Schaffenskraft

Den „Pollen der blühenden Gottheit“ nachspüren

Produktive Tage: Vor 100 Jahren vollendete Rainer Maria Rilke die „Duineser Elegien“.
A new bust of famous Austrian poet Rainer Maria Rilke
Foto: dpa | Der engelgleiche Dichter par excellence: Rainer Maria Rilke (1875-1926). Hier dargestellt mithilfe einer Büste, die man seit einigen Jahren in seiner Geburtsstadt Prag bewundern kann.

Die ersten Gedichte von Rainer Maria Rilkes (1875-1926) berühmtesten Werk entstanden 1912 auf Schloss Duino an der Adria. Daran erinnert der Titel „Duineser Elegien“. Vollendet wurden sie nach zehnjährigem Ringen auf Château Muzot im Wallis. Rilkes Freundin Nanny Wunderly-Volkart (1878-1962) hatte den Turm von Muzot erworben und nach Rilkes Bedürfnissen ausbauen zu lassen.

Ein Schlösschen für den Dichter der Elegien! Selbstverständlich wird eine Haushälterin eingestellt. Er wohne nun, berichtet Rilke seiner frommen und stets besorgten Mutter, „im katholischsten Kanton der Schweiz nach etwa dem von Fribourg. Die alten Kirchen sind wunderbar und da sich hier überhaupt viel alte Überlieferung unter den überaus armen und hart arbeitenden Bauern erhält und fortsetzt, so sind auch die kirchlichen Traditionen im Volk sehr wirksam geblieben. Steigt man von Sierre nach meinem alten Muzot herauf, so ist jede Wegkreuzung durch ein großes Missionskreuz bezeichnet-, und zum Schlößchen Muzot selbst gehört durch die Jahrhunderte ein kleines Kirchlein, die alte St. Annakapelle“. Rilke besitzt den Schlüssel. In den Weihnachtstagen schmückt er selber den Altar mit Christrosen und hält die Kapelle mit Kerzen festlich erleuchtet.

„Die rühmende Einheit von Mensch und Engel,
wie sie in der katholischen Liturgie gefeiert wird,
findet ihr dichterisches Spiegelbild in der letzten Elegie“

Zwischen dem 7. und 14. Februar 1922 ereignen sich die produktivsten Tage in Rilkes Leben. In einem Schwung werden die Elegien und die 50 Sonette an Orpheus vollendet. „Freude und Wunder“, „Dank“ und „Amen“ heißt es jetzt in den Briefen über den Abschluss der zehn Elegien, „unaussprechliche Gnade“, „ein großes gewaltiges Gebet“, „Wunder. Gnade“. Unter den Freundinnen ist es vor allen Dingen Lou Andreas-Salomé, die in diesen Überschwang virtuos einstimmen kann. Sie wählt den denkbar höchsten aller Vergleiche, wenn sie das Werk der Elegien als „Wort gewordene Unaussprechlichkeit“ und „Urtext der Seele“ bezeichnet. Kühner haben selbst die Mystiker kaum von der Gottesgeburt im Herzen gesprochen: „Möglich wohl, dass eine Reaktion eintritt, weil das Geschöpf den Schöpfer aushalten mußte, dann lass Dich davon nicht erschrecken (so fühlten sich auch die Marien nach der ihrem Zimmermann unfasslichen Geburt).“

Worum geht es in den Elegien? In kühnen Metaphern umkreist der Dichter das Wesen der Engel. Dabei folgt er Augustins Auffassung von der Engelwelt. Vor der Erschaffung der sichtbaren Welt der Menschen, Tiere und Pflanzen hat Gott die unsichtbare Welt durch sein Wort ins Leben gerufen. Die Engel sind das Licht des ersten Schöpfungstages. Rilke beschreibt ihr Wesen und Wirken in kühnen Metaphern:

„Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, - Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
Spiegel: die die entströmende eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.“

 

