Vatikanstadt

Symposium und Webmagazin: Damit Liebe nicht steril wird

Ein Symposium in Rom behandelte die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Kirche im Kleinen. Texte im Webmagazin der Tagespost zu lesen.
Ehering
Foto: Javier SÒ¡nchez Mingorance via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Dritte im Bund der Eheleute ist Gott. Der Bund zwischen Mann und Frau soll seine Liebe spiegeln.

Auf vielen Feldern können gläubige Christen zeigen, dass ihre Sicht auf die Dinge dieser Welt besser ist als das Welt- und Menschenbild der individualistischen und relativistischen Denkströmungen, die nicht nur den Zeitgeist prägen, sondern auch die gesetzgeberische Arbeit der westlichen Parlamente durchziehen. Die Auffassung von „Familie“ gehört dazu. Und das an vorderster Front. Hat doch das, worauf der christliche Familienbegriff gründet, die Ehe von Mann und Frau, zum Beispiel in Deutschland am 1. Oktober 2017 einen entscheidenden Schlag erhalten, als das „Eheöffnungsgesetz“ in Kraft trat und den Weg zur „Ehe für alle“ frei machte, dem Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf die Adoption von Kindern eingeschlossen.

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Keimzelle der Gesellschaft

Das römische Symposium „Familie – Keimzelle der Gesellschaft und Kirche im Kleinen“, am 10. Juni veranstaltet von der „Societas Theologiae Ecclesiasticae“ und der „Fundatio Christiana Virtus e.V.“, wollte sich deshalb nicht nur dem christlichen Familienbild zuwenden, sondern auch der anthropologischen Grundlegung der Elternschaft in der Ehe vom Mann und Frau. Für beide Vereinigungen begrüßte Prälat Markus Graulich, Untersekretär am Päpstlichen Rat für die Gesetzestexte, die Teilnehmer. Der an der Lateran-Universität im Ehe- und Familien-Institut Johannes Paul II. lehrende Anthropologe Stephan Kampowski verwies aber zunächst nochmals auf den epochalen Traditionsbruch, der sich in den vergangenen Jahrzehnten ereignet hat: Die Erfahrung der Ehe und Familie sei so tief in der Menschheit verankert gewesen, dass man sich fragen müsse, wie es dazu kommen konnte, dass eine derart fundamentale Wirklichkeit in vielen Gesellschaften der heutigen Zeit nicht mehr in ihrem Wesen wahrgenommen werde und die Gesetzgebung und Rechtsprechung willkürlich die Namen „Ehe“ und „Familie“ anderen Beziehungsarten gebe, die an sich nichts mit Ehe und Familie im überlieferten Wortgebrauch zu tun hätten.

„Stellen wir uns vor“, so Kampowski, „der Deutsche Bundestag würde ein Gesetz erlassen, in dem es heißt, der Gebrauch des Namens ,Brot‘ sei großzügig auszuweiten und fortan auch auf die ehemals mit ,Stein‘ bezeichnete Wirklichkeit anzuwenden.“ Der Anthropologe führte den völligen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft wie beim Gesetzgeber auf die Sexuelle Revolution zurück, die in einem ersten Schritt Sexualität und Fruchtbarkeit getrennt habe.

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Steriler Sex

Der Sex – vor allem durch die homosexuelle Sexualität – sei steril gemacht worden. Und wenn Liebe nicht mehr Fortpflanzung einschließe, sondern sich in Zuneigung und gegenseitiger Verantwortung erschöpfe, dann, so Kampowski, gebe es keinen Grund mehr, warum nicht auch zwei – oder mehr – Männer oder zwei – oder mehr – Frauen heiraten könnten. Dem allerdings stehe die klare Aussage von Papst Franziskus im postsynodalen Schreiben „Amoris laetitiae“ entgegen: „Keine widerrufliche oder der Weitergabe des Lebens verschlossene Vereinigung sichert uns die Zukunft der Gesellschaft.“ Wobei Gesellschaft nicht nur die Zivilgesellschaft meine, sondern auch die Kirche. Kampowski plädierte für eine Neubesinnung auf die drei klassischen Eheziele: die Fortpflanzung und Erziehung der Nachkommenschaft, die gegenseitige Hilfe der Eheleute bei der Bewältigung der Umstände des Lebens und die Befriedigung des sexuellen Begehrens.

