Kirche

Wie der Zucker im Tee

Nur gestärkt durch den Heiligen Geist verstehen wir, was Gott den Getauften heute sagen will, um seinen Willen zu tun.
Der Heilige Geist ist wie ein Zuckerstückchen im Tee
Foto: Sevablsv via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Heilige Geist ist wie ein Zuckerstückchen im Tee. Erst, wenn man ihn im eigenen Herzen wirbeln lässt, kann er wirken, sagt Schwester Theresia Mende.

Wir sind eine mobile Kirche auf zwei Beinen!“, so legt Schwester Theresia Mende uns Teilnehmern ihres Glaubenskurses das Wort Pauli aus, das sagt, wir seien „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Korinther 6, 19). Sie tut es nicht ohne den gebührenden Realismus: „Spüren Ihre Mitmenschen, dass Sie ein Tempel des Heiligen Geistes sind? Im grauen Alltag, bei all unseren Ängsten und in unserem Trott: Spüren wir da selbst, dass der Heilige Geist in uns wohnt?“

Himmelsbürger

Diese Frage stelle ich mir nicht zum ersten Mal. In den ersten Jahrhunderten war es der Markenkern des Christentums, dass die Christen unterscheidbar waren durch ihre Tugenden: „Im Fleisch befinden sie sich, aber leben nicht dem Fleische nach.

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Auf der Erde verbringen sie ihre Lebenszeit, aber im Himmel sind sie Bürger“, so schreibt im zweiten Jahrhundert der Verfasser des Diognet-Briefes über die Christen – was würden wohl die Menschen des 21. Jahrhunderts über sie schreiben? „Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch hört. Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben“, so sagt es schon ein mir liebes Gebet aus dem 14. Jahrhundert.

Kirche als Appetizer

Kurz nach der Auferstehung Jesu war die Kirche der Appetizer, der den Hunger nach Gott entfachte – und heute? Wenn viele Menschen sagen „Gott ja, Kirche nein“, ist dann nicht genau das Gegenteil der Fall?
„Kennen Sie das, wenn Sie eine Tasse Tee trinken und der Zucker sich auf dem Boden absetzt? Sie müssten den Tee nur umrühren und schon würde er süß: So ist es bei uns Menschen mit dem Heiligen Geist, den wir in Taufe und Firmung empfangen haben.

Nur wenn wir ihn in uns wirken lassen, kann er unser Leben verändern“, vergleicht Schwester Theresia treffend. „Als die Apostel vor Pfingsten im Abendmahlssaal eingeschlossen waren, da waren sie mutlos, sie verstanden die vielen Worte, die Jesus zu ihnen gesagt hatte, einfach nicht. So geht es vielen Katholiken heute im Abendmahlssaal: Die Worte der Liturgie erscheinen vielleicht ehrwürdig und schön, aber vielen Menschen erscheinen sie wie tote Hülsen.

Für tote Vokabeln lässt sch niemand hinrichten

Sie entzünden nicht mehr, sie machen uns nicht stürmisch und feurig, sie werfen uns nicht aus der Bahn! – Aber das muss doch einmal anders gewesen sein: Für tote Vokabeln und ehrwürdige Begriffe hätte man sich gewiss nicht den Löwen in Rom vorwerfen oder als brennende Fackel im Garten von Kaiser Nero hinrichten lassen, hätte man nicht Familie, Hab und Gut verlassen, wäre man nicht in die fernsten Länder gereist, um sich dort für seinen Glauben hinrichten zu lassen! – Im Ursprung müssen schon gewaltige Flammen gezüngelt und die Herzen entflammt haben. Könnte das nicht heute wieder so werden?“

Schwester Theresia beeindruckt mich. Mir wird bewusst, dass ein Mangel an Verstehen und Missionseifer die Urerfahrung der Kirche zu sein scheint, der ihrer Gründung sogar voraus liegt. Die Situation der Kirche von heute ähnelt wohl jener der Jünger im Abendmahlssaal. Wir sind mit viel Wissen begabt. Die Heilsgeschichte zu studieren, das war wohl nie so leicht wie im digitalen Zeitalter.

