Monsignore hat um eine Lokalität mit etwas Distanz zu seinem Wirkungsort gebeten. „Auf der anderen Seite…“, meinte er – und damit nicht die andere Seite Italiens, sondern nur des Tibers. Gesagt, getan, direkt gegenüber der Anima-Kirche der Deutschen unweit der Piazza Navona, reserviert uns die Osteria dell’Anima zwei Plätze. Als wir eintreffen, ist das Restaurant leer, in der kühl und nass gewordenen Stadt der Päpste hat sich der Touristenstrom ausgedünnt. Wir bestellen eine bunte Mischung „bruschette“ mit Tomaten, Olivencreme und anderen Geschmäckern, dazu Wasser und den weißen Wein des Hauses. Monsignore hat schon einen Blick in den „Lobpreis der Ehe“ geworfen, das neue Dokument aus dem Hause Fernández, dem Hüter der Glaubenslehre. „Häretisch ist es nicht“, meint er gelassen. Aber haben Kirche und Welt darauf gewartet, dass Rom nochmals die Verbindung „von einer einzigen Frau mit einem einzigen Mann“ besingt? Und das auf 40 Seiten mit fast 160 Unterpunkten? Wer soll das lesen? Für Monsignore sind diese Elaborate alle noch Erbschaften aus der Franziskus-Zeit, genauso wie die Note des Glaubensdikasteriums zu den Marientiteln, in der zwar die Handschrift des Präfekten zu erkennen sei, aber auch der Eifer des Jesuiten-Papstes, den Begriff „Miterlöserin“ ein für alle Mal aus dem Gebrauch zu verbannen.
Monsignore erklärt sich: Zwar habe das Marien-Dokument einen starken Punkt. Tatsächlich habe Joseph Ratzinger als Präfekt der Kongregation 1996 bei einer Sitzung seines Hauses erklärt, dass die genaue Lehre über Maria als Miterlöserin noch nicht ausgereift sei. Aber er habe sie nicht verworfen. Stattdessen hätten Theologen wie Karl Rahner oder Päpste wie Leo XIII. und Johannes Paul II. diesen Begriff verwandt. Sei das „Fiat“ Mariens nicht eine Mitwirkung am Erlösungswerk gewesen? Zweiter starker Punkt der Note von Fernández seien die zahlreichen Quellen, auf die es verweise. Aber Monsignore fügt gleich hinzu, dass eine Seite aus dem Hause Fernández gereicht hätte, um diese Quellen der theologischen Forschung weiterzugeben, damit sie diesen Titel weiter klärt. Anstatt eine Debatte zu unterbinden, von der man sich wünschen würde, dass sie die von Ratzinger geforderten Klärungen erbringt.
Papst hat Heiliges Jahr großartig weitergeführt
Wir sind immer noch allein und nehmen „Polpette“, Fleischklößchen in Tomatensoße, und ein halbes Hühnchen römischer Art ins Visier. Wenn so gar keine Gäste kommen, heißt das, dass das Lokal auch bei Römern keinen besonderen Ruf genießt. Monsignore wischt die Marien-Titel und den nicht endenden Lobpreis auf die Monogamie beiseite und richtet den Blick nach vorn auf das Datum, auf das im Vatikan jetzt alle schauen: den 7. Januar, wenn das vom Papst einberufene Konsistorium der Kardinäle zusammentritt. Aller Kardinäle, auch denen aus der weiten Welt. Ob dann das Pontifikat von Leo XIV. beginnt?, fragt Monsignore. Bisher habe der Papst das Heilige Jahr in großartiger Weise weitergeführt. Seine Ansprachen – von denen er die wenigsten selbst habe schreiben können, wie Monsignore vermutet – schlössen ohne Bruch an das Lehramt des „geliebten Vorgängers“ an. An der Fortsetzung des synodalen Weltprozesses habe Papst Leo kein Jota geändert. Und, fügt Monsignore an, in der Kurie regiere die alte Riege. Alles neu macht der Mai, hieß es bei der Wahl von Robert Prevost. Jetzt heißt es eher, könnte man den Monsignore ergänzen, dass der Neuanfang auf den Januar verschoben ist.
Die Rechnung ist gesalzen, das Menü war genießbar, aber ohne besondere Note. Wir geben der Osteria auf der aufsteigenden 10-Punkte-Skala mal sieben Punkte – und es hätte in dem Lokal wirklich ein paar Grad wärmer sein können.
Die „Osteria dell’Anima“ liegt gegenüber dem deutschen Gemeindezentrum in der Via di Santa Maria dell’Anima, Hausnummer 8.
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