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Christliche Hippies in Action

Prominente Redner, beeindruckende Musikacts und inspirierende Zeugnisse: Die MEHR-Konferenz 2026 überzeugt mit ihrer Vielseitigkeit. Ein Besuch bei den „hippen Missionaren“ in Augsburg.
Elias Gläser auf der MEHR
Foto: privat | Elias Gläser versuchte Wege aufzuzeigen, wie Lebensfreude Teil eines herausfordernden Alltags werden kann.

„Vier Tage, die du nie vergessen wirst.“ Mit ganz schön viel Selbstbewusstsein warb das Gebetshaus Augsburg für eines der größten überkonfessionell-christlichen Glaubensfestivals in Deutschland, die MEHR-Konferenz 2026. Alle zwei Jahre ist die bayerische Großstadt Augsburg in den ersten Tagen des neuen Jahres um ca. 12.000 Leute reicher. Sie kommen, um mit den vom Bayerischen Rundfunk am 17.12. des vergangenen Jahres charmant als  „die hippen Missionare“ betitelten Mitgliedern des Gebetshauses Augsburg zu beten, sich zu vernetzen und zwischendurch inspirierenden Vorträgen, Interviews und Zeugnissen zu lauschen.

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Unter dem Motto „The Sound of Joy“ waren 15 und mehr Stunden Lobpreis, zehn und mehr Inputstunden, 170 und mehr christliche Aussteller angekündigt. Christliche Promis wie John Eldredge, die „O‘Bros“, Yemisi Ogunleye und Johannes Hartl bekommen hier ihre große Bühne. Ein Mega-Spektakel, „eine perfekte Inszenierung vom Gebetshaus Augsburg“ , um noch einmal mit den Worten der Doku „Die hippen Missionare – mit Jesus gegen die Freiheit“ zu sprechen. Doch steckt hinter dem imposanten Aufzug in überdimensionalen Hallen, dem emotionalen, um nicht zu sagen emotionalisierenden, Lobpreis und den vielen schönen Worten tatsächlich mehr? Mehr Wahrheit, mehr Freude, mehr von Gott? Oder bleibt es bei geschickt erzeugter Stimmung und schönen Worten?

Selbstannahme im Lichte Jesu

Ganze 15 Flaggen mit dem eigenen Logo hat das Gebetshaus Augsburg vor dem Messegelände derselben süddeutschen Stadt gehisst, Platzeinweiser, Security und Handtaschenkontrolleure sind schon parat, während Auto um Auto durch den MEHR-Torbogen auf das Messegelände fährt. Es liegt eine erwartungsvolle Stimmung, „ein Kribbeln in der Luft“, das die Interessierten hier in den nächsten Tagen erleben sollen, wie auf der Homepage des Festivals angekündigt wird. 

Nach dem Einlass beginnt die Konferenz mit Lobpreis, bald schon steht der Initiator und promovierte Theologe Johannes Hartl auf der Bühne und spricht wahrlich gefühlvoll darüber, wie Selbstannahme im Lichte Jesu funktionieren kann. Die Geschichte der Verleugnung des Petrus dient ihm als theologische Grundlage für seine These, dass Gott seine Schäfchen durch Krisen und Versagen hindurch zu ihrer echten Identität führen will, frei sowohl von idealisierten Selbstbildern und überhöhten Selbstansprüchen als auch von zynischem Selbsthass. „Gott sucht immer das echte Herz“, so seine Erfahrung.

Gebetshausmissionar Elias Gläser trifft am Folgetag das Publikum mit einem beherzten Vortrag über alltäglich gelebte Lebensfreude mitten ins Herz. Mit Statistiken belegt er das wenig überraschende Faktum, dass Glück und Freude die wesentlichen Ziele sind, die die meisten Menschen in ihrem Leben verfolgen. Das wissen nicht nur die Soziologen, auch „Marketing-Agenturen sind nicht doof“. Doch das Glück, das wir durch Dopaminausschüttung und Konsum erleben, ist kurzweilig. „Glücklich sein ist wie cool sein. Je mehr du’s versuchst, desto weniger bist du’s“, lautet das ernüchternde Statement Gläsers. Die frohe Botschaft sei jedoch, dass Jesus vollkommene Freude für seine Jünger gewünscht und sie zum freimütigen Bitten ermutigt habe. Freude, so Gläser, ist ein Lebensstil, der trainiert werden kann und nach biblischem Grundsatz auch trainiert werden soll. Philipper 4,4 ist hierzu die von Gläser großgemachte Bibelstelle, in der der Schreiber die dressierte Gemeinde zweimal dazu auffordert, sich „im Herrn“ zu freuen.

