Lemberg/Kiew

Die Ukraine: Ein Grenzland, von Mächtigen zerrissen

Wieder einmal muss die Ukraine fürchten, überfallen und ihrer Eigenstaatlichkeit beraubt zu werden.
Stadtansichten Lemberg
Foto: Markiian Lyseiko (EPA) | Der altösterreichische Literat Joseph Roth nannte Lemberg „die Stadt der verwischten Grenzen".

Lemberg sei „die Stadt der verwischten Grenzen. Der östliche Ausläufer der alten kaiserlichen und königlichen Welt. Hinter Lemberg beginnt Russland.“ So schrieb der galizische, jüdische, altösterreichische Literat Joseph Roth, dessen Geburtsort Brody „hinter Lemberg“, aber noch nicht im Reich des Zaren lag. 1894, zur Zeit seiner Geburt, lag Lemberg an der Grenze Österreich-Ungarns zum zaristischen Russland. Als er 1924 diese Sätze schrieb, gehörte die Stadt zu Polen, nachdem sie wenige Wochen lang Hauptstadt der Westukrainischen Volksrepublik gewesen war. Kurz nach Roths Tod 1939 wurde sie von deutschen Truppen besetzt, aber dann auf der Basis des Hitler-Stalin-Pakts der Sowjetunion eingegliedert, unter deren Terrorherrschaft der Osten der Ukraine schon lange litt.

Freies Europa oder russische Dominanz

Die Geschichte der Ukraine scheint für die These eines zwischen Ost und West, zwischen Russland und Europa zerrissenen Landes zu sprechen. „Grenzland“ bedeutet sogar ihr Name. Streiten nicht auch heute Moskau und der Westen um dieses Land? Ist es nicht selbst zwischen einem russisch getönten Osten und einem mitteleuropäisch geformten Westen zerrissen?

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Zum vierten Mal innerhalb einer Generation wird nun darum gerungen, ob das Land zum freien Europa zählt und sein Schicksal selbst bestimmt oder russischer Dominanz überlassen werden muss: 1991 erkämpfte das ukrainische Volk die Unabhängigkeit von Moskau und schüttelte das Joch der kommunistischen Diktatur wie der von Moskau dirigierten Russifizierung ab. 2004 standen die Ukrainer gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahlen auf und erkämpften in der „Orangen Revolution“ ein Stück Freiheit. 2014 war es wieder das Volk, das sich vom Joch einer korrupten, moskauhörigen Clique befreite. 2022 stehen neuerlich Freiheit und Selbstbestimmung auf der Kippe.

Die Mitgliedschaft Estlands, Lettlands und Litauens in NATO und EU konnte Kremlchef Putin verwinden, nicht aber den irreversiblen Verlust der Ukraine. Denn wenn es so etwas wie eine russische Seele gibt, dann hat sie ihre Wurzel nicht in Moskau oder Petersburg, sondern in Kiew, wo Großfürst Wladimir vor mehr als einem Jahrtausend das Christentum einpflanzte. Darum setzt Moskau gegen eine volle Souveränität der Ukraine erneut Truppen in Bewegung und riskiert einen Krieg. Wenn sich die Ukraine aus der Vormundschaft Russlands befreit, dann ist die Sowjetunion, der Putin offen nachtrauert, unwiderruflich untergegangen. Dann sind alle Versuche, eine Sowjetunion minus kommunistische Ideologie zu errichten, gescheitert.

Russifizierung unter Zaren und Bolschewiken

Bereits 2010 hatte Putin eine Militärdoktrin verabschieden lassen, die einen Krieg für legitim erklärt, wenn russische Bürger jenseits der Grenzen Russlands in ihren Rechten bedroht sind. Im Juli 2013 beschwor er bei einem Besuch in Kiew „unsere gemeinsamen Vorfahren“, die „gemeinsame Vergangenheit“ und die verbindenden „orthodox-slawischen Werte“. Er verschwieg jedoch die jahrhundertelange gewaltsame Russifizierung weiter Teile der Ukraine unter den Zaren wie später in der Sowjetunion, die Millionen Todesopfer der Zwangskollektivierung und der künstlichen Hungersnot (Holodomor) unter Josef Stalin. Sekundiert wird das politische Moskau dabei vom russisch-orthodoxen Patriarchat, das die Ukraine als Teil ihres „kanonischen Territoriums“ sieht und für diesen Machtanspruch sogar die Eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel opferte.

Der Drang Moskaus ans „warme Meer“, also über das Schwarze Meer zum Bosporus sowie über Serbien und Montenegro zur Adria, bestimmte schon die Außenpolitik der Zaren im 19. Jahrhundert. Sie bestimmt auch Moskaus Politik gegenüber der Ukraine und den Balkanstaaten im 21. Jahrhundert. Die Berufung auf die Bande des Slawentums und der Orthodoxie war auch vor mehr als einem Jahrhundert die russische Methode zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Völker. Wladimir Putin knüpft daran an.

