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Ein skandalöser Anfang

Das Hochfest der Gottesmutter als Widerspruch gegen die Kultur der Autonomie: Warum die Kirche das neue Jahr mit einer Mutter beginnt – und nicht mit Vorsätzen.
Hochfest der Gottesmutter: Mutterschaft
| Von Maria lernt die Kirche, dass Glaube keine Leistung, sondern Öffnung für Gottes Wirken ist, sagte einst Papst Benedikt XVI.

Den ersten Tag eines neuen Jahres eröffnet die Kirche nicht mit Methoden, die helfen sollen, guten Vorsätzen treu zu bleiben, sondern mit dem Bild und der Gegenwart einer Mutter — einer, die so gar nicht in das zeitgenössische Ideal weiblicher Selbstverwirklichung passen will, ja fast schon ein gesellschaftlicher Affront ist. Am Hochfest der Gottesmutter Maria bindet die Kirche den Anfang des Jahres an Empfänglichkeit und die Gnade der Mutterschaft und setzt damit ein theologisches Zeichen.

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Dies ist keine bloße Frömmigkeitsgeste, sondern berührt das Selbstverständnis der Kirche selbst. Aus dem Schoß Mariens kam der Erlöser hervor; sie war die erste Verehrerin Christi. Wie das Konzilsdokument „Lumen Gentium“ festhält, ehrt die Kirche Maria „in kindlicher Liebe als geliebte Mutter“. Johannes Paul II. erinnerte mit Blick auf die Worte Jesu am Kreuz daran, dass Christen in Maria nicht nur die Mutter Jesu sehen, sondern die Mutter aller Gläubigen.

Glauben bedeutet, sich für Gottes Wirken zu öffnen

Gerade in einer Leistungsgesellschaft, die Identität und Würde an Erfolg und Produktivität misst, weist Maria mit ihrem ganzen Sein auf eine andere Wirklichkeit hin: Der Mensch lebt nicht aus dem, was er leistet, sondern aus dem, was er empfängt. Papst Benedikt XVI. betonte wiederholt, von Maria lerne die Kirche, dass Glaube keine Leistung, sondern Öffnung für Gottes Wirken sei. Johannes Paul II. nannte sie deshalb das „Urbild der Kirche“: Sie nimmt vorbehaltlos an, was Gott schenken will. Dazu gehört auch unsere Identität.

Um Maria herum ist die Kirche entstanden. Sie wartete im Obergemach betend mit den Aposteln auf die Herabkunft des Heiligen Geistes. Von ihrem fiat bis Pfingsten war Maria Vorbild des Glaubens, des Gehorsams sowie der Liebe und Offenheit für Gott. Sie prägte sie die frühe Kirche nicht durch Macht oder Wortführerschaft, sondern durch bleibende und betende Gegenwart.

Mutterschaft als Grundstruktur menschlicher Existenz

Doch der Blick auf Maria führt noch tiefer: zur Frage nach dem Menschen selbst. Denn Gott wählte den Weg der Menschwerdung durch eine Mutter. Er hätte andere Wege wählen können. Dass er es nicht tat, zeigt, dass dieser Weg von entscheidender Bedeutung ist. 

Maria ist Theotokos, Gottesgebärerin. Ohne ihren Leib, ohne ihre Mutterschaft, ohne ihr Ja gäbe es keine Menschwerdung. Gott bindet sich an eine Frau: an ihre Fruchtbarkeit, ihre Zeit, ihre Verletzlichkeit. Mutterschaft ist hier kein Nebenschauplatz, sondern der Ort des Heils. Der weibliche Leib wird in Maria zum Tabernakel Gottes. Wer diese Wahrheit relativiert, relativiert nicht Maria – er relativiert die Menschwerdung selbst.

