Exportartikel nach wie vor.

Alte Bürger der Stadt sind bis heute stolz darauf, dass in ihrer Stadt der legendäre Panzer T-34 der Roten Armee in Massenproduktion vom Band ging. Und nicht nur die Veteranen sind davon überzeugt, er habe die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg gebracht, auf dem Boden jedenfalls. Der T-34 war einfacher gebaut als Tiger und Panther der deutschen Wehrmacht, aber dafür wesentlich robuster auf dem Schlamm des Winters. An mehreren Stellen in der Stadt steht dieser Panzer auch auf einen Sockel gehoben, als Denkmal seiner selbst. Ein gedrungenes, monströs hässliches Fossil, das einstmals– bald drei Generationen sind vergangen– Weltgeschichte geschrieben hat mit seinen Ketten in Matsch und Schnee.

„Entwirft die Poesie nicht ein Bild vom Menschen, das über die Grenzen weist,
über die Grenzen von Sprachen und Zeiten hinweg, das hellsichtig macht
für die blinden Flecken im Bewusstsein der eigenen Epoche, des eigenen Landes?“

Pedro, den ich nach Jahren wiedersehe, hat inzwischen seine Promotion abgeschlossen, wenn auch nicht in einem so profitablen Bereich wie der Waffentechnik. Er ist Philosoph. Mit seiner Arbeit über den deutschen Idealismus (hauptsächlich Johann Gottlieb Fichte) hat er immerhin eine Stelle am Lehrstuhl ergattert. Die geisteswissenschaftliche Fakultät mit ihren "Orchideenfächern" ist am "Platz der Freiheit" untergebracht, in der Karazin-Universität, neben dem Dershprom-Gebäude, einem Monument moderner Architektur. Wenn Pedro das Gehalt auch nicht zum Leben reicht, ist er glücklich darüber und stolz. Übersetzungen aus dem Deutschen halten ihn über Wasser. In den Schoß gefallen ist ihm die Anstellung an der Uni nicht. "Ich musste meine Dissertation erst vom Russischen ins Ukrainische umschreiben, und die früheren Aufsätze auch. Sonst hätte es nicht geklappt."

Pedros Fall ist nur einer von vielen, der mich in diesem Land in Verlegenheit stürzt, fast jeden Tag. Es gibt kein Entrinnen. Schon mit dem ersten Wort, das man hier sagt, sitzt man in der Klemme. Nenne ich die Stadt Charkiw, nach dem offiziellen Gebrauch des 1991 gegründeten Staates Ukraine, oder verwende ich das frühere russische Charkow, wie bis heute der weitaus größere Teil der Bevölkerung? Was immer man sagt: Irgendeiner nimmt Anstoß daran, augenzwinkernd scherzhaft, aber auch erregt, manchmal zornig.

Charkiw: Sprachlich, ethnisch ein schwieriges Terrain

Lesen Sie auch:

In der Westukraine sind die Akzente natürlich anders gesetzt, was den Anteil der ukrainisch sprechenden Bevölkerung gegenüber der russischsprachigen betrifft. Allerdings ist überall Vorsicht geboten. Die Zahlen schwanken erheblich, je nach Gesprächspartner. Der Stadtname Lwiw jedenfalls ist in Lemberg unangefochten durchgesetzt. Das russische Lwow oder gar das polnische Lwów hörte ich nirgends. Selbst wenn einem in Deutsch geführter Unterhaltung der Name Lemberg herausrutscht, kann das Gespräch für einen Wimpernschlag stocken. Der Grund ist hauchdünn, auf dem man sich bewegt, sobald es um die beiden Sprachen geht, die in dem Land gesprochen werden. Für einen, der von außen kommt, sind all die haarfeinen Verästelungen kaum zu überschauen. Zu durchschauen erst recht nicht.

Jeder Schriftsteller hier ist einer Zerreißprobe ausgesetzt, ob er es will oder nicht. Die Folgen für jeden einzelnen Kollegen reichen weit. Den ukrainischen Autoren ist eine Verantwortung auf die Schultern gepackt, von der man sich andernorts kaum eine Vorstellung macht.