Gott im eigenen Leben Raum schaffen

Die hippen Missionare geben alles. Die christlichen Musiker „die O‘Bros“ alias Alexander und Maximilian Oberschelp drehen am Sonntagabend mit christlichem Hiphop auf und bringen die Konzerthalle, die ungefähr die Größe eines Fußballstadions besitzt, zum Beben. Zwei Hallen sind befüllt mit christlichen Ausstellern aller Art – von christlichen Büchertischen, Kosmetik, Missionsdiensten über christliche Naturheilkunde und therapeutische Angebote war alles zu finden. Vier verschiedene Lobpreisgruppen spielen auf, Soundanlage, Lichttechnik und zahlreiche Bildschirme mussten durchgehend bedient werden.

Olympia-Goldmedaillengewinnerin Yemisi Ogunleye
Foto: privat | „Diese Goldmedaille ist für mich ein Symbol der Güte und Treue Gottes", sagt Yemisi Ogunleye.

Bei all dem Aufwand ist die Botschaft, Gott im eigenen Leben Raum zu schaffen, ihn konkret in die Lebensrealität einzuladen und auf sein Wirken zu hoffen, die wichtigste Aussage der Speaker. Bibelfest und geisterfüllt spricht die deutsche Leichtathletin Yemisi Ogunleye von Gottes Wort als Kraftquelle in einem mental und körperlich fordernden Lebensalltag. Nicht professionelle Coaches sondern „Gottes Wort ist mein mentales Training“, erklärt die 27-Jährige. Vor zwei Jahren tat sie unmittelbar vor den Olympischen Spielen das, was sie im Alltag festverankert ständig tut: Gottes Angesicht in Gebet und Bibellektüre suchen. In diesem Gebet vor dem Wettkampf habe Gott ihr in einer Vision gezeigt, dass sie die Goldmedaille gewinnen und ihn verherrlichen würde. Als Yemisi an jenem Abend tatsächlich die olympische Goldmedaille gewann, sang sie bei der darauffolgenden Pressekonferenz vor aller Welt ein Lobpreislied, um dem Gott zu danken, den sie jahrelang im Stillen angebetet hatte. Ihren hingegebenen Lebensstil verglich sie mit König David, der Jahre vor seinen öffentlichen Momenten „ein Anbeter“ gewesen war.

Spirituelle Erfahrungen können nicht nur glaubensstärkend sein, sondern auch zutiefst heilsam. Zumindest nach der Erfahrung des US-amerikanischen Redners, Autors und Gründers der Organisation „Ransomed Heart Ministries“ John Eldredge. Sein Ziel ist es, durch diese Organisation und sein privates Wirken Menschen in Verbindung mit Jesus Christus zu bringen, denn: „Die Seele wird durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus geheilt“. Und diese Heilung habe die Welt bitter nötig. Jeder Dritte leidet heute unter einer mentalen Krankheit. Eine „globale Krise der mentalen Gesundheit“, der Christinnen und Christen entgegenwirken können und müssen. Gründe für die Krise können unbeantwortete Sehnsüchte nach Liebe, Geborgenheit und Verbundenheit sein, die im Mutterleib beginnen. Eldredge erwähnt Studien, die zeigen, dass sogar Ungeborene spüren können, ob sie von der Mutter geliebt werden oder nicht. Das Herz Gottes, der Ursprung des Universums, ist Verbundenheit und Einheit, die die meisten Menschen wiederentdecken müssen, so die großen Worte des mehrfachen Buchautors. Um das zu untermauern, rundet er seinen Vortrag mit einem meditativen Gebet ab.

