Paradoxes Frankreich! Das Land der Logen und Freimaurer, das seit 1905 streng laizistisch ist und eine strikte Trennung von Staat und Kirche kennt, empfängt den Papst aus Rom, als sei es seiner „Taufe“ immer treu geblieben. Die „fille aînée de l’Église“, die „älteste Tochter der Kirche“, die nach dem Untergang des weströmischen Reichs mit der Taufe des Merowingerkönigs Chlodwig I. um das Jahr 496 n. Chr. herum zum ersten katholischen Staatsgebilde wurde, während die übrigen germanischen Herrscher dem arianischen Bekenntnis folgten, hat sich darauf vorbereitet, Leo XIV. in der Hauptstadt sowie in Lourdes und Metz zu empfangen. Und die Bischöfe des Landes kommen gar nicht nach, den Rahmen des Ereignisses – zumindest in Paris – immer weiter auszuweiten. Voltaires antiklerikaler Kampfruf „Écrasez l’infâme!“ (Zermalmt das Infame! – womit er die katholische Kirche meinte) scheint sich zumindest in diesen Tagen ins Gegenteil verkehrt zu haben.
Noch ist es tagsüber warm, auch wenn ein starker Wind über den Vorplatz von Notre-Dame fegt, sodass aufgewirbelte Staubwolken dazu zwingen, hin und wieder den Atem anzuhalten. Arbeiter ebnen den nicht gepflasterten Platz mit seinen Unebenheiten mit Sand, während die Touristen scharenweise in die wiedererrichtete Kathedrale strömen. Die Kosten der Papstvisite in Höhe von etwa 27 Millionen Euro haben schon im Sommer eine gewaltige Spendenkampagne angeschoben, die auch vor dem in neuem Glanz erstrahlten Gotteshaus nicht Halt macht: An den Säulen der Kathedrale hängen Bildschirme, die dazu einladen, dem Papst einen würdigen Empfang zu bereiten. Darunter bieten kleine Bezahlterminals an, diesen Beitrag gleich mit Kreditkarte zu leisten. Auch ansonsten ist das Papst-Marketing in vollem Gang. Am großen Souvenirstand in Notre-Dame gibt es teure Papst-Sweatshirts und Leinentaschen zu immerhin zehn Euro – alle mit der fetten Aufschrift „Leon XIV France 2026“. Der Papst-Rosenkranz kostet zwölf Euro, eine schlichte Gebetskarte ganze fünf Euro und ein Satin-Armbändchen mit dem Motto der Reise „Pour que le monde ait la vie“ (Damit die Welt das Leben habe) auch noch zwei Euro.
Besuch im Herzen der Nation
Wenn Papst Leo morgen in Paris landet, startet er seinen Besuch im Herzen der Nation. Als sein Vorgänger Franziskus für einige Stunden nach Marseille, Straßburg und Ajaccio auf Korsika reiste, hatte er ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er nicht Frankreich besuche, sondern die Einwandererstadt am Mittelmeer, den Sitz des EU-Parlaments beziehungsweise – in Ajaccio – einen Kongress zur Volksfrömmigkeit im Mittelmeerraum. Nach Papst Benedikt im Jahr 2008 kommt jetzt wieder ein Papst zum Staatsbesuch nach Frankreich. Präsident Emmanuel Macron war zum Treffen mit Franziskus nach Marseille und Ajaccio geflogen, jetzt ist der Empfang des hohen Gastes aus Rom ein Heimspiel.
„La Capitale“ ist auch die Hauptstadt der Region „Île-de-France“, in der neben dem Erzbistum Paris noch insgesamt sieben weitere, zum Teil junge Diözesen liegen. Eine davon ist das Bistum Nanterre im nordwestlichen Speckgürtel der Millionenstadt. Sein Bischof ist seit 2018 Matthieu Rougé. Er gilt als einer der politischen Köpfe des französischen Episkopats. Der ehemalige Sondersekretär von Kardinal Jean-Marie Lustiger war von 2003 bis 2012 Rektor der Basilika Sainte-Clotilde, auf deren Gebiet auch das Pariser Regierungsviertel liegt. Kardinal Lustiger hatte bei der Basilika ein Institut für politische Wissenschaften gegründet, an dessen Spitze Rektor Rougé stand, womit er ein natürlicher Ansprechpartner für die politische Klasse des Landes war.
Kein Galadinner für Leo XIV.
