Fulton John Sheen, 1895 im amerikanischen Illinois geboren, gehörte zu den außergewöhnlichsten katholischen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Der begnadete Redner wurde weit über den akademischen und kirchlichen Raum hinaus berühmt. Seit 1930 erreichte er mit der Radiosendung „The Catholic Hour“ Millionen Amerikaner; in den fünfziger Jahren machte ihn „Life Is Worth Living“ zu einem der bekanntesten Gesichter des jungen amerikanischen Fernsehens. 1951 wurde Sheen Weihbischof von New York, 1966 Bischof von Rochester und nach seinem Rücktritt 1969 zum Titularerzbischof ernannt. Als er 1979 in New York starb, hinterließ er nicht nur ein gewaltiges publizistisches Werk, sondern Ton- und Filmaufnahmen, durch die seine Predigten bis heute ein erstaunliches Nachleben führen.
Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod erhält dieses Nachleben nun eine kirchliche Bestätigung: Fulton Sheen wird heute, am 24. September, in St. Louis seliggesprochen. Damit wird aus dem vielleicht ersten großen katholischen Fernsehstar Amerikas offiziell der „selige Fulton Sheen“ – und ausgerechnet in einer Zeit, in der Religion und Politik in den Vereinigten Staaten erneut auf eigentümliche Weise ineinandergreifen, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was dieser Mann politisch eigentlich dachte.
Sheen war ein leidenschaftlicher amerikanischer Patriot. Er war Demokrat und ein entschiedener Gegner des Totalitarismus. Vor allem aber war und dachte er katholisch. Und genau deshalb ließ sich seine politische Haltung niemals vollständig in das amerikanische Links-Rechts-Schema einordnen. Das zeigt ein bemerkenswertes Dokument aus seinem Nachlass. In einem Entwurf für ein „Institute of Catholic Culture“ stellte Sheen die Frage, welchen Beitrag eine katholische Universität zum religiösen und kulturellen Leben von Kirche und Nation leisten könne. Das Grundproblem, schreibt er, sei schlicht: „MAN“ – der Mensch. Von ihm aus müssten Politik und Gesellschaft neu gedacht werden.
Zwischen Individualismus und Kollektivismus
Damit stand Sheen fest in der Tradition der katholischen Soziallehre, besonders der Sozialenzykliken Pius’ XI. Der politische Liberalismus, argumentierte er, habe den Menschen von seinen sozialen Verpflichtungen isoliert. Der Totalitarismus begehe den entgegengesetzten Fehler und lasse die Person im Kollektiv verschwinden. Beides waren für Sheen anthropologische Irrtümer.
Der Mensch ist Person und deshalb dem Staat gegenüber von einer Würde, die dieser nicht verleihen und folglich auch nicht aufheben kann. Aber er ist zugleich von Natur aus ein soziales Wesen und deshalb dem Gemeinwohl verpflichtet. Die politische Ordnung muss beide Wahrheiten gleichzeitig festhalten.
Das mag abstrakt klingen. Sheen zog daraus jedoch ausgesprochen konkrete Konsequenzen. Das Recht auf Eigentum gehörte für ihn ebenso dazu wie der soziale Gebrauch dieses Eigentums; das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren, ebenso wie ein gerechter Lohn und eine Beteiligung von Arbeit und Kapital am wirtschaftlichen Ertrag. Die katholische Gesellschaftslehre müsse erklären können, weshalb sie für einen „living wage“, für Eigentum, soziale Pflichten und die Begrenzung staatlicher Macht eintrete. Dabei lehnte Sheen sowohl eine Vergötzung des Kapitals als auch die marxistische Vergötzung der Arbeit ab. Hinter beiden stehe letztlich dieselbe Versuchung: den Menschen vom Ökonomischen her zu definieren.
In einer Rundfunkansprache brachte Sheen diesen Gedanken später drastisch auf die Formel, Kommunismus sei gewissermaßen verrotteter Kapitalismus: Beide könnten den Fehler begehen, die Wirtschaft zum Maßstab des Menschen zu machen. Die christliche Ordnung beginne dagegen beim Menschen. Wirtschaftliche Tätigkeit sei nicht das Ziel des menschlichen Lebens, sondern müsse diesem dienen. Das unterscheidet Sheen von einem Antikommunismus, der den Kommunismus lediglich deshalb bekämpfte, weil er das Privateigentum bedrohte.
Der Kommunismus als Gegenreligion
An keinem politischen Phänomen arbeitete sich Sheen so intensiv ab wie am Kommunismus, er publizierte dazu seit 1936 mehrere Werke. 1948 bündelte er seine Überlegungen in seinem wohl bedeutendsten politischen Buch: Communism and the Conscience of the West. Der Titel lässt aufhorchen: Der Kommunismus stand auf dem Gewissen des Westens.