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Mensch und Engel bilden in Augustins „Gottesstaat“ eine Einheit. Sind die Engel der stationäre Teil des Gottesstaates, so gehört der Mensch zum pilgernden Teil. Ihre Einheit wird in der Liturgie erfahrbar. Der Engel spricht und bekennt Gott im immer währenden Lobpreis. In diesen Gesang stimmt der Mensch mit dem Gloria und dem Sanctus ein. „Rühmen, das ists! Ein zum Rühmen Bestellter“ wird Rilke nach Vollendung der Elegien in seinen „Sonetten an Orpheus“ bekennen. Mensch und Engel bilden eine Gemeinschaft des Rühmens. Die Welt ist Klang: Der Schöpfer ruft allein durch sein Wort eine Welt ins Leben. Mensch und Engel haben an diesem Schöpfertum Anteil. Rilkes Elegien beginnen mit der Klage um den Verlust dieser hymnologischen Einheit, um sie sich schreibend wieder anzueignen mit einer „Zunge/ zwischen den Zähnen, die doch,/ dennoch, die preisende bleibt.“

Hierarchie bedeutet heilige unerschütterliche Ordnung. In ihr hat jedes Geschöpf seinen Ort und seine Stimme. Und alles erfüllt auf seine Weise das „Sprich und bekenn“. Die Chöre der Engel sind das Bild dieser Einheit in der Vielzahl der Stimmen. Vor diesem Urbild einer theologischen Ästhetik entfalten die Elegien zuerst das Drama der menschlichen Existenz. Nach langen Klagen über die Flüchtigkeit des Lebens und der Gefühle wird es gipfeln in dem Bekenntnis der siebten Elegie, dem Preislied der Erde: „Hiersein ist herrlich“. Diese Herrlichkeit des Lebens schließt alle Dunkelheiten des Lebens mit ein.

 

Damit ist das Wesen der Dichtung bestimmt. Sie erschöpft sich nicht in der Mitteilung, nicht in der Formgebung, auch nicht in einer möglichen therapeutischen Funktion. Sie ist Dank und Daseinsbekundung. Der Mensch spricht nicht nur, er ist Sprache. Zu sprechen und damit seine Existenz zu bekennen ist der Sinn seiner Existenz. Dieses Sprechen weist über das Sichtbare hinaus, verwandelt es, spiegelt es zurück in Gott.

Der Engel der Elegien ist nicht der Schutzengel, der wie in den Tagen der Tobitlegende auf Erden erscheint und den Menschen durchs Leben führt. „Glaub nicht, dass ich werbe./ Engel, würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein/ Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke/ Strömung kannst du nicht schreiten.“ Der Mensch begegnet dem Engel mit neuem Selbstbewusstsein auf gleicher Höhe, indem er der Erde treu bleibt. Er preist dem Engel die Welt, er rühmt das Vergängliche. Kultur schafft Gedächtnis. Zu ihr gehört auch das Handwerk, von dem Rilke in Erinnerung an seine Reisen nach Rom und Ägypten spricht:

„Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.“

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Engel als Zeugen menschlicher Selbsttranszendierung

Die Elegien sind ein Gebet. Es richtet sich an den Engel. Wer, wenn nicht sie, verstehen etwas von der besonderen Stellung des Menschen im Kosmos? Wer, wenn nicht sie, kann das Glück der Erfahrung einer inneren Welt nachvollziehen? Wer, wenn nicht sie, kennt das überzählige Dasein, das dem Herzen entspringt und nach Ausdruck verlangt?

Die Elegien preisen den Raum der Kultur als ein unendliches und unerschöpfliches inneres Universum. Sie rufen die Engel als Zeugen der menschlichen Selbsttranszendierung in der Musik und in den Kathedralen, jenen großen aus Stein errichteten Gleichnissen des Himmels, an:

„War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,
wir, o du Großer, erzähls, dass wir solches vermochten, mein Atem
reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch
nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese
unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,
da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)
Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es,-
Groß auch noch neben dir? Chartres war groß-, und Musik
Reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur
Eine Liebende-, oh, allein am nächtlichen Fenster...
reichte sie dir nicht ans Knie?“

Menschen und Engel rühmen geeint den Herrn

„Wem soll der Engel von diesen Wundern erzählen? Wunder, staunen, rühmen, lieben“: mit diesem Wortfeld der Herrlichkeit hat sich Rilke zu jener hymnischen Höhe empor geschwunden, auf der der Mensch nun zum Mitsänger unter den Chören der Engel wird. Die rühmende Einheit von Mensch und Engel, wie sie in der katholischen Liturgie gefeiert wird, findet ihr dichterisches Spiegelbild in der letzten Elegie. Ihre Eingangsverse wurden bereits im Januar 1912 niedergeschrieben. Sie geben einer Sehnsucht Ausdruck, die erst im Himmel Erfüllung finden wird:

„Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.“

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