Junge Autoren bedienen sich zunehmend der ukrainischen Muttersprache

Wer sich als Autor für Ukrainisch entscheidet, nimmt natürlich Nachteile bei der Verbreitung seines Werks in Kauf. Er verzichtet von vornherein auf die enorm große Leserschaft im benachbarten Russland. Und auch in andere Sprachen ist der Transfer erheblich behindert. Die Zahl qualifizierter Übersetzer aus dem Ukrainischen reicht immer noch bei weitem nicht aus. Dennoch haben sich wichtige Autoren für diese Sprache entschieden: Juri Andruchowytsch etwa aus Iwano-Frankiwsk (Westukraine) oder Serhiy Zhadan aus Charkiw. Sie kämpfen um den Bestand ihrer Muttersprache und wollen sie literarisch lebendig erhalten.

Für die Autoren heute ist es ein Punkt der Ehre, damit auch anzuschließen an Taras Schewtschenko, den Urvater ihrer Literatur. Er war der erste, der für seine Lieder, zum größten Teil in zaristischen Gefängnissen und Lagern verfasst, die Sprache seiner Heimat benutzte – anders als Mykola Hohol etwa, aus Poltawa, den wir als Nikolaj Gogol kennen und der das Russische für seine Literatur nicht aufgeben mochte, die Sprache des zu seinen Lebzeiten politisch und kulturell dominierenden Nachbarn, seiner Oberschicht. Zumal die Benutzung der ukrainischen Sprache ab 1863 im Zarenreich wieder einmal verboten worden war.

Auch heute ist die Konkurrenz des Ukrainischen erheblich. Der Anteil von Russisch in der Sprache der Werbung, der Jugend- und Massenkultur ist ebenso wenig zu übersehen wie die Anzahl russischer Titel auf dem Buchmarkt.

Die Jugend weiß, was Krieg bedeutet

Lesen Sie auch:

Doch in den letzten Jahren scheint sich in der ukrainischen Literatur das Blatt gewendet zu haben, natürlich zuerst bei den jüngeren Autoren. Es hat sich hier ein neues literarisches Milieu herausgebildet, dem gerade auch ein blutjunges Publikum zuläuft. Die Säle bei Lesungen sind rappelvoll, zumal jetzt, in den Zeiten des Kriegs. Das hat etwas Hinreißendes für einen Autor, der aus den vergnügungssüchtigen westlicheren Gefilden kommt. Natürlich wird dabei auch eifrig Geld gesammelt für die Soldaten an der Front – es sind ja ihre Verwandten, Freunde, ehemaligen Schul- und Studienkameraden, die dort kämpfen müssen. Nie vielleicht waren die Menschen dieses Landes einander so nah. Ein Jammer nur, dass dafür Kriege notwendig sind.

Larissa, Mitte Vierzig, ist in der Verwaltung der Stadt Charkiw angestellt, im Kulturamt. Darüber haben wir uns kennen gelernt. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir das Berufliche hinter uns lassen konnten und sie sich mir Fremdem geöffnet hat. Natürlich war ich neugierig auf ihre Meinung zu dem Verhältnis der Sprachen in ihrem Land. Mehrere Begegnungen über Jahre hinweg sind nötig gewesen, bis so viel Vertrauen hergestellt war, dass die nationale Vorsicht sich lösen konnte (die doch in jedem von uns steckt, tief genug).

Es gab Zeiten, da war der Sprachwechsel unbeschwert

Larissa ist mit Ukrainisch groß geworden, bei ihrer Großmutter auf dem Land. Sie liebt die Sprache über alles. Die Lieder, die ihr die Oma vorgesungen und beigebracht habe, singe sie heute noch, und jedes Mal kämen ihr die Tränen dabei. Es seien die schönsten Lieder der Welt. Damals habe sie selbstverständlich gar nicht gewusst, dass das Ukrainisch war, was sie da mit ihrer Babuschka trällerte. Mühelos schaltete sie im russischsprachigen Elternhaus auf die andere Sprache um, als Kind, ganz natürlich. Darin habe sie nie ein Problem gesehen. 