Eine gefestigte Identität in der bedingungslosen Liebe Gottes

Heilung ist am Montagabend auch das Thema Johannes Hartls. 14 Monate lang habe er sich auf einen sehr sensiblen Vortrag vorbereitet, in dem er der hochkomplexen Frage nach der Leistungsfähigkeit der modernen Gesellschaft nachgeht. Dem Klischee der überfrachteten, burnoutgefährdeten Eltern- und Großelterngeneration, der die scheinbar arbeitsunwillige „Gen Z“ gegenübersteht, liege eine durchaus konfliktäre Wahrheit zugrunde. Während die erstgenannte Generation mit einer hohen Burnout-Rate und Frust über ungelebte Träume zu kämpfen habe, wehre sich die junge Generation gegen diese dystopische Arbeitskultur oder ringe mit einer „anerzogenen Hilfslosigkeit“, wie Hartl den gutgemeinten, aber sich unglücklich auswirkenden Versuch von überarbeiteten Eltern nennt, die bemüht sind, ihre Kinder gänzlich vor Überlastung und Anstrengung zu schützen.

Hartls Lösungsvorschlag ist ein versöhnlicher: „Es entspricht der Würde des Menschen, zu arbeiten“, sagt er, und zugleich sei es zutiefst entwürdigend, Menschen durch ihre Leistung zu definieren. Was wir also bräuchten, um effizient, kreativ und mit Hingabe arbeiten zu können, sei eine gefestigte Identität in der bedingungslosen Liebe Gottes. „Tun und Sein“ sollten nicht wie im klassischen „Work-life-balance-Modell“ einander gegenübergestellt werden, sondern vielmehr einander bedingen. Aus der Liebe und Annahme, die ein Mensch in der Beziehung zu Gott und zu anderen erfahre, könne die Bereitschaft zum hingegebenen Arbeiten erwachsen und die Berufung Adams, Gestalter und Verwalter der Erde zu sein, erst erfüllt werden. Dem 46-jährigen Theologen und Philosophen gelingt es, Verständnis für den jeweils ungesunden Umgang beider Extreme mit dem Thema Arbeit aufzubringen und für ein folgeschweres gesellschaftliches Problem eine versöhnende und hilfreiche Lösung anzubieten.

Der ökumenische Anspruch der MEHR-Konferenz wird sowohl in der Vielfalt der Aussteller wie auch der Redner und religiösen Angebote verwirklicht. Eine Eucharistiefeier ist Teil des sonntäglichen Programmes, am Montag findet ein evangelischer Gottesdienst statt. Es sprechen freikirchliche, evangelische und katholische Gläubige, mancher Auftritt überrascht. Von einer katholischen Ordensschwester erwartet man sich intuitiv Ausführungen über das geistliche Leben, Gotteserkenntnisse und -erfahrungen, aber nicht, sie als ehemalige Leistungssportlerin, leidenschaftliche Skateboardfahrerin und 34-fache Buchautorin vorgestellt zu bekommen. Doch genau das zeichnet die medial sehr präsente Schwester Teresa Zukic aus, die mit ihrem hervorragenden Humor 12.000 Menschen zum Lachen bringen und zugleich berührend von ihrer überwundenen Krebserkrankung erzählen kann.

Ähnlich wie Elias Gläser ermutigt sie das Publikum, Positivität und Lebensfreude zur grundsätzlichen Lebenseinstellung zu machen, denn: „Ob ihr lacht oder weint, das Problem bleibt das Gleiche.“ Schwester Teresa war es, die den auf der MEHR oft humoristisch zitierten Titel der „hippen Missionare“, den die ARD im Dezember unter anderem auf die Gebetshausmissionaren angewandt hatte, völlig neu und angesichts der tiefgründigen Festivaltage völlig legitim deutete: „Hipp – das bedeutet: Hier ist pure praktische Inspiration – Gebetshaus erleben!“


Der Text ist im Rahmen des Reportage-Projekts des Tagespost-Nachwuchsprogramms entstanden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

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