Für Sheen ist Marxismus nicht bloß eine schlechte Wirtschaftstheorie – das auch – aber er hielt ihn vor allem für eine vollständige „philosophy of life“, eine Lebensphilosophie. Der Kommunismus wolle nicht lediglich Fabriken verstaatlichen oder Eigentumsverhältnisse verändern. Er beanspruche den ganzen Menschen. Deshalb bezeichnete Sheen ihn als eine Art „Gegenkirche“. Auch sie habe eine Lehre, Orthodoxie und Häresie; auch sie fordere Hingabe und Opfer. Nur sei an die Stelle Gottes die Ideologie und an die Stelle der Erlösung die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft getreten. Darin erkannte Sheen zugleich die eigentümliche Attraktivität des Kommunismus.
Der Westen sitzt mit auf der Anklagebank
Wie der Marxist Leszek Kołakowski die Moderne auf die Anklagebank zerrte, so zerrte Sheen den Marxismus selbst vor ihr Gericht. Denn der Kommunismus war nach Sheens Verständnis nicht wie eine fremde Krankheit über einen vollkommen gesunden Westen hereingebrochen. Er konnte sich ausbreiten, weil der Westen selbst geistig erkrankt war. Das ist letztendlich der provozierende Kern von Communism and the Conscience of the West. Die eigentliche Auseinandersetzung, schreibt Sheen dort, verlaufe nicht zwischen Individualismus und Kollektivismus, freier Marktwirtschaft und Sozialismus oder Demokratie und Diktatur. Diese Gegensätze seien nur sichtbare Erscheinungen eines tieferen moralischen und geistlichen Konflikts: Existiert der Mensch für den Staat oder der Staat für den Menschen? Ist Freiheit etwas Geistiges – oder lediglich eine Konzession einer materialistisch gewordenen Gesellschaft?
Deshalb konnte der überzeugte Antikommunist zugleich scharfer Kritiker des westlichen Kapitalismus sein. Ein Kapitalismus, der den Menschen lediglich als Produzenten und Konsumenten betrachtet, hatte für Sheen bereits einen Teil der marxistischen Anthropologie übernommen. Beide Systeme können sich politisch bekämpfen und dennoch dieselbe geistige Voraussetzung teilen: dass das materielle Wohlergehen die entscheidende Größe menschlicher Existenz sei. Sheens Alternative war deshalb weder Moskau noch Wall Street. Es konnte nur die katholische Soziallehre sein.
Freiheit wozu?
Ähnlich verhielt es sich mit der Freiheit. Sheen war keineswegs ein Gegner der liberalen Freiheitsrechte. Aber er misstraute einer Freiheit, die sich selbst zum höchsten Gut erklärte.
Schon 1941 formulierte er in einer „Catholic Hour“-Sendung seine Kritik an einem Freiheitsbegriff, der Freiheit lediglich als das Recht versteht, zu tun, was einem gefällt. Freiheit bedeute vielmehr die Möglichkeit, das zu tun, was man tun soll; dieses Sollen verweise auf Gesetz, das Gesetz auf Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit letztlich auf Gott. Eine Gesellschaft kann Freiheit nicht dauerhaft erhalten, wenn sie sich weigert zu sagen, wozu Freiheit gut ist. Demokratie benötigt Voraussetzungen, die sie nicht selbst erzeugen kann: ein Menschenbild, eine Vorstellung von Gerechtigkeit, moralische Bindungen und Bürger, die Freiheit nicht mit Willkür verwechseln.
In seinem Entwurf für das „Institute of Catholic Culture“ spricht er ausdrücklich vom Schutz der Demokratie gegen jene „Ismen“, die dem Menschen eine falsche Ideologie aufzwingen und Anspruch auf Leib und Seele erheben. Zugleich wollte er den Patriotismus wiedergewinnen – nicht als Nationalismus, sondern als pietas, als eine aus Gottes- und Nächstenliebe hervorgehende Dankbarkeit gegenüber dem eigenen Gemeinwesen. Religion sollte dem Staat dabei nicht aufgezwungen, ihre moralischen Ressourcen aber sehr wohl in seinen Dienst gestellt werden.
Seine Vaterlandsliebe blieb einer höheren Loyalität untergeordnet
Neuere Forschung zu Sheens politischer Theologie hat von einem „anti-nationalist patriotism“ gesprochen. Seine Vaterlandsliebe blieb einer höheren Loyalität untergeordnet. Gerade deshalb unterschied er zwischen dem sowjetischen Kommunismus und den Menschen, die unter ihm lebten.
Sheens Antikommunismus wirkt heute weniger antiquiert, als man zunächst vermuten könnte. Denn auch Gesellschaften, die sich demokratisch nennen und marktwirtschaftlich organisieren, müssen beantworten, ob der Mensch für Wirtschaft, Staat und Technik existiert – oder diese für ihn. Für Sheen war die Wiedergewinnung einer politischen Ordnung nicht zuerst eine Frage besserer Programme. Sie verlangte eine Wiedergewinnung des Menschen.
Und vielleicht ist das die überraschendste Pointe seines politischen Denkens: Der große amerikanische Antikommunist glaubte nicht, dass der Westen den Kommunismus dadurch besiegen würde, dass er westlicher wurde. Er glaubte, der Westen müsse wieder christlicher werden.
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