ABC des katholischen Lebens

Totgesagte leben länger

Schon oft sah man nur noch mit Verzweiflung auf die Kirche oder glaubte ihr nahes Ende. Aber ihre Geschichte geht weiter. Denn diese Geschichte ist die allmähliche Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden.
Petrus
Foto: epa ansa Danilo Schiavella (ANSA) | Die Geschichte der Kirche ist die Geschichte der Verwirklichung des Gottesreiches.

„Jesus verkündete das Reich Gottes – und gekommen ist die Kirche.“ Diesen Satz des französischen Theologen Alfred Loisy kann man durchaus als Ausdruck der Enttäuschung verstehen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Christen, die in der Geschichte der Kirche nicht viel mehr sehen als eine Geschichte des Verfalls, mit einer glorreichen Phase voller Hoffnung zu Beginn und einer stetigen Verschlechterung im Anschluss daran.

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Kinder Gottes

Man kann den Satz Loisys aber auch in seinem ursprünglichen Kontext lesen, in dem es heißt: „Sie [die Kirche] kam und erweiterte die Form des Evangeliums, die unmöglich erhalten werden konnte, wie sie war, seitdem Jesu Aufgabe mit dem Leiden abgeschlossen war. Wenn man das Prinzip aufstellt, dass alles nur in seinem ursprünglichen Zustand Existenzberechtigung hat, so gibt es keine Einrichtung auf der Erde und in der menschlichen Geschichte, deren Legitimität und Wert nicht bestritten werden könnte. Ein solches Prinzip läuft dem Gesetz des Lebens zuwider.“

So, wie wir Kinder des lebendigen Gottes sind, sind wir auch Bürger des lebendigen Gottesreiches in der Menschheitsgeschichte, das sich ständig weiterentwickelt und nicht ohne Grund von unserem Herrn immer wieder mit einem Samen, der in die Erde gepflanzt ist, verglichen wird: „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.“

Reich Gottes kommt

Die Geschichte der Kirche ist die Geschichte der Verwirklichung des Gottesreiches. Diese Verwirklichung verläuft nicht immer geradlinig, und zuweilen möchte man an ihr verzweifeln. Wirklicher Grund zur Verzweiflung besteht indes nicht. Totgesagt wurde die Kirche bereits unzählige Male, sei es von Seiten der Aufklärung, die das Christentum durch einen Kult der Vernunft ersetzen wollte, wie es bis heute einige Naturwissenschaftler fordern, sei es von Seiten totalitärer Regime, die ihre eigene Ideologie an die Stelle des Glaubens setzen wollten.

Aber nicht nur von außen drohte der Kirche im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Ungemach. Mitunter konnte und kann man den Eindruck gewinnen, als säßen ihre ärgsten Feinde in ihren eigenen Reihen. Zugespitzten Ausdruck fand dieses Empfinden in einer Antwort des Kardinals Ercole Consalvi, der als Vertreter des Heiligen Stuhls zu Napoleon geladen war, um über ein Konkordat zu verhandeln. Als der Kaiser ihm mit den Worten drohte: „Ist Ihnen klar, Eminenz, dass ich Ihre Kirche jederzeit zerstören kann?“, antwortete dieser: „Ist Ihnen klar, Majestät, dass nicht einmal wir Priester das in 18 Jahrhunderten fertiggebracht haben?“

Zustand der Kirche 

Die Klage über den Zustand der Kirche ist so alt wie die Kirche selbst. Die Formen mögen sich wandeln, aber letzten Endes gibt es auch hier nichts wirklich Neues unter der Sonne.  Noch hat die Kirche allerdings sämtliche Verwerfungen überlebt und wird dies auch in Zukunft tun, denn sie ruht auf einem starken Felsen und wird selbst von den Pforten der Hölle nicht überwältigt werden.

Immer wieder hat Christus, der das Haupt der Kirche ist, diese Verheißung im Laufe der Geschichte wahr gemacht und seine Saat auch auf fruchtbaren Boden fallen lassen; von den Kirchenvätern über die Ordensgründer, von den Scholastikern über die Missionare, von den Sozialreformern über die Widerstandskämpfer.
Vereint mit ihnen und allen anderen, die im Laufe der Geschichte von Christus zum Dienst an seiner Kirche gerufen wurden, blicken wir mit Dankbarkeit in die Vergangenheit und mit Hoffnung in die Zukunft.

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