Kirchenlehrer

Petrus Canisius: „Wölfe abwehren und den Glauben schützen“

Der Jesuit Petrus Canisius wirkte als Theologieprofessor, päpstlicher Theologe auf dem Konzil von Trient, Ordensprovinzial, Bildungsreformer, Berater in Kirche und Politik, Schriftsteller, Prediger und Seelsorger.  Ein Gespräch über Auswege aus der Kirchenkrise. 
PETRUS CANISIUS
Foto: Picasa | Der Jesuit Petrus Canisius im fiktiven Gespräch mit Michael Fiedrowicz.

Verehrter Pater Canisius, wer Auswahlsammlungen Ihrer Briefe zur Hand nimmt, findet dort in der Regel auch einen Abschnitt „Briefe zur kirchlichen Reform in Deutschland“. Der Leser ist frappiert von den Parallelen zwischen der Situation zu Ihrer Zeit im 16. Jahrhundert und dem gegenwärtigen Erscheinungsbild der Kirche in unserem Land. Sie sprechen ganz unverblümt von der „darniederliegenden Kirche in Deutschland“.

Leider kann ich diese Einschätzung nur bestätigen. Einen Unterschied sehe ich allerdings in folgendem Punkt: Zu meiner Zeit breitete sich der Protestantismus als eigenständige Konfession rasant aus und drängte die katholische Kirche an den Rand. Heutzutage scheint mir der Protestantismus zu weiten Teilen eher profillos und verweltlicht, während gleichzeitig im Zuge mancherlei Reformbestrebungen von einer Protestantisierung der katholischen Kirche gesprochen wird. Ich denke nur an bestimmte Anliegen und Forderungen des sogenannten Synodalen Weges.

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Dieser Vorwurf gefällt nun einigen Wortführern dieses Prozesses ganz und gar nicht. Sie selbst sprachen aber schon von Bischöfen, die „sich geben wie Halblutheraner und nicht wie Katholiken“.

Das war die eine Seite der damaligen und wohl auch derzeitigen Misere. Die andere Seite dieser prekären Situation der kirchlichen Hierarchie in Deutschland war das, was ich „dormitantia“ nannte, die Schlafmützigkeit der Bischöfe, die die Gefahren nicht erkannten, welche die Kirche in ihrer Identität bedrohten, geschweige denn angemessen darauf reagierten. Ich schrieb: „Es fehlt unseren Hirten an Zuversicht und Unerschrockenheit, weil sie die katholische Kirche in Deutschland sozusagen für verloren halten.“

Ein bekanntes Wort von Ihnen lautet: „Petrus schläft, Judas aber wacht, und die Gesamtlage wird immer schlechter, so dass bald kaum mehr ein Schatten der früheren Kirche uns übrigbleibt.“

Der Papst war zu meiner Zeit nicht das Problem. In einem Gutachten zur Lage der Kirche in Deutschland schrieb ich im Sommer 1576 an den päpstlichen Diplomaten Kardinal Morone: „Dadurch wird dieses Übel fast unheilbar, dass der niedere und höhere Klerus die römische Kirche nicht als Mutter und Oberhaupt aller Kirchen anerkennen und nicht auf ihre Mahnung und Lehre hören will.“ Es gab also auch schon damals einen deutschen Sonderweg. Im selben Schreiben empfahl ich, der Heilige Vater solle die Apostolischen Nuntien in diesem Lande belassen, „damit die durchwegs schlafmützigen Bischöfe aus ihrem tiefen Schlaf aufgeweckt werden“.

Einige Jahre zuvor, 1567, hatten Sie dem Bischof von Würzburg mit schonungsloser Offenheit die Lage geschildert: „Mit Wissen und Willen gehen wir zugrunde, wenn wir uns nicht ernstlich auf den schlimmen Zustand Deutschlands, das jetzt wie auf den Tod krank und rettungslos verloren darniederliegt, und auf die dafür notwendigen Gegenmittel besinnen.“ Worin lagen Ihrer Überzeugung nach diese erforderlichen Maßnahmen?

„In Glaubenssachen den Sektieren nachzugeben, geht nicht an; Kompromisse beschleunigen nur den Untergang der Religion“, betonte ich in derselben Denkschrift an den Würzburger Oberhirten.

Gegenwärtig hat man den Eindruck, die Bischöfe seien durch öffentliche Kritik an den Missbrauchsskandalen derart eingeschüchtert und nur noch ängstlich auf Schadensbegrenzung fixiert, dass sie genuin katholische Positionen kaum noch selbstbewusst zu vertreten wagen.

Lassen Sie mich nochmals aus dem Schreiben an den Würzburger Bischof zitieren: „Der Klerus sieht, wie den Gegnern der Kirche gewichtige Gründe in die Hand gegeben sind und ständig neu gegeben werden, um den Lebenswandel und die Missgriffe der Kirchendiener anzugreifen. Aber all die Plage so mancher Jahre hat die Geistlichen nicht verständiger gemacht, so dass man lieber die Kirche ganz zugrundegehen lassen will, als dass man auf priesterliche Pflichterfüllung und auf die Beobachtung der kirchlichen Vorschriften drängt. Die Bischöfe und andere Kirchenführer werden durch die erbärmliche Lage eingeschüchtert, sie fürchten immer neue Unruhen, einer wartet auf den andern, der als erster das Glatteis betreten soll. Und sie lassen alles laufen, wie es läuft.“ Meine Forderung hingegen lautete, „Wölfe abzuwehren und die Herde zusammenzuhalten, das heißt den Glauben zu schützen und wenigstens einmal anzufangen mit der wahren Reformation der Kirche.“

Worin sollte diese Ihrer Auffassung nach bestehen?

In einer Denkschrift über die Tätigkeit meiner Ordensbrüder in Deutschland nannte ich einige Punkte: Zu einer wahren Erneuerung gehört, „dass wir gute Prediger, bedeutende Theologieprofessoren, tüchtige Schriftsteller, erfahrene Lehrer, eifrige Beichtväter und beim Volk beliebte Priester in Deutschland einsetzen“.

Sie selbst waren in allen Bereichen überaus aktiv. Als „Zweiter Apostel Deutschlands nach dem heiligen Bonifatius“, wie Papst Leo XIII. Sie nannte, trug Ihr vielseitiges Wirken maßgeblich zur Erneuerung der Kirche in diesem Land bei. Im Zusammenhang mit der Heiligsprechung erfolgte 1925 auch Ihre Erhebung zum Kirchenlehrer. Gelehrsamkeit verlangt zunächst intensive Studien. Sie galten als leidenschaftlicher Büchersammler aus allen Sachgebieten und statteten auch die von ihnen gegründeten Ordenshäuser und Studienkollegien großzügig mit Bibliotheken aus. Hatten Sie persönlich Lieblingsautoren?

Eindeutig die Kirchenväter. Ein gelehrter Kopf hat einmal nachgezählt. In meiner zweibändigen Auslegung der Sonntagsevangelien, die ich 1591 und 1593 veröffentlichte, finden sich circa 1 900 Zitate von ihnen.

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Warum gerade diese frühchristlichen Autoren?

Im Widmungsbrief zum genannten Werk begründete ich dies: „Wir hielten es für sachgemäß, zu dem, was wir selber meinen, auch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift und den Denkmälern der Väter beizusteuern. Den Frommen gefallen sie nämlich gleich leuchtenden kleinen Sternen und kostbaren Steinen; oft widerlegen sie die gottlose Neuerung, nicht selten erklären und bekräftigen sie die heute ganz besonders bekämpfte Wahrheit des rechten Glaubens.“

Ein Mitbruder aus dem Jesuitenorden widmete Ihnen vor einigen Jahren einen Aufsatz mit dem Titel „Petrus Canisius und die Kirchenväter“. Pointiert begründete er Ihre Wertschätzung der frühchristlichen Theologen mit den Worten: „Ausweg aus der Kirchenkrise“.

Ja, da fühle ich mich ausgezeichnet verstanden. Abschließend möchte ich aus der Vorrede meiner Ausgabe der Kirchenväter Cyrill von Alexandrien und Leo dem Großen zitieren, um zu verdeutlichen, worum es mir dabei ging: „Wenn wir Bischöfe hätten, wie sie die früheren Zeiten in einem Athanasius, einem Ambrosius, einem Cyrillus hatten, könnten wir mit aller Sicherheit hoffen, dass das jetzt so aufgewühlte Deutschland zur Ruhe und inneren Geschlossenheit zurückfände. Das Volk wird die Stimme eines echten Hirten hören. … Ersteht uns heute kein Bischof wie Cyrillus, der in seiner Heiligkeit und geistigen Überlegenheit dieser religiösen Revolution in Deutschland Einhalt gebietet?“


Der Autor hat den Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Altertums, Patrologie und Christliche Archäologie an der Theologischen Fakultät Trier inne.

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