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Der Appell des Papstes

Die Katechese des Papstes über den heiligen Joseph kann als Leitfaden für die deutsche Kirche gelten. Insbesondere für das Kölner Erzbistum, das von einer neuen Schreckensnachricht geplagt wird.
Papst Franziskus - Generalaudienz
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Der Papst unterstreicht die nüchterne Einsicht, dass die Kirche von jeher aus Sündern besteht. Wer das beherzigt, wird heute keine vollkommenere Kirche vorfinden, aber ein realistischeres Bild von sich selbst und dem ...

Es war eine programmatische Ansprache des Pontifex: Am Mittwoch hat Papst Franziskus bei der Generalaudienz seine Katechesenreihe über den heiligen Joseph abgeschlossen. Der Text kann als Leitfaden für die Kirche in Deutschland im Allgemeinen und den vieldiskutierten Neuanfang im Erzbistum Köln im Besonderen gelten. Die Gläubigen am Rhein machen derzeit eine Erfahrung, die anderen deutschen Bistümern, deren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle noch nicht so weit gediehen ist wie im Erzbistum Köln, möglicherweise erst noch bevorsteht.

Noch immer nicht alle Fakten auf dem Tisch

Denn auch knapp ein Jahr nach der Vorstellung des Gutachtens der Kanzlei Gercke liegen noch nicht alle Fakten auf dem Tisch. Unabhängige Missbrauchsberichte markieren keinen Schlussstrich, sondern lediglich Etappenziele. Das legt zumindest die Nachtragsanklage gegen Pfarrer U. nahe, die dem Kölner Landgericht neuerdings vorliegt. Wer was gewusst oder nicht gewusst hat, wird sich vermutlich nie ganz klären lassen.

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Wie sollen die Gläubigen und diözesanen Mitarbeiter angesichts dieser neuerlichen Schreckensnachricht an einer guten Zukunft des Erzbistums mitarbeiten? Das Engagement für die Ortskirche kann nicht vertagt werden. Papst Franziskus bietet den Verunsicherten einen Leitfaden an, der in keiner Synodalvorlage vorkommt: Die Liebe zur Kirche als Unterscheidungskriterium und Voraussetzung, um die Wahrheit, auch wenn sie unangenehm ist, angemessen auszusprechen.

Die Kirche besteht von jeher aus Sündern

Zudem unterstreicht der Papst die nüchterne Einsicht, dass die Kirche von jeher aus Sündern besteht. Wer das beherzigt, wird heute keine vollkommenere Kirche vorfinden, aber ein realistischeres Bild von sich selbst und dem Nächsten gewinnen.

Als praktische Übung besteht Papst Franziskus darauf, die üble Nachrede zu unterlassen, aber um Vergebung zu bitten. Wer diesen Appell des Papstes ernst nimmt, stellt entscheidende Weichen für ein besseres Morgen der Kirche.

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