"Und heute soll ich mir vorschreiben lassen, in welcher Sprache ich rede und denke und träume? Ich mag mich nicht entscheiden. Wofür? Wogegen? Es ist doch ein Reichtum, wenn man zwei Sprachen nebeneinander spricht. Soll ich mich denn ärmer machen, als ich bin?" Larissa schaut mich so ratlos an aus ihren großen hellgrauen Augen, als könnte ich ihr einen Rat geben. 

 

Wo lässt sich besser Abschied nehmen von Charkiw, für diesmal, als im intimen "Park der Poesie", zwischen Puschkinska und Sumskaja? Eine schmale Rasenfläche im Schatten hoher Bäume. Vorn auf einem Sockel Nikolaj Gogol, der große realistische Erzähler Russlands. Lange wusste ich nicht, dass er als Mykola Hohol hier in der Ukraine geboren worden ist, bei Poltawa, und seinen literarischen Durchbruch in Russland mit Erzählungen aus dem Landleben seiner Heimat feierte. Am anderen Ende thront als Gegenstück die Büste Puschkins, des Sängers aus Sankt Petersburg, Russe aus altem Adel und Urenkel des "Mohren" am Hof Peters des Großen.

Ich gehe unter den Bäumen zwischen den beiden Denkmalen auf und ab. Taugen die Dichter, frage ich mich, immer im Blickfeld von Hohol/Gogol und Puschkin, taugen ausgerechnet wir zu nationalen Identifikationsfiguren?

Es kommt Unsicherheit auf über bisher Gewusstes

Gehören wir nicht eher, Dichter aller Länder, zur Internationale der Außenseiter, der Unzuverlässigen (was nationale Inbrunst angeht jedenfalls)?
Ist unser Ort, aus dem wir kommen und schaffen, nicht eher die "Exterritorialität des weißen Papiers", von der Sándor Márai spricht, der Ungar in Amerika? Entwirft die Poesie nicht ein Bild vom Menschen, das über die Grenzen weist, über die Grenzen von Sprachen und Zeiten hinweg, das hellsichtig macht für die blinden Flecken im Bewusstsein der eigenen Epoche, des eigenen Landes? Weder Gogol noch Puschkin verraten mir eine Antwort. Ihr Lächeln in Erz geht über mich hinweg. Das alles hatte ich früher schon mal besser gewusst. Seit ich die östlicheren Breiten unseres Kontinents ein bisschen näher kennen gelernt habe, bin ich mir auch darin nicht mehr sicher.

Alphabetien sollte vielleicht unsere Heimat heißen. Dort könnten wir am ehesten Bürgerrecht einfordern. Zuhause sind und bleiben wir doch allesamt Fremdlinge. 


Michael Zeller, geboren 1944 in Breslau. Zahlreiche Romane und Auszeichnungen (Sonderpreis des Kulturpreises des Landes Niedersachsen, 1997; Von der Heydt-Preis, 2008; Internationaler Andreas Gryphius-Preis, 2011). Er war als erster internationaler Gast im ostukrainischen Charkiw bei einer "Literaturresidenz", die das ukrainische PEN-Zentrum gegründet hat. Im Herbst 2021 erschien Zellers Buch "Die Kastanien von Charkiw, Mosaik einer Stadt" (assoverlag Oberhausen). Auch in der Ukraine liegt es bereits in Übersetzung vor (Maydan-Verlag Charkiw). Im Frühjahr 2022 erscheint von ihm die Erzählung "Abhauen! Protokoll einer Flucht" im Verlag Rote Katze in Lübeck.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Michael Zeller Juri Andruchowytsch Krieg Mykola Hohol (Gogol) Nikolai Wassiljewitsch Gogol Schriftsteller Serhiy Zhadan Sándor Márai Zweiter Weltkrieg

Weitere Artikel

Kirche

Die Attacken von Bischof Georg Bätzing auf Kardinal Kurt Koch sind Zeichen einer Feindseligkeit, die mit dem Synodalen Weg immer mehr um sich greift. Für Rom ist das eine Herausforderung.
06.10.2022, 09 Uhr
Guido Horst
Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Ein Gespräch mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg, die Beratungen der Bischöfe in Fulda, den bevorstehenden Ad-limina-Besuch in Rom und die Anerkennung der ...
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung