Synodaler Weg

Die Jongleurtricks  der Synodaltheologen

Wie der Synodale Weg mit sprachlichen Tricks die Heilige Schrift unterläuft und Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils ignoriert.
Wie Synodale Weg mit sprachlichen Tricks die Heilige Schrift unterläuft
Foto: Adobe Stock / Collage: Stefanie Rielicke | Der synodale Weg legt einen Grauschleier über die wirklichen Orte der Erkenntnis und schafft sich selber neue Erkenntnisorte.

Bekanntlich soll man an dem Ast, auf dem man sitzt, nicht sägen. Doch solch ein suizidales Unterfangen zeichnet sich auf dem Synodalen Weg ab. Besonders tief sägten die Synodalen bei der dritten Synodalversammlung. Am ersten Tag rüttelten die Synodalen an den Grundfesten des Glaubens und der Theologie.  Als über den Orientierungstext sowie den Grundtext des ersten Synodalforums "Macht und Gewaltenteilung" endgültig abgestimmt wurde, zeigte sich ein Bruch mit der bisherigen Lehre durch die Neudefinition von Begriffen wie "Zeichen der Zeit", dem "Glaubenssinn der Gläubigen" und dem "Lehramt der Betroffenen".

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Die Loci-Lehre

Sie werden als Erkenntnisquellen der klassischen loci-Lehre des Dominikaners Melchior Cano gegenübergestellt. Cano zufolge sind theologische Orte Erkenntnisquellen, aus denen man im theologischen Diskurs schöpft. Cano formuliert insgesamt zehn loci   sieben theologische Orte im eigentlichen Sinne (loci proprii) sowie drei Hilfsmittel (loci alienii). Zur ersten Gruppe gehören die Bibel, die apostolische Tradition, die Konzilien, die katholische Kirche, die römische Kirche beziehungsweise der Papst, die Kirchenväter und die Theologen. Zur zweiten Gruppe gehören die menschliche Vernunft, die Philosophie und die Geschichte. Cano möchte aufzeigen, dass die primäre Erkenntnisquelle der Theologie die göttliche Offenbarung und nicht die Vernunft ist.

Das Zweite Vaticanum hat die Bedeutung des Gottesvolkes eingehender reflektiert und stellte heraus, dass nicht nur die Gesamtheit der Bischöfe weltweit zusammen mit dem Papst nicht irren kann, sondern auch die Gesamtheit der Gläubigen (LG 12). Dies zitiert der Synodale Weg häufig, lässt aber den darauffolgenden Satz weg: "Durch jenen Glaubenssinn nämlich ( ) hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes ( ) den einmal den Heiligen übergebenen Glauben unverlierbar fest." Der sensus fidei fidelium, der Glaubenssinn der Gläubigen, kann also nicht einfach gegen das Lehramt ausgespielt werden.

„Beim Synodalen Weg zeichnet sich ein Bruch mit der bisherigen Lehre durch die Neudefinition von Begriffen wie „Zeichen der Zeit“, dem „Glaubenssinn der Gläubigen“ und dem „Lehramt der Betroffenen“ ab.“

Das wahre Lehramt

Das Lehramt ist der von Christus den Aposteln und ihren Nachfolgern, also dem Papst und den Bischöfen, erteilte Auftrag, seine Lehre mit dem Beistand des Heiligen Geistes zu allen Zeiten unverfälscht zu verkünden. Darüber hinaus prüft das Lehramt, ob die Meinungen des sensus fidei mit der apostolischen Tradition übereinstimmen. Der sensus fidei und sein Verhältnis zum Lehramt sind im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder untersucht worden und sollten bereits auf dem Ersten Vaticanum diskutiert werden, was durch das abrupte Konzilsende nicht mehr geschah. Er ist zudem nicht durch Taufe und Firmung automatisch wirksam. Die Internationale Theologische Kommission hat 2014 mit dem Schreiben "Sensus fidei im Leben der Kirche" Voraussetzungen dafür genannt: die Teilhabe am kirchlichen Leben, das Hören auf das Wort Gottes, die Offenheit gegenüber der Vernunft, das Festhalten am Lehramt, das Streben nach Heiligkeit und Demut und die Bemühung um die Erbauung der Kirche.

Was sind die "Zeichen der Zeit"? Der Begriff geht auf Matthäus 16 zurück und ist von Johannes XXIII. in zwei Enzykliken aufgegriffen worden, bevor die Konzilsväter des Zweiten Vaticanum ihn in verschiedenen Dokumenten übernommen haben. Gaudium et Spes verwendet ihn intensiv, zum Beispiel GS 4: "Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten." Die Zeichen der Zeit müssen von der göttlichen Offenbarung her bewertet werden und können nicht gegen sie ausgespielt werden.

 

 

Verschiebung der Ebenen

Der Orientierungstext selbst sowie die Redebeiträge bei der Synodalversammlung zeigen jedoch immense Abweichungen von der bisherigen Bedeutung der obigen Begriffe. So wertet der Orientierungstext die Zeichen der Zeit, den Glaubenssinn der Gläubigen und die akademische Theologie zu neuen loci proprii auf und stellt sie auf eine Ebene mit der göttlichen Offenbarung in Schrift, Tradition und Lehramt. Mit dieser Neuausrichtung entfernen sich die Synodalen von der bisherigen Lehre, pikanterweise auch vom Zweiten Vaticanum. Gaudium et Spes wird immer wieder einseitig zitiert, sodass der Bezug der Zeichen der Zeit zum Evangelium verdunkelt wird. Es wird nicht herausgestellt, unter welchen Voraussetzungen überhaupt ein sensus fidei gegeben ist und wie sein Verhältnis zum Lehramt ist. Überdies fällt auf, dass die akademische Theologie das bisherige kirchliche Lehramt zu verdrängen versucht.

Nicht minder problematisch ist die These vom Lehramt der Betroffenen. Dieser Begriff fiel bei einem Schlagabtausch während der zweiten Vollversammlung und wurde in den Grundtext des ersten Synodalforums "Macht und Gewaltenteilung" aufgenommen. Es gehe dabei um ein gesondertes Lehramt der Missbrauchsopfer, deren Stimme von sich aus Autorität für die Lehre der Kirche besitze. Schon im Vorfeld der dritten Vollversammlung befürchteten Theologen wie Jan-Heiner Tück die Instrumentalisierung der Missbrauchsbetroffenen, da ihnen Lehrautorität zugeschrieben würde.

Änderungen der Lehre werden so möglich 

Das bedeutet konkret, dass grundlegende Änderungen der bisherigen kirchlichen Lehre durch dieses besondere Lehramt eine Legitimation erhalten sollen. Wie ist das möglich? Dieser Gedanke lässt sich ableiten von der zuvor verabschiedeten Aufwertung des sensus fidei und der einseitig verstandenen Unfehlbarkeit des gesamten Gottesvolkes vom Zweiten Vaticanum her. Die Missbrauchsbetroffenen gehören dem Gottesvolk an, ihre Stimme ist ein Zeichen der Zeit. Der Terminus "Lehramt der Betroffenen" ist zwar nicht angenommen worden, die Betroffenen sind jedoch zum locus theologicus aufgewertet worden, so der angenommene Alternativvorschlag. Die Konsequenzen sind verheerend.

Die Reformbestrebungen bezüglich Kirche, Priestertum, der Rolle der Frau, der Sexualmoral etcetera werden nun auf einer vermeintlich gesicherten theologischen Grundlage vorgenommen. Doch was sagen die Betroffenen? Der Begriff "Lehramt der Betroffenen" wurde mit den Betroffenen selbst nicht abgestimmt, nicht einmal der DBK-Betroffenenbeirat wusste davon. Viele Betroffene, darunter auch bekannte Namen wie der Publizist Bernhard Meuser, melden sich zu Wort und tragen diese Reformbemühungen nicht mit. Sie sprechen sich klar gegen die Veränderung der Lehre unter dem Vorwand des Missbrauchs aus und benennen ganz deutlich den Missbrauch mit dem Missbrauch. Aus pastoraler Sicht scheint dieser neue locus theologicus nicht das gewünschte Ziel zu erreichen. Findet eine Instrumentalisierung der "Option für die Armen" statt wie bei der Befreiungstheologie?

Relevanzverlust der Bibel

Auch aus ökumenischer Sicht ist der bei der letzten Vollversammlung demokratisch abgestimmte Paradigmenwechsel kritisch infrage zu stellen: Wenn nicht mehr die göttliche Offenbarung den höchsten Stellenwert in Theologie und Kirche besitzt, sondern neben Zeichen der Zeit, Glaubenssinn der Gläubigen, insbesondere den Missbrauchsopfern, sowie der akademischen Theologie steht, bedeutet dies letztendlich den Relevanzverlust der Heiligen Schrift. Im ökumenischen Dialog mit den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, scheint eine solche Bedeutungsverschiebung kontraproduktiv.

Die vermeintlichen Spitzfindigkeiten unter Theologen im Rahmen der dritten Synodalversammlung sind keineswegs harmlos. Sie haben vielmehr verheerende Folgen. Mithilfe von terminologischen Jongliertricks verabschiedet sich der Synodale Weg von der bisherigen theologischen Erkenntnislehre und bricht mit dem so oft zitierten Zweiten Vaticanum.

Beim Synodalen Weg zeichnet sich ein Bruch mit der bisherigen Lehre durch die Neudefinition von Begriffen wie "Zeichen der Zeit", dem "Glaubenssinn der Gläubigen" und dem "Lehramt der Betroffenen" ab. Sie werden als Erkenntnisquellen der klassischen loci-Lehre des Dominikaners Melchior Cano gegenübergestellt. Die Zeichen der Zeit müssen aber von der göttlichen Offenbarung her bewertet werden und können nicht gegen sie ausgespielt werden. Daran scheitert der Orientierungstext.

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