Im Gespräch mit der „Tagespost“ (siehe Interview auf der Seite 12) findet es Bischof Rougé gut und richtig, dass Papst Leo das Format des päpstlichen Staatsbesuchs, so wie es sich der Präsident gewünscht hatte, ordentlich zurückgestutzt hat: Eine Führung mit Macron durch die Basilika Notre-Dame – und die entsprechenden Fotos mit dem Präsidenten – wird es nicht geben, auch der feierliche Empfang im Élysée-Palast mit der Parade der Republikanischen Garde samt Trommelwirbel sowie ein vom Präsidialamt vorgeschlagenes Gala-Dinner für den Papst fallen aus. Es sei sehr angemessen, dass Papst Leo auf einem bescheideneren Programm bestanden habe, meint Bischof Rougé. Immerhin sei unter Macron ein „Recht“ auf Abtreibung in der Verfassung verankert und der assistierte Suizid legalisiert worden. Da würden es viele Gläubige nicht verstehen, wenn Leo XIV. einen Empfang im großen Rahmen beim Staatspräsidenten absolvieren würde.
Am Samstag wird der Papst die große Messe auf der Place de la Concorde feiern, nachdem er am Freitag vor der UNESCO gesprochen, mit Jugendlichen eine Gebetsvigil im „Stade de France“ in Saint-Denis gefeiert, eine Sozialstation besucht und vor der synodalen Versammlung der Diözesen der Region „Île-de-France“ mit Katechumenen und Neugetauften gesprochen haben wird. Mit 600 000 Teilnehmern beim Gottesdienst am Samstag hatte man gerechnet, inzwischen haben sich 700 000 Menschen registrieren lassen und man rechnet insgesamt mit einer Million Gottesdienstbesuchern. Das Vorbereitungskomitée für den Besuch in Paris, dem ein ehemaliger General vorsteht, musste die Freifläche vor dem Altar für die Teilnehmer über den gesamten Champs-Élysées bis zum Arc de Triomphe und darüber hinaus in die Avenue de la Grande Armée ausdehnen.
Taufboom sticht hervor
Am Sonntag wird der Papst in Lourdes mit allen Bischöfen Frankreichs zusammentreffen und eine Einrichtung zur Betreuung behinderter Menschen aufsuchen, wonach er am Abend am Gebet des Rosenkranzes und einer Lichterprozession zur Madonna von Lourdes teilnehmen wird. Für den Montag erwartet man sich eine programmatische Europa-Rede des Papstes im Kongresszentrum „Robert Schuman“ in Metz (siehe Seite 16). Aber bei allen Gesprächen, die man in Paris vor dem Eintreffen Leos XIV. führen konnte, sticht ein Aspekt der Frankreich-Reise des Papstes besonders hervor, den auch das Presseamt des Vatikans am vergangenen Freitag bestätigt hat: der Boom bei den Erwachsenentaufen, weswegen die Ansprache von Papst Leo vor der synodalen Versammlung der „Île-de-France“-Diözesen und den Taufbewerbern und Neugetauften mit Spannung erwartet wird. Ein deutlicher Trend, der sich jedoch auch dadurch auszeichnet, dass ihn niemand schlüssig erklären kann. Bischof Rougé spricht im Interview von der wachsenden Gewalt und Einsamkeit, gegen die sich in Jesus Christus die Hoffnung auf einen Weg des Trostes und Friedens auftue. Tatsache aber ist, dass das neue Interesse am katholischen Glauben von niemandem „gemacht“ worden ist. Es ist nicht die Folge einer besonderen kirchlichen Aktivität oder missionarischen Initiative.
Dom Dominic Schubert ist ein Priester deutscher Abstammung, der schon seit den 1990er-Jahren in Frankreich wirkt. Für ihn, der lange eine Pariser Pfarrei geleitet hat und jetzt Krankenhausseelsorger ist, ist deshalb die laufende synodale Versammlung der Bistümer des Großraums Paris, deren Konsultationsphase im Januar 2026 begonnen hat und mit einer Umsetzungsphase 2027 enden soll, keine Synode, die Handlungsanleitung und Aktionspläne erarbeiten wird. Vielmehr gehe es darum, die Gründe besser kennenzulernen, die die Neugetauften und Katechumenen zum Glauben der Kirche geführt haben. Über Missbrauchskrise, Säkularisation und sich leerende Kirchen sei man vielleicht blind geworden für das, was für völlig Fernstehende den katholischen Glauben attraktiv und anziehend mache, meint Dom Dominic im Gespräch.
Die Generation der Nach-68er, sagt der Geistliche, die scharenweise der Kirche davongelaufen sei, habe wenigstens noch gewusst, von was man sich da verabschiedete, eine Grundkenntnis des Christlichen habe es noch gegeben. Die jungen Leute von heute dagegen wüchsen in völliger Ahnungslosigkeit auf, was den Glauben angeht. Für Dom Dominic würden aber drei Dinge die Taufbewerber auszeichnen: die Liebe zur Poesie, was eine Wertschätzung der Liturgie einschließe, die Suche nach Wahrheit und eine tiefe Ablehnung all dessen, was nach Ideologie klinge. So klopften viele an die Kirchentüre. Der Geistliche vergleicht sie mit Pilzen, die aus dem Waldboden hervorschießen würden – einem Boden, den niemand bearbeitet und wo niemand etwas gesät habe. Es sei der Geist, der wirke.
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