Geniale Paare

Die Bärenflüsterer zeigen, wie man das Tier zähmt

Gallus und Korbinian - zwei weitere Heilige aus der Paar-Serie - und ihre tierischen Helfer bieten ein Lehrstück in Gelassenheit.
Fertigung der Stuhltücher für Papstbesuch
Foto: Caroline Seidel/dpa | Päpstliches Wappentuch mit dem Korbinians-Bär.

Heilige sind Grenzgänger zwischen Himmel und Erde. Das gilt besonders für die irischen Heiligen. Dem heiligen Gallus (um 550–646) ist auf der Halbinsel Dingle ein kleines Gebetshaus geweiht. Vor über eintausendvierhundert Jahren wurde es aus Steinen ohne Mörtel errichtet und steht noch immer sicher und fest in den Stürmen der Zeit. Das Gallarus Oratory oder gälisch Sáipéilín Ghallarais ist ein schönes Gleichnis für die Kirche in ihrer reinen Gestalt. Deshalb besuchen es viele Pilger. Der irische Nobelpreisträger Seamus Heaney (1939-2013) hat ihm ein berühmtes Gedicht gewidmet. Das Bethaus des heiligen Gallus sieht aus wie ein umgedrehtes Boot auf dem Trockenen. Es ist schön, wenn der Glaube einen festen Ort hat. Doch manchmal tut es der Kirche gut, wenn ihr Schiff wieder in See sticht. Das ist alter Brauch der Jünger Jesu. Der heilige Gallus war ein Menschenfischer. Doch beherrschte er auch den Umgang mit dem Fangnetz. In Zeiten der Selbstversorgung der Kirche war dieses Handwerk überlebenswichtig.

„In der Gegenwart der Heiligen zeigen selbst die Bären jenen guten Willen,
den viele in den Auseinandersetzungen der Gegenwart vermissen“

Irgendwann wurde dem heiligen Gallus die Sesshaftigkeit zu viel. Er begab sich auf den Pilgerweg, setzte mit seinen elf Gefährten unter der Leitung des heiligen Columban über den Atlantik und eröffnete auf dem Kontinent eine Mission. Gallus durchreiste das alte heidnische Mitteleuropa, hatte Erfolge und Misserfolge. Er lernte Widerstände auszuhalten, mit dem Scheitern umzugehen und immer wieder neu anzufangen. Sein Ziel war es, Zeichen des Unsichtbaren in der sichtbaren Welt zu schaffen, Gebetshäuser, Stätten zum Niederknien und Träumen wie sie Jakob einst in Bethel gefunden hatte.

So einen heiligen Ort fand Gallus in der Gegend des heutigen St. Gallen. Hier errichtete er in der Wildnis ein Kreuz und hing daran eine Kapsel mit den Reliquien der Muttergottes und des Märtyrers Mauritius. Dann fing er in der Steinach Fische und briet sie. Die Speisereste lockten einen Bären aus den Wäldern. Da entstand eine Konfrontation mit den antikirchlichen Kräften. Gallus ging nicht in die Knie. Er rechtfertigte nicht seine Gründung des Kultortes, sondern lud zur Mitarbeit ein. Diese Haltung imponierte dem Bären. Bären sind Einzelgänger wie der heilige Gallus. Er hatte sich von seinen irischen Gefährten getrennt. Aber er war klug genug, neue Partnerschaften zu knüpfen.

 

 

Glaubensstärke, die heute oft vermisst wird

Bären und Priester wie Gallus stehen heute auf der roten Liste. Wenn sie gelegentlich einmal auftauchen, werden sie als „Problembären“ eingestuft wie jener Bruno, der im Jahr 2006 im Rotwandgebiet der bayerischen Alpen von Jägern getötet wurde. Gallus war ein Mann Gottes der alten Schule. Wie der heilige Mauritius verstand er die Ausübung seines Amtes als „geistlichen Kriegsdienst“ („spiritalis militiae“). So berichtet es sein Biograph Walahfrid Strabo (808 – 849) in seiner „Vita sancti Galli“. Der Auftritt des Gottesmannes zeugt von jener Glaubensstärke und geistlichen Überlegenheit, die wir heute vielerorts vermissen. Wo wird das Wort in Vollmacht gesprochen? Der Bärenflüsterer braucht keine langen Erklärungen und lässt auch keine juristischen Gutachten erstellen, bevor er handelt. Kurz und wirkungsvoll spricht er: „Bestie, ich befehle dir im Namen des Herren“ – und eine ungewöhnliche Partnerschaft entsteht. Der Bär tritt als Küster in den Dienst der Kirche schleppt dicke Holzstämme aus dem Wald heran.