Verstand steht dem Herzen im Wege

Und doch: Vieles davon bleibt ungelebt, weil wir es vielleicht mit dem Verstand, aber nicht mit dem Herzen erfasst haben. Der heilige John Henry Newman, dessen Wappenspruch „Cor ad Cor loquitur“ – „Das Herz spricht zum Herzen“ – diese Erfahrung einfängt, hat es einmal trefflich formuliert: „Eloquenz und Verstand, Schlauheit und Gewandtheit können eine Sache schnell voranbringen, doch mit ihnen geht sie dann auch zugrunde. Sie kann dann nicht in den Herzen der Menschen Wurzeln schlagen und wird keine Generation überdauern. Mit einem Herzen, das von den Toten auferweckt wurde, und mit Gefühlen, die vom Himmel kommen, können wir verlässlich und klar bezeugen, dass Christus lebt.“

Die Logik des Habenwollens und des Selbermachens, so ist mein Eindruck, verhindert diese Auferstehung unserer Herzen. Je gescheiter ich bin, umso mehr bin ich gefährdet, jegliches Vertrauen auf Gott durch Selbstüberschätzung zu ersetzen und meine eigene Mutlosigkeit und Begrenztheit auch zur Grenze Gottes und der Kirche zu erheben. Eine gelehrte Runde im stillen Abendmahlssaal? Wo kann Gott darin noch wirken?

Worte Jesus wurden in den Herzen auferweckt

Das Pfingstwunder erschließt uns Schwester Theresia mit dem Hinweis, dass es der Heilige Geist war, der in den Aposteln „gewirbelt“ hat, sodass die Worte Jesu, die wie ein Bodensatz in ihnen schlummerten, auferweckt und wirksam wurden. Ein Getöse ging durch ganz Jerusalem, alle verstanden das Zeugnis der Apostel in ihrer Sprache. Obwohl es kreuzgefährlich war, hatte Petrus den Mut, der aufgebrachten Menge, die schon einmal einen vom Heiligen Geist erfüllten Menschen gekreuzigt hatte, seine Predigt zu halten.

Frei von Angst, ohne die inneren Grenzen seiner menschlichen Gedanken und entgegen aller Opportunität tritt Petrus auf! Die Betrachtung der Wettenhausener Dominikanerin erinnern mich an ein Wort einer anderen Ordensschwester. „Wenn Du nicht den Mut hast etwas Lächerliches zu tun, wird Gott auch nichts Wunderbares daraus machen“, hatte die EWTN-Gründerin Mutter Angelica zu ihrem Motto erhoben.
Petrus gelingt es, dass sich dank seiner Verrücktheit oder – besser gesagt – seines Mutes an jenem Pfingsttag 3 000 Menschen der Gemeinde anschließen.

Sich vom Heiligen Geist durchwirbeln lassen

Der Weg, der vor ihm und den Aposteln liegt, kennt viele Bedrängnisse und führt ins Martyrium, doch „nichts kann sie erschrecken, denn sie tragen Jesus und den Heiligen Geist in ihrem Herzen“, wie Schwester Theresia sagt und auf das Wort Petri verweist: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben!“ (Apostelgeschichte 4, 19–20)

Wenn Gott durch seine Kirche sichtbar werden und die Welt verwandeln will, dann muss ich mich vom Heiligen Geist durchwirbeln und den zu oft zum Bodensatz gewordenen Glaubenseifer rühren lassen. Die Anbetungszeit ist dieses Mal verbunden mit der Erneuerung des Taufversprechensund einem Gebet um den Heiligen Geist, das der Priester unter Auflegung seiner Hände über jeden einzelnen Teilnehmer spricht. Mir kommt eine Strophe aus der Pfingstsequenz in den Sinn: „Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele Grund“ – und wirbele!

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