Glaubenskurs

Warum seid ihr noch nicht heilig?

Nichts verkündigt Jesus so radikal wie die Umkehr, die das Evangelium verlangt: Auch Gläubige, die sich auf den Weg der Neuevangelisierung begeben, können darauf nicht verzichten.
Petrus
Foto: Archiv | Wie Petrus muss jeder Christ die eigene Kleingläubigkeit erfahren. Nicht einmal, sondern immer wieder ist deshalb innere Umkehr notwendig.

In den letzten 20 Jahren hat mir nie jemand gesagt, dass ich als Getaufter ein Prophet bin und ich finde es richtig gut, dass das hier jetzt mal passiert. Ich muss noch darüber nachdenken, was ich jetzt konkret tun kann“, so sagt es Benedikt, Ende 30, Familienvater und berufstätiger Maschinenbauer, beim Beisammensein vor der dritten Einheit unseres Glaubenskurses zur Neuevangelisierung der Pfarrgemeinde. Ein Freund hatte ihm am Vormittag noch eine Karte für das Dynamo Dresden-Spiel angeboten, die er aber ablehnte: Den Glaubenskurs will er nicht verpassen. Mich freut es, dass er, „mit Kind und Kegel“ im Leben stehend, meinen begeisterten Eindruck teilt.

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Umkehr

„Es ist ein weiter Weg von der Selbstzufriedenheit eines guten Katholiken, der seine Pflicht erfüllt, eine gute Zeitung liest, richtig wählt und so weiter, im Übrigen aber tut, was ihm gefällt, bis zu einem Leben an Gottes Hand und aus Gottes Hand.“ Dieses Wort der heiligen Edith Stein zitiert unsere Kursleiterin Schwester Theresia Mende und erklärt: „Man kann äußerlich ein guter Katholik sein und doch innerlich weit weg vom Herrn, ohne eine Regung der Liebe und der Anhänglichkeit an ihn zu empfinden. Christentum wird zur Gewohnheit und ist nicht mehr Herzenssache und weil dies so ist, sprechen die geistlichen Lehrer der Kirche von einer ersten und einer zweiten oder mehrfachen Umkehr.“ Menschen brauchen eine initiative Begegnung mit Jesus.

Im Laufe dieser dritten Einheit, die sich mit dem Thema „Umkehr“ befasst, wird das immer wieder deutlich: Wir können von Jesus einiges verstehen, indem wir die Evangelien lesen, biblische und außerbiblische Quellen samt Kommentaren studieren, unsere Vernunft gebrauchen. Wir können das Christentum dann als eine Art Schule der Moral ansehen und ihm nachgehen wie einer Art Ideologie. – Doch das würde viel zu kurz greifen! „Mahatma Gandhi wusste viel mehr von Jesus Christus als vermutlich viele Christen, aber dennoch hat er sich nie taufen lassen“, sagt Schwester Theresia: „Jesus will mehr als Wissen, er will Hingabe.“

Gelebte Beziehung

Das Christentum ist weniger eine Ideologie als vielmehr eine gelebte Beziehung zu Jesus, weshalb man es auch nicht lediglich verstehen, erklären oder stumpf in kirchenrechtlicher Konformität leben kann, wie einst die Heiden, die ihre Opfer aus Pflichtbewusstsein, aber nicht aus Liebe darbrachten, da es ihnen ja nur um ein bestimmtes Ergebnis – Kriegsgewinne und Feldernten – ging: Die christliche Religion ist so verstanden nicht „machbar“ und sie „funktioniert“ auch nicht, denn sie lebt aus der Beziehung zu einem Gott, der nicht Instrument seiner Gläubigen ist, sondern der uns Menschen als Personen liebt und sendet. Gott zu erfahren, ist eine Gnade, die jeder empfangen kann, der bereit ist, umzukehren, um nicht seinem, sondern Jesu Willen zu folgen.

Um das zu verstehen, schauen wir mit Schwester Theresia heute auf Simon Petrus. Lange schon, erklärt sie, wartet Simon Barjona – das heißt „Sohn des Jona“ und erinnert mich an die erste Einheit und das Hadern mit der Sendung nach Ninive – auf das Kommen des Messias: Als er Jesus bei der Taufe im Jordan begegnet, der ihn anblickt und auffordert: „Kommt her, mir nach!“, da weiß Simon im Herzen, dass er diesem Menschen sein Leben hingeben kann!

Die Liebe des Petrus bleibt jedoch Menschenliebe, denn sie kommt nicht ohne die eigenen Ängste und den eigenen Willen aus: Petrus ist es, der Jesus auf stürmischer See entgegengeht, bis der Glaube ihn verlässt und er aus Angst versinkt. Petrus ist es, der Jesus als den Messias bekennt und der zum Felsen der Kirche erhoben wird, aber gleich danach zurechtgewiesen wird, als er auf die Leidensankündigung des Herrn mit Ablehnung reagiert, seine eigenen Vorstellungen behaupten will und eine klare Ansage kassiert: „Tritt hinter mich, Satan! Ein Ärgernis bist du mir. Denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen!“

Zu wem sollen wir gehen?

Mit der Hilfe von Schwester Theresia verstehen wir, was wir daraus lernen können: „Erstens geht es nicht darum, zu herrschen und in der Kirche ein Amt zu übernehmen, sondern Nachfolge bekommt es irgendwann immer mit Widerstand und mit dem Kreuz zu tun. Zweitens schreiben nicht wir Jesus vor, wie es in seiner Kirche zuzugehen hat – sie ist auf dem Weg der Nachfolge und kann nicht mal einfach ,gemacht‘ werden auf Sitzungen, Synoden und mit Pastoralplänen.“ Der Maßstab, an dem wir uns messen lassen müssen, bleibt Jesus allein: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes! Nur du hast Worte ewigen Lebens!“, hatte Petrus einmal bekannt und scheitert später selbst an diesem Bekenntnis, als er Jesus vor seiner Kreuzigung verrät. „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an.“ (Lk 22,61) – „In diesem Moment, da Jesus ihn ansieht, da erinnert sich Petrus an seine Berufung und er beginnt zu weinen. Die Maske der Großspurigkeit fällt von ihm ab, und es bleiben Tränen einer tiefen Beschämung und Reue. Aber: Es sind befreiende Tränen“, sagt Schwester Theresia.

Kein bürgerliches Leben

Papst Benedikt XVI. habe einmal gesagt, dass die Schule des Glaubens kein „Triumphmarsch“ sei, „sondern ein Weg, der mit Leiden und Liebe bedeckt ist, mit Prüfungen und einer Treue, die jeden Tag erneuert werden muss. Auch Petrus muss lernen schwach zu sein und der Vergebung zu bedürfen.“ Mir selbst wird immer mehr bewusst, dass die prophetische Berufung keine Berufung zur Selbstverwirklichung ist und Umkehr kein schmerzloser Prozess: Statt die Karriereleiter hinauf führt die Nachfolge Jesu hinein in die Inopportunität der bedingungslosen Liebe Gottes. Statt in die Bequemlichkeit bürgerlichen Lebens werden wir gesandt „wie Schafe mitten unter die Wölfe“.

Die Konsequenzen dieser Überlegungen ganz zu verstehen, dazu werde ich sicher noch eine Weile brauchen und wie Petrus noch einige Male daran scheitern. Dass in der folgenden Anbetungsstunde Priester zur Beichte bereitstehen, führt dazu, dass sie länger als eine Stunde dauert: Wie gut! Mir leuchtet ein, dass es kein Zufall sein mag, dass Jesus im selben Moment, da er die Kirche auf dem Felsen Petrus errichtete, ihr zugleich die Vollmacht zur Vergebung der Sünden gegeben hat. Zu Beginn der Einheit hatte Schwester Theresia die Teilnehmer mit Johannes Tauler gefragt: „Warum seid ihr noch nicht heilig?“ – „Weil ihr noch nicht umgekehrt seid!“ Die Kirche ist nicht nur auf Petrus, sondern auch auf Umkehr gegründet.

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