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Unfehlbarkeit: Die Wahrheit hat Vorrang

Im Tagespost-Interview erklärt Kardinal Walter Brandmüller, dass sich die Unfehlbarkeit der Päpste aus der Natur der Kirche ergibt. Stefan Hartmann ruft Äußerungen großer Theologen dazu in Erinnerung. Unfehlbarkeit ist immer ein Thema für die Kirche.
Unfehlbarkeit der Päpste ergibt sich aus der Natur der Kirche. Im Bild: Papst Pius IX.
Foto: - (ANSA/epa) | Papst Pius IX.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ hat Kardinal Walter Brandmüller, Konzilienforscher und von 1998 bis 2009 Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft in Rom, darauf hingewiesen, dass eine Kathedraentscheidung des Papstes, wie sie das Erste Vatikanische Konzil vor hundertfünfzig Jahren in der dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ definiert hat, nicht die einzige Form sei, wie die die Päpste eine endgültige und damit unfehlbare Lehre verkünden könnten. Die Verkündigung eines Dogmas sei zwar die feierlichste Form der Ausübung des obersten Lehramts.

Aber das sei nicht die gewöhnliche Art und Weise, eine unfehlbare Lehrentscheidung zu fällen, wie das Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994 über das Priesteramt zeige: „Wenn man bedenkt“, so Kardinal Brandmüller, „dass zum Vorliegen einer unfehlbaren Entscheidung folgende Kriterien notwendig sind: Erstens, die Inanspruchnahme der obersten Lehrgewalt durch den Papst, der diese Lehre verkündet; zweitens die gesamtkirchliche Verbindlichkeit und drittens den definitiven Charakter der Aussage, dann findet man alle diese Elemente in ,Ordinatio sacerdotalis’. Die Lehrentscheidung, dass nur der getaufte Mann gültig zum Priester geweiht werden kann, ist unfehlbar und endgültig.“ Das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870 sei aber mit Sicherheit ein Instrument, das in äußersten Gefahrensituationen benutzt werden könne oder solle.

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„Kein Mensch weiß, was Synodalität überhaupt ist“

Auf die Frage, ob es in der Kirche heute nicht eher um Synodalität als um Unfehlbarkeit gehe, meint Brandmüller weiter, „dass kein Mensch weiß, was Synodalität überhaupt ist. Für meine Begriffe ist es ein Schlagwort, das irgendwie etwas Gefühltes ausdrücken soll, ohne dass ein klares begriffliches Konzept dahintersteht“. Grundsätzlich, so der Konzilienforscher, habe die oberste Lehrgewalt der Päpste etwas mit der Unteilbarkeit der Kirche zu tun: „Die eine Kirche war am Pfingstmorgen im Abendmahlssaal zu Jerusalem versammelt. Und dann verbreitete sie sich von hier aus über die ganze Erde. Es ist nicht so, dass draußen irgendwo an der Peripherie Kirchen entstanden wären, die sich dann zu der einen Kirche vereinigt hätten. Deshalb spricht man auch von Mutterkirche und Tochterkirchen. Wo bliebe sonst die Einheit im Glauben? Und Christus hat seine eine Kirche auf einen Felsen gegründet.“

Karl Rahner SJ: Es gibt „absolut bejahbare“ Glaubenssätze“

Das Interview mit Kardinal Brandmüller ist Teil des „Themas der Woche“ der „Tagespost“ zum Infallibilität-Dogma des Ersten Vatikanums. Der Theologe und Autor Stefan Hartmann zeigt in seinem Beitrag auf, dass beim Unfehlbarkeits-Streit um die Thesen von Hans Küng in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts selbst Karl Rahner SJ dem Tübinger Kollegen widersprochen habe. Rahner habe damals zeigen wollen, dass es „absolut bejahbare Sätze“ in der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche gebe und weiterhin geben könne. Der Jesuiten-Theologe habe bei Küng Tendenzen zum „Protestantismus“ festgestellt. Autor Hartmann erinnert aber auch an Arbeiten des Theologen Leo Kardinal Scheffczyk, der John Henry Newmans auf die Infallibilität bezogenen wichtigen Satz zitiert: „Entweder ist überhaupt keine Offenbarung gegeben worden, oder sie ist mit den nötigen Mitteln versehen worden, ihre Objektivität der Welt einzuprägen.“ Dass diese Objektivität immer wieder auf Widerspruch stößt, könne man mit Hans Urs von Balthasar auch einen „antirömischen Affekt“ nennen, so Hartmann. Viele anstößige Lehren der Kirche verstehe nur derjenige, der Kirche und Sakramente wieder als Mysterien des Glaubens zu sehen vermag.


DT/gho

Das Thema der Woche in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“ ist das Dogma der Unfehlbarkeit. Mit Walter Kardinal Brandmüller und Stefan Hartman kommen zwei gewichtige Stimmen zum einhundertfünfzigsten Jahrestag der Verkündigung des Dogmas zu Wort. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe

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