Mutterschaft als existentielle Kategorie

Für die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist Mutterschaft eine tiefe anthropologische Grundstruktur des Menschseins. Auf einem mariologischen Kongress in Wien nannte sie das Magnificat einen „Schlüsseltext“ der Marienfrömmigkeit: Es widerspreche einer Lebensauffassung, die das autonome Individuum ins Zentrum stelle, und entfalte stattdessen eine Kultur des Empfangens und der Dankbarkeit.

So verstanden sei Mutterschaft kein soziales Label, sondern eine existentielle Kategorie. Maria zeige, dass Leben nicht durch Planung und Kontrolle entstehe, sondern durch Hingabe, Offenheit und Verwundbarkeit. Ihre Mutterschaft ist daher nicht bloß ein theologisches Konzept also, sondern ein Anthropologikum — ein Grundverständnis dessen, was es heißt, Mensch zu sein.

Gerade diese Sicht steht jedoch quer zu den Selbstverständlichkeiten der Gegenwart. Mutterschaft gilt inzwischen als erklärungsbedürftig: als biografisches Risiko, als Karrierebremse, als Zumutung in einer Gesellschaft, die Freiheit vor allem als Unabhängigkeit versteht. Kinder sollen geplant, kalkuliert und möglichst spät kommen – oder gar nicht. Die Mutter erscheint im politischen Vokabular meist als Problemfall: zu wenig flexibel, zu wenig verfügbar, zu wenig produktiv.

Jeder Mensch geht aus einem „Du“ hervor

Maria passt überhaupt nicht in dieses Bild. Sie fragt nicht nach Vereinbarkeit, nicht nach Absicherung, nicht nach Alternativen. Sie sagt Ja zum Leben und zu Gottes Plänen, ohne Garantie, ohne Absicherung, ohne moralisches Auffangnetz. Ihr Ja ist existenziell. Marias Antwort „Mir geschehe nach deinem Wort“ ist kein Ausdruck naiver Frömmigkeit, sondern eine Entscheidung. Maria übernimmt Verantwortung, bevor sie weiß, was sie kosten wird. Das ist bemerkenswert — und heute fast schon unverständlich.

Politisch zeigt sich die Geringschätzung der Mutter in einer Familienpolitik, die Betreuung für wichtiger hält als Beziehung und Erwerbsarbeit für relevanter als Bindung. Dabei ist die Mutter der erste Ort, an dem ein Mensch erfahren kann, dass er ein Geschenk ist und kein Produkt. Papst Franziskus sagte in einer Neujahrsansprache: „Maria trägt Leben in sich und spricht so zu uns von unserer Zukunft.“ In ihr ehrt die Kirche jede Mutter neu und macht deutlich, dass Leben Gabe ist und Schutz braucht. Marias zärtlicher, zugleich entschiedener Schutz über dem Kind in der Krippe wird zum Bild für die Aufgabe jeder Mutter: das Zerbrechliche zu bewahren – und so die Menschlichkeit der Welt zu schützen.

Warum wir Maria brauchen

Gerl-Falkovitz fasste es prägnant zusammen: Mutterschaft zeigt, dass keiner sich selbst gehört und jeder Mensch aus einem „Du“ hervorgeht. In diesem Sinn sei Mutterschaft die radikalste Form des Widerstands gegen eine Welt, die Autonomie vergöttere und Bindung scheue. Mit dem Hochfest der Gottesmutter Maria am Neujahrstag zeigt die Kirche, dass das Marianische zum Wesen des Christentums gehört, dessen Basis und Anfang ist.

Nach Johannes Paul II. ist Mutterschaft als geistlich-soteriologische Kategorie von zentraler Bedeutung für Kirche und Christsein: Mit mütterlicher Liebe wirke Maria „mit an der Geburt und Entwicklung der Söhne und Töchter der Mutter Kirche“. Und: „Maria und die Kirche – beide sind Mütter. … Die Mutter Maria verleiht der Kirche ein mütterliches Antlitz.“ Gerade, weil Maria am Anfang des Jahres wie ein stiller Einspruch gegen eine Kultur steht, die alles offenhalten will, außer das Leben selbst, brauchen wir sie. Mehr denn je.

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