Gallus ist der älteste bekannte Heilige der Schweiz. Kinder kennen ihn und wissen: „De heilig Gallus hät en aber nöd tödt. Er het gschwätzt mit em Bär und denn hends öppis abgmacht. De Gallus isch lieb gsi zum Bär.“ Ursus, das lateinische Wort für den Bären, gehört zu den beliebtesten Vornamen wie Hans Urs von Balthasar zeigt. Wie Gallus war er ein „Athlet Gottes“ („athleta Dei“). Wo sind dieses Streiter Gottes geblieben? Es gibt sie nicht zu jeder Zeit, und niemand kann sie herbeizaubern. Sie werden der Kirche geschenkt, wenn Gott die Zeit für gekommen hält. Bis dahin gibt es den Trost der genialen Paare.

Die Legende darf nicht oberflächlich betrachtet werden

Lesen Sie auch:

Die Legende erprobt in bildhafter Erzählung letzte Haltungen. Eine kämpfende Kirche sollte sich keinen Bären aufbinden lassen. Aber vielleicht kann sie noch mehr erreichen, als Walahfried berichtet. Wer bereitwillig Holz aus den Wäldern anschleppt, kann als Handwerker in den Dienst der Kirche treten. So entstand in einer späteren Fassung die Legende von dem Bären, der gemeinsam mit Gallus die erste Kapelle in St. Gallen errichtete. Dergleichen sei nicht möglich, wird der kritische Betrachter im Namen der Vernunft ausrufen. Wer will ihm widersprechen? Der Realismus der Legende zielt auf Hintergründiges. Es ist nicht von dieser Welt und daher auch nicht aus der Welt zu begreifen. Durch das Bärenabenteuer weht frische Luft aus dem Paradies und den Visionen der Propheten, in denen der Löwe Stroh frisst und das Kind am Loch der Natter spielt. Deshalb spielen die Tiere im Leben vieler Heiliger eine himmlische Rolle.

Der Löwe ruht zu Füßen des Hieronymus. Franz von Assisi hat den Wolf bekehrt und den Vögeln gepredigt. Der heilige Gerold schützt einen Bären vor seinen Verfolgern und gewinnt in ihm einen Partner. Ein Bär hat es sogar bis in das Wappen Papst Benedikts XVI. gebracht. Es zeigt neben anderen Symbolen jenen Bären, der mit der Legende des heiligen Korbinian eng verbunden ist. Auch dieser irische Heilige besaß die Natur eines Einzelgängers. Daher verbrachte er viele Jahre seines Lebens in einer Einsiedelei. Aber er verweigerte nicht den Dienst, wenn der Ruf an ihn erging. Um 720 kam er nach Freising und reiste weiter nach Rom. Sein Gepäck wurde von einem Packesel über die Alpenpfade getragen. Da kam aus dem Hinterhalt ein Bär und riss den armen Esel.

Korbinian fackelt nicht lange: Der Bär wird dienstverpflichtet

Eine Legende will die spirituelle Phantasie der Zuhörenden freisetzen. Da ist auch eine Vermischung der Zeitebenen erwünscht. Versetzen wir uns bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Kirche der Gegenwart in die Einöde der Alpen. Wie würden sie auf den Angriff des Problembären reagieren? Würden sie flüchten oder standhalten? Welche Strategien der Konfliktbewältigung würden sie erproben? Kann man sich nach dieser Eskalation mit einem Bären an den runden Tisch setzen?

Korbinian setzt keine Untersuchungskommission ein und engagiert sich nicht für die Errichtung einer Schutzzone für Problembären. Wie Gallus spricht er mit jener Vollmacht, in der das Wort zur Wirklichkeit wird. So gelingt Integration. Der Bär bekommt den Packsattel des Esels aufgebürdet und trägt das Reisegepäck an den Ort seiner Bestimmung. In Rom entlässt Korbinian den Bären. Legenden dürfen mit Augenzwinkern erzählt werden. So machte es Papst Benedikt XVI., als er in München eine Ansprache über diese Geschichte hielt, die ihn seit früher Kindheit begleitet hatte. Geradezu hellsichtig sprach er am 9. September 2006 von seinem eigenen Schicksal. „Ein Lasttier bin ich für Dich (Gott) geworden“, sagte er über seinen Dienst.

Benedikt XVI. empfand sich als "Lasttier" des Herrn - wie der Bär für Korbinian

„Der Bär des heiligen Korbinian wurde in Rom freigelassen. In meinem Fall hat der Herr anders entschieden. Und so stehe ich also wieder zu Füßen der Mariensäule, um die Fürsprache und den Segen der Muttergottes zu erflehen, nicht nur für die Stadt München und auch nicht nur für das liebe Bayernland, sondern für die Kirche der ganzen Welt und für alle Menschen guten Willens.“ Nicht alle Menschen sind gegenüber dem greisen Papst guten Willens. Ein Bär kann seine Natur nicht verleugnen. Er ist und bleibt ein Raubtier. Das Böse gehört zur Natur des Menschen. Doch in der Gegenwart der Heiligen zeigen selbst die Bären jenen guten Willen, den viele in den Auseinandersetzungen der Gegenwart vermissen.

Legenden lassen im Bild des Heiligen das Urbild des Heilands aufleuchten. Jesus sprach in Vollmacht und trieb wie Gallus und Korbinian mit einen Wort die bösen Geister aus. Aber er wusste auch: „Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ (Johannes 9, 4) Walahfried Strabo muss dies gespürt haben, als er das Leben des heiligen Gallus nach verschiedenen Vorlagen in eine neue Ordnung brachte. Die Tage dieser heiligen Einzelkämpfer Gottes schienen gezählt zu sein. Um die Erinnerung an diese Beispiele des Glaubens für zukünftige Wiederentdeckungen und Impulse zu neuer Widerständigkeit zu bewahren, schrieb Walahfried sein Werk auf Pergament.

Die Scheune der Erinnerung

Er nannte es eine „Scheune der Erinnerung“ („horreis memoriae“). Vom Vorrat aus dieser geistlichen Scheune zehren wir noch immer. Legenden wollen erbauen. Was Gallus und sein Partner im brauen zotteligen Fell lehren, ließe sich vielleicht so zusammenfassen: Begib dich auf die Pilgerschaft. Halte Widerstände aus. Fange immer wieder neu an. Bändige den wilden Bären – nicht nur in dir. Sei kämpferisch. Schaffe Kraftorte zur Anbetung Gottes. Vergiss in allem Tun nicht das Loslassen. Dein Leben ist in Gottes Hand.

Offenbar schenken diese Leitlinien viel Lebenskraft und Vitalität noch im hohen Alter. Gallus vollendete voller Zuversicht das 95. Lebensjahr und starb am 16. Oktober 646. Am Ort seines Wirkens entstand das Kloster St. Gallen. Als die dänischen Wikinger Irland eroberten und die Mönche vertrieben, fanden sie an diesem Ort Zuflucht. Das Werk des Gallus? war weit über alles hinausgewachsen, was sich dieser Mann Gottes vorstellen konnte. Vielleicht ist das seine wichtigste Botschaft für unsere Zeit: Alles menschliche Tun zielt auf Zukunft, und niemand kennt den großen Plan Gottes, in den wir eingebunden sind.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Uwe Wolff Franz von Assisi Hans Urs von Balthasar Heilige Heiliger Gallus Heiliger Korbinian Heiligtum Jesus Christus Päpste

Weitere Artikel

Der selige Franziskanerpater Frédéric Janssoone gilt als Erneuerer des Franziskanerordens in Kanada.
04.08.2022, 07 Uhr
Claudia Kock

Kirche

Die Attacken von Bischof Georg Bätzing auf Kardinal Kurt Koch sind Zeichen einer Feindseligkeit, die mit dem Synodalen Weg immer mehr um sich greift. Für Rom ist das eine Herausforderung.
06.10.2022, 09 Uhr
Guido Horst
Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Ein Gespräch mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg, die Beratungen der Bischöfe in Fulda, den bevorstehenden Ad-limina-Besuch in Rom und die Anerkennung der ...
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung