Saint-Etienne-du-Rouvray

Märtyrer Jacques Hamel: Bald ein neuer Seliger?

Heute vor sechs Jahren wurde Pfarrer Jacques Hamel im normannischen Saint-Etienne-du-Rouvray von zwei Islamisten ermordet. Seine Pfarrei ist Ziel wachsender Pilgergruppen.
Saint-Etienne du Rouvray
Foto: Nicholas Orchard via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der kleine Ort Saint-Étienne-du-Rouvray zieht seit Jahren mehr und mehr Pilger an, die das Grab Jacques Hamels in Bonsecours und die Stelle seines Martyriums besuchen.

Es passierte am 26. Juli 2016. Während im hunderte Kilometer entfernten Krakau die katholische Jugend der Welt den 31. Weltjugendtag feierte, geschah im kleinen normannischen Dorf Saint-Etienne-du-Rouvray das Unglaubliche: Der 85 Jahre alte Pfarrer Jacques Hamel feierte in Anwesenheit von vier Gläubigen seine tägliche heilige Messe, als zwei bewaffnete Individuen mit dem Schrei „Allahu Akbar“ in die Kirche eindrangen. Vor den sprachlosen Gläubigen zwingen sie den alten Geistlichen auf die Knie, bevor sie ihn mit 18 Messerstichen ermorden. Einer der Gläubigen wird schwer am Hals verletzt. Die letzten Worte des Priesters sind: „Weiche von mir, Satan“. Die Neuigkeit breitet sich mit rasender Schnelligkeit aus und löst unter den Katholiken weit über Frankreich hinaus Entsetzen und Trauer aus. 

Anlass, den Dialog mit Muslimen zu intensivieren

Am heutigen Morgen feierte Erzbischof Dominique Lebrun eine Gedenkmesse in Saint-Étienne-du-Rouvray, in deren Anschluss die Kommune eine republikanische Gedenkzeremonie vorgenommen hat. Im Interview mit „Famille Chrétienne“ erklärt Erzbischof Lebrun, dass das Martyrium Jacques Hamels sein Leben als Bischof für immer geprägt habe. Für ihn sei es auch Anlass, den Dialog mit Muslimen zu intensivieren. Er zweifle nicht an der Aufrichtigkeit von muslimischen Gläubigen, die ihren Glauben praktizieren. „Aber ich setze den muslimischen Glauben nicht mit dem christlichen Glauben gleich. Es ist nicht derselbe. Tatsächlich ist das Erstaunliche und der eigentliche Gegenstand meines Glaubens, dass der Sohn Gottes selbst Mensch geworden ist.“

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Christen, so der Erzbischof, glaubten, das Jesus wahrer Gott und wahre Mensch zugleich sei. Gottes Liebe zum Menschen berühre jede menschliche Person. In Bezug auf Muslime, für die Gott unerkennbar bleibe, frage er sich daher: „Wie betrachten Muslime also die menschliche Person? Hat sie ein Recht auf diesen bedingungslosen Respekt? Dies ist ein Dialog, der nicht immer einfach ist, den ich mit meinen muslimischen Freunden zu führen versuche.“

Der kleine Ort zieht seit Jahren mehr und mehr Pilger an, die das Grab Jacques Hamels in Bonsecours und die Stelle seines Martyriums in Saint-Étienne-du-Rouvray besuchen. Anlässlich des sechsten Jahrestags hat die Gemeinde von Saint-Étienne eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um die Räumlichkeiten neben dem Pfarrhaus Jacques Hamels zu einem kleinen Pilgerzentrum auszubauen.

Märtyrertod: Kein erstes Wunder notwendig

Jaques Hamel hat fast sein ganzes Leben in der Normandie verbracht. Geboren wurde er 1930 im kleinen Darnétal, nur ein paar Kilometer entfernt vom Ort seines Martyriums, neben der Kreisstadt Rouen. Auf dem Marktplatz von Rouen wurde 585 Jahre früher, am 30. Mail 1431, die heilige Jeanne d‘Arc als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Mit 28 Jahren wurde Jacques Hamel zum Priester des Erzbistums Rouen geweiht, um für den Rest seines Lebens als Pfarrer ein verborgenes Leben des Dienstes zu führen. 

Noch am Tag des Anschlags ließ Papst Franziskus ein Kondoleanz-Telegramm an den Erzbischof von Rouen schicken. Am folgenden Tag erklärte er auf dem Flug nach Krakau zum Weltjugendtag:  „Dieser heilige Priester, der gerade in dem Moment starb, als er das Gebet für die ganze Kirche darbrachte, ist einer; aber wie viele Christen, wie viele Unschuldige, wie viele Kinder… (…) Es ist Krieg. Wir haben keine Angst, diese Wahrheit auszusprechen: Die Welt befindet sich im Krieg, denn sie hat den Frieden verloren.“

Bereits drei Monate nach der grausamen Ermordung des Priesters hat Papst Franziskus den Beginn des Seligsprechungsprozesses im Erzbistum Rouen autorisiert. Da es sich um einen Märtyrertod handelt, ist für die Seligsprechung kein erstes Wunder notwendig. Die 11.500 Seiten lange Seligsprechungsakte liegt seit 2019 bei der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Sie enthält unter anderem über 600 Seiten Zeugenaussagen über seinen Tod und 5000 Seiten seiner Predigten. Das internationale Nachrichtenportal Aleteia berichtete Anfang des Jahres von Gerüchten zu einer gemeinsamen Seligsprechung mehrerer Märtyrer, die in den letzten Jahren Opfer von islamistischem Terror geworden sind. Das Portal erwähnt namentlich die drei Gläubigen Nadine, Simne und Vincent, die im Oktober 2020 in der Basilika von Nizza getötet wurden, obwohl bisher keine Seligsprechungsprozesse angestoßen wurden.

Aufarbeitungsprozess fand dieses Jahr statt

Vom 14. Februar bis zum 9. März dieses Jahres fand der Prozess gegen die Hintermänner des Mordes an Jacques Hamel statt. (Die Tagespost hat ausführlich berichtet.) Die Täter selbst waren noch am Ort des Anschlags von der Polizei erschossen worden. Der Prozess hat frankreichweit ein großes mediales Interesse hervorgerufen. Zeugen der Tat und Polizisten erzählten während des Prozesses von der „unglaublichen Gewalt“ der Täter. Die drei angeklagten Hintermänner des Anschlags wurden wegen „Bildung einer kriminellen terroristischen Vereinigung“ zu Haftstrafen von acht bis 13 Jahren verurteilt.

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