Tatsächlich war das Land über Jahrhunderte immer wieder ein Spielball und Opfer der Weltgeschichte. Bereits im 14. Jahrhundert zerbrach die als „Kiewer Rus“ von Großfürst Wladimir 988 dem Christentum zugeführte Einheit. Während seine westlichen und südlichen Gebiete unter die Oberhoheit Polens und Litauens fielen, versuchten die Großfürsten von Moskau (wie heute Putin) als „Sammler der russischen Erde“ ihre Herrschaft über den Osten zu festigen.

Kräftige Lebenszeichen der ukrainischen Nation

Weil Kiew – vor dem großen Bruch von 1054 – die Taufe von Byzanz statt von Rom angenommen hatte, sahen sich jene Gebiete, die zum polnisch-litauischen Großreich fielen, nun mit Tendenzen zur liturgischen Latinisierung wie zur ethnischen Polonisierung konfrontiert. Eine Tendenz, die bis in unsere Zeit in der Westukraine anti-polnische Ressentiments zementierte. Schlimmer als den westlichen Gebieten erging es jedoch jenen Regionen, die nach und nach unter die Kontrolle der Zaren gerieten.

Als Ende des 18. Jahrhunderts auch die rechtsufrige Ukraine an Russland fiel, war die Russifizierung nicht mehr zu stoppen. Zarin Katharina II. löste die mit Rom unierten Bistümer und viele Klöster auf, verbot die ukrainische Sprache in der Schule wie im öffentlichen Leben. Die gesamte Kirchenverwaltung wurde dem Heiligen Synod der russischen Orthodoxie unterstellt. Diesen Versuch, alle Brücken zwischen der Ukraine und dem Papst zu sprengen, wiederholte nach 1945 Josef Stalin auf noch brutalere Weise.

Dazwischen aber gab es kräftige Lebenszeichen der ukrainischen Nation: In dem an Österreich-Ungarn gefallenen Galizien konnte sich die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche frei entfalten. Lemberg hatte damals drei katholische Erzbischöfe: für die Katholiken des lateinischen, byzantinischen und armenischen Ritus. Während in Lemberg die sprachliche, kulturelle und konfessionelle Vielfalt blühte, herrschte wenige Kilometer östlich davon das strenge Regime des russischen Zaren.

Sichtbare Narben, die die Geschichte geschlagen hat

Mit Lenins Oktoberputsch 1917 und dem Ende des Ersten Weltkriegs ging die Spaltung der Ukraine in die nächste Runde: Der Osten bildete eine „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik“, während der Westen – nach dem kurzen Intermezzo der „Westukrainischen Volksrepublik“ – an Polen fiel. Die folgenden Jahrzehnte ukrainischer Geschichte lassen sich nur als Leidensgeschichte erzählen: Der Kommunismus und der Zweite Weltkrieg wüteten mörderisch in der Ukraine. Stalins ideologisches Vorgehen gegen die einstige Kornkammer Europas führte in den „Holodomor“, zum Hungertod von Millionen. Dieser kommunistische Genozid am ukrainischen Volk war bis zum Ende der Sowjetunion völlig tabuisiert und wird von Sowjetnostalgikern sogar heute noch geleugnet oder verharmlost.

1946 holte Stalin zum nächsten Schlag gegen die Identität der Ukrainer aus: Er ließ Bischöfe, Priester und Ordensleute der unierten Kirche verhaften, ermorden oder nach Sibirien deportieren, bevor er die griechisch-katholische Kirche zwangsweise mit dem Moskauer Patriarchat verschmolz. Bei dieser Zwangs-Ökumene hatte der einstige georgisch-orthodoxe Priesteramtskandidat Stalin keine kirchlichen Ziele. Es ging ihm schlicht darum, das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Ukrainer zu brechen.

Mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 konnte sich diese Identität religiös, kulturell und geschichtlich wieder finden. Gleichzeitig jedoch wurden die Narben sichtbar, die die Geschichte diesem Volk geschlagen hat: zur sprachlichen und weltanschaulichen Zersplitterung, zu den unterschiedlichen kulturellen und geschichtlichen Traditionslinien von Ost und West trat nun die moralische und gesellschaftliche Verwahrlosung, und leider auch viel konfessioneller Streit.
Bei aller historischen, sprachlichen, politischen und konfessionellen Zerrissenheit, die in der Ukraine mit Händen zu greifen ist, sind 1991, 2004 und 2013/14 auch starke Kräfte des gesellschaftlichen Zusammenhalts sichtbar geworden. Darauf werden die Realisten in Kiew auch jetzt mehr vertrauen als auf westliche Hilfszusagen und Versprechen.

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