„Zum Glück“ sind sie verschieden, Mann und Frau in der Familie. So argumentierte die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz vor dem Publikum, das sich im Patristischen Institut Augustinianum am Petersplatz zu dem Symposium versammelt hatte. Sie nahm sich zunächst das „Gender Nauting“ vor, das Navigieren zwischen den Geschlechtern, eine Entwicklung, die allerdings durch zwei „außerordentliche Dynamiken“ befördert worden sei: die High-Tech-Medizin und das Autonomie-Streben des selbstbewussten Individuums. Dem hielt die Philosophin den Sinn des biblischen Schöpfungsberichts entgegen: „Was die Genesis erzählt, ist sinnkonstitutiv.“ Nicht einfach zum Glück im Allgemeinen, sondern zu ihrem Glück seien Mann und Frau in einem schöpferisch-göttlichen Sinne verschieden – leibhaft, seelisch und geistig.

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Zweifache Gestalt

Der tiefste anthropologische wie theologische Gedanke der Genesis sei es wohl, sagte Gerl-Falkovitz, „dass die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau eine Ahnung von der Liebesgemeinschaft in Gott selbst verleiht. Schon von der zweifachen Gestalt des Menschen her wäre klar, dass Gott nicht selbstgenügsam, schweigsam, verschlossen ist, vielmehr Hingabe, Gespräch, Beziehung – eben Liebe. Menschliche geschlechtliche Gemeinschaft als Abglanz der göttlichen Gemeinschaft – damit ist der griechischen Trauer über die Zweiheit des Menschen eine unglaubliche Antwort gegeben: statt Trauer die Seligkeit, Gottes innere Dynamik abzubilden.“

 

Während sich die Publizistin Birgit Kelle in ihrem Vortrag vor allem der Politik auf europäischem Boden zuwandte, in vielen Staaten eine desaströse Bevölkerungspolitik ausmachte, aber auch in neuen östlichen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Bestrebungen aufzeigte, sich „gegen die Zumutungen der gesellschaftlichen Dekonstruktion“ zu wehren, sprach der Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, über die „Seelsorge mit Familien“. Der Bischof nannte fünf Felder, in denen sich die Familienpastoral neu zu bewähren habe, getreu einem Wort von Kardinal Walter Kasper, der 2014 gesagt hatte: „Die Familie ist der Testfall der Pastoral und Ernstfall der neuen Evangelisierung.“

Ehevorbereitung

Ipolt sprach über die Vorbereitung der Kinder auf ihre Erstkommunion und Firmung, wobei er die Delegation dieser Aufgabe auf nur wenige Gemeindemitglieder bedauerte. Sodann über die Vorbereitung von Brautleuten auf die kirchliche Eheschließung. Auch hier ein Monitum: „Der Zustand der Ehevorbereitung in Deutschland ist aus meiner Sicht kein Ruhmesblatt“, meinte der Bischof. Bis zum heutigen Tag sei es in vielen Bistümern immer noch möglich, „dass ein Paar nach einem oder zwei Gesprächen mit dem Pfarrer oder einem pastoralen Mitarbeiter an den Traualtar tritt“.

Weiter sprach Ipolt die Familiengruppen in Pfarreien und geistlichen Gemeinschaften an sowie die Einzelseelsorge in Krisensituationen. Weithin aber, so der Bischof abschließend, sei das Potenzial, das sich in den Pfarrgemeinden mit vielen Ehepaaren biete, die in ihrer Ehe und Familie die Nachfolge Christi lebten, noch gar nicht abgerufen.


„Die Tagespost“ stellt die Beiträge dieses Symposiums als Web-Magazin zur Verfügung.

Familien Symposium 2022 - Titel
